Buchbesprechung: Zivilisierte Völkermorde

Juli 29, 2008

Flecken an der Weste des Westens

Eine Aufsatzsammlung untersucht, ob nicht vielleicht auch der demokratisch aufgeklärte Westen den einen oder anderen Völkermord mit zu verantworten haben könnte

von Hermann Ploppa

Die Stereotypen über Völkermord in unseren Mainstream-Medien sind ebenso einförmig wie einprägsam. Wilde „Neger“ hauen sich gegenseitig die Köpfe ein, gischtspritzende Muslime selbstmordbomben nieder, was ihnen in den Weg kommt. Und hitzköpfige Balkan-Bewohner haben den ganzen Tag nichts anderes im Kopf als ihre Nachbarn aufzuschlitzen. Da ist es leider unerläßlich, daß wir Bürger der ebenso ab- wie aufgeklärten Demokratien Truppen in diese Regionen entsenden lassen, um dort Ordnung zu schaffen und diese anthropologisch mordlüsternen Wilden zur Raison zu bringen.

Dem hält Peter Dale Scott entgegen: „Die umfangreichen Gräueltaten dieses Jahrhunderts sind nicht in erster Linie aus spontanem Verhalten außer Kontrolle geratener Menschen hervorgegangen. Es waren manipulierte Gräueltaten, von staatlichen Kräften innerhalb der sog. zivilisierten Welt provozierte und ausgebeutete Ausschreitungen.“ Scott vertritt diese Häresie in einer intelligenten Aufsatzsammlung, die der US-amerikanische Wissenschaftler Adam Jones als Buch herausgegeben hat. Während es keinen Mangel hat an Dokumentationen und Strafverfahren gegen die Verlierer der Geschichte, und das sind vornehmlich Potentaten aus der Dritten Welt, sind Untersuchungen über den Völkermord, der von den aufgeklärten Demokratien des Westens ausgeht, seltsam spärlich gesät. Tatsächlich sind jedoch die westlichen Demokratien in keiner Weise ausgenommen von dem Mechanismus, daß schwächere Völker, die der Bergung von Rohstoffen im Wege stehen, oder die nicht geeignet erscheinen, als Juniorpartner mit den Eroberern zu kooperieren, ausgelöscht werden.

Die Besonderheit der westlichen Demokratien liegt begründet in der Befriedung Europas im 19. Jahrhundert. Die Friedensordnung seit 1815 schuf in der Bevölkerung eine Abneigung gegen rohe Gewalt, dem die Regenten seit 1864 mit einer Reihe von international ratifizierten Kriegs- und Friedenskonventionen Rechnung tragen mußten. Wenn man also weiterhin Völker morden wollte, mußte man das heimlich tun oder eine triftige Begründung anbieten. Jones verschmilzt die Wörter „Democracy“ und „Hypocrisy“ (Heuchelei) zu dem Kunstwort „Democrisy“, um den Umgang der Demokratien mit ihren Völkermorden zu bezeichnen. Da die westlichen Demokratien im Kräftemessen mit anderen Ordnungssystemen bislang immer der Sieger geblieben sind, konnten Kohorten von gut bezahlten Juristen ein Regelwerk erschaffen, das ausschließlich Akteure der unterlegenen Ordnungen strafrechtlich erfaßte. Für den Westen ergab sich eine „Kultur der Straflosigkeit“.

Die AutorInnen des vorliegenden Buches nehmen dagegen die aktive Rolle des Westens bei Völkermorden an Fallbeispielen unter die Lupe. Geiselexekutionen im Algerienkrieg, der Mord an Lumumba im Kongo, die Gräueltaten eines US-Senators im Vietnam-Krieg, Henry Kissingers Rolle beim Schlachtfest in Chile 1973 werden untersucht. Und es wird klar: die Kette der Scheußlichkeiten ist kein Ausrutscher, keine Disziplinlosigkeit mangelhaft kontrollierter Soldaten, keine übereifrige Ausführung von Anweisungen. Der Völkermord des Westens hat System, hat eine klare Struktur. Der Unterschied ist lediglich, daß die Auslöschung unerwünschter Existenzen früher von regulären Soldaten der Westmächte vorgenommen wurde. Seit Bilder vom Völkermord in jeden Haushalt flackern via Medien, werden zunehmend einheimische Söldner oder Undercover-Aufständische vorgeschickt, um den Medienbildern ein Lokalkolorit beizumischen. Regionen werden gezielt destabilisiert. Die West-kompatible Staatsautorität beginnt mit dem planmäßigen Schlachten. Die mißliebige Menschengruppe wird derart brutal eingeschüchtert, daß der Gedanke an Widerstand bereits Horror verursacht. Wenn nämlich, wie 1965 in Indonesien, Körperteile in Flüssen rumschwimmen wie Flößerholz in Kanada. Das ist „PsyWar“, jene ingeniöse Wissenschaft, für die in den USA Milliarden ausgegeben werden. Es folgt die Internierung der Mißliebigen in Sammellagern. Dann folgt die Auslöschung der kulturellen Festplatte dieser Unglücklichen.

Ward Churchill verweist in diesem Zusammenhang darauf, daß Raphael Lemkin 1944 für die UNO eine Völkermordkonvention entworfen hatte, die auch die kulturelle Auslöschung mit in den Kanon aufnahm. Auf Betreiben der USA wurde diese Klausel gestrichen. Aus gutem Grund: denn in den USA waren massenhaft Indianerkinder in Internate verschleppt worden, wo man sie zu Weißen umdressierte.

Die Aufsatzsammlung stößt immer wieder an Grenzen. Linda Melvern spricht bezüglich Ruanda von einem „geplanten Völkermord“, kann aber nicht sagen, wer hier geplant hat. Denis Halliday zeigt, wie die hochangesehene UNO sich im Irak beim Oil for Food-Programm zum Schlächterkomplizen der USA macht. Dort wie auch an fast allen anderen Völkermordstationen gehört die gezielte Zerstörung der zivilen Infrastruktur zum Charakteristikum der Attacken. So auch bei der Intervention der NATO in Jugoslawien. Und, so zeigt Eric Langenbacher an der Bombardierung Deutschlands durch die Allierten im Zweiten Weltkrieg, auch hier wurden Rüstungsbetriebe als Angriffsziele ausgespart und fast ausschließlich wehrlose Zivilisten sowie Rettungsmannschaften unter Beschuß genommen. Ein Massaker, für das es weder strategische noch moralische Begründungen gab.

Die Aufsatzsammlung von Adam Jones ist in der Analyse kompetent und differenziert. Sie kommt der schaurigen Wahrheit sehr nahe. Das verlangt nach Vertiefung. Denn überall, wo interessante Bodenschätze winken; überall, wo sich eine Vegetation und ein Klima findet, in dem es sich für Europäer gut leben läßt; überall dort entstehen über kurz oder lang Völkermorde. Und dann müssen wieder wir westlichen Demokraten kommen, um das Land dauerhaft zu besetzen, um Schlimmeres zu verhindern.

Adam Jones (Hg.): Völkermord und Kriegsverbrechen und der Westen Berlin 2005


Hitliste der 25 korruptesten Privatfirmen im Irak-Krieg

Juli 26, 2008

Es ist sicher verständlich, dass in den USA wenig getan wird, um für die Öffentlichkeit gut sichtbar und systematisch aufzulisten, wer eigentlich als Privatunternehmer an welchen Vorhaben in welchem Umfang im Irak sein üppiges Geld verdient.

So bleibt es Privatpersonen vorbehalten, die wenigen Versatzstücke, die aufgrund von Nachrichtenfetzen in die Öffentlichkeit rieseln, so zusammenzusetzen, dass wenisgtens gewisse Ahnungen von Zusammenhängen und Strukturen der Kriegskorruption sichtbar werden. Was herausdringt, haben meistens einige wenige Bürgeranwälte in langwierigen Prozessen der Omertá der Todesmakler abgetrotzt.

Die US-amerikanische Wirtschaftsblogseite Business Pundit http://www.businesspundit.com/the-25-most-vicious-iraq-war-profiteers/

hat den bescheidenen Versuch gewagt, eine Hitliste der 25 übelsten Kriegsprofiteure zusammenzustellen. Die Liste stellt keine Rangliste dar. Sie ist in keiner Weise vollständig: der Kriegskonzern Blackwater fehlt in der Liste. Bei manchen Konzernen kann der Gewinn genannt werden. Bei anderen Konzernen fehlen jegliche konkreten Zahlen; nur das wirtschaftliche und soziale Potential ist in etwa einzuschätzen.

Dennoch ist das von Business Pundit zusammengetragene Material eine gute Ausgangsbasis, um selber weiter zu forschen. Zu erstellen wäre dann weiterhin ein Organigramm und ein Soziogramm der US-amerikanischen Kriegskorruption.

Es gibt viel zu tun. Hier nun die „Hitliste“ von Business Pundit:

1.) Halliburton: Dieser Mischkonzern ist durch sein ehemaliges Aufischtsratsmitglied, dem amtierenden Vizepräsidenten der USA, Richard „Dick“ Cheney wohl der prominenteste Profiteur des Irak-Kriegs. Die Einkünfte aus Regierungsaufträgen für den Wiederaufbau im Irak betrugen zwischen 2003 und 2006 17.2 Milliarden US-Dollar.

2.) Veritas Capital/ Dyn Corp: Veritas Capital ist ein Finanzunternehmen, ein sog. private equity fund. Eine Tochterfirma von Veritas ist DynCorp, die bislang 1.44 Milliarden Dollar durch u.a. die Ausbildung der irakischen Polizei verdient hat. Den Rang als „Staat im Staate“ im Irak-Geschäft erlangte DynCorp nicht unwesentlich durch ihren Chef Dwight M. Williams, der früher Chief Security Officer beim Heimatschutzministerium gewesen ist.

3.) Washington Group International: Aufgaben: Beratung und Ausführung bei Reparatur, Wiederherstellung und Unterhaltung von Ölfeldern im Irak. Im Zivilbereich: Bau und Unterhaltung von Schulen, Militärbasen, kommunale Behörden und Wasserwerken. 931 Millionen Dollar Gewinn in den Jahren 2003 bis 2006.

4.) Environmental Chemical: Diese Firma konzentriert sich auf das Aufräumen und Säubern von Schlachtfeldern. Gewinn: 878 Millionen Dollar bis 2006.

5.) Aegis: Koordiniert Iraks private Sicherheitsoperationen. Hat einen Vertrag mit dem US-Verteidigungsministerium in Höhe von 430 Millionen Dollar abgeschlossen.

6.) International American Products: IAM ist zuständig für Stromnetze und Elektroanlagen in Kriegszonen. Dabei wurden in den letzten drei Jahren 759 Millionen Dollar Gewinn erzielt.

7.) Erinys: Eine britische Firma mit Sitz in London. Erinys rekrutiert und bildet aus 20.000 Wachleute zum Schutz der Ölfelder. Bislang 136 Millionen Dollar Gewinn.

8.) Fluor: Fluor betreibt in einem Joint Venture mit der Londoner Firma AMEC, PLC Wasser- und Abwasserleitungssysteme im Irak. Volumen: 1.1 Milliarden Dollar.

9.) Perini: Diese Firma ist skandalumwittert. Der Investor Richard Blum ist an die lukrativen Aufträge mit einem Volumen von 650 Millionen Dollar vermutlich durch die massive Hilfe seiner Gemahlin, der Senatorin Dianne Feinstein, gelangt. Frau Feinstein gehört nämlich dem Military Construction Approbriations Subcommittee an, also dem Senatsunterausschuss, der über die Mittelvergabe für das Militär entscheidet. Etliche Vorwürfe, öffentliches Mandat mit privaten Geschäftsinteressen verquickt zu haben, überstand die Senatorin bislang unbeschadet. Perini baut Schutzvorrichtungen vor Mörsergranaten und Raketen.

10.) URS Corporation: Derselben lukrativen Verquickung von öffentlichen Ämtern und privatwirtschaftlicher Initiative des Duos Blum/Feinstein verdankt die URS Corporation ein Auftragsvolumen von 792 Millionen Dollar. Hier geht es um Reinigungsarbeiten im großen Stil.

11.) Parsons: Parsons erbaut und unterhält Gesundheitszentren und Feuerwehrstationen, von US-Steuerzahler mit 540 Millionen Dollar finanziert. Bei 13 der 14 Parsons-Objekte im Irak gab es massive Beanstandungen wegen grobem Pfusch bei der Bauausführung.

12.) First Kuwaiti General Trading and Contracting: Eine große Baufirma. Konkurrenten beschweren sich, dass es bei der Vergabe der Bauaufträge an die First Kuwaiti keine vorherige Ausschreibung gegeben habe. So sei der Auftrag zum Bau der US-Botschaft in Baghdad im Umfang von 500 Millionen Dollar ohne Wettbewerb an die FKGTC gegangen.

13.) Armor Holdings: Armor Holdings stellt für die US-Stritkräfte im Irak Panzerung für Fahrzeuge und Schutzkleidung für die Soldaten her. Gewinne seit 2001: 634 Millionen Dollar.

14.) L3 Communications: Auswahl und Ausbildung der irakischen Polizei und Wachdienste. Liefert Ersatz von Equipment für die Truppen. Weiterhin Sprachausbildung und Übersetzungsarbeiten. L3 kaufte die Firma Titan, die Geschäfte im Umfang von einer Milliarde Dollar im Irak abwickelt. Die Aufträge hatte Titan zumindest teilweise durch Bestechung ergattert, wofür die Firma 28.5 Millionen Dollar Strafe zahlen mußte.

15.) AM General: ein Tochterunternehmen der Firma Penco. AM baut große Fahrzeuge für Armee und zivile Firmen. Konkrete Zahlen sind nicht bekannt.

16.) HSBC Bank: Erwarb 79% Anteile an irakischer Nationalbank Dar es Salaam Investment Bank, die stark expandiert.

17.) Cummins: Baut Dieselmaschinen und Kraftwerke. Erste Firma, der es gelungen ist, im Irak ein flächendeckendes Kundendienstnetz aufzubauen. Umsatz: 45 Millionen Dollar.

18.) Merchant Bridge: Eine Investment-Bank. Beteiligt in Bauwesen, Telekommunikation, Finanzdienste, Immobilien, Hotels und Informationstechnologie. Genießt im irakischen Industrieministerium den Status als „führender Berater“. Keine konkreten Zahlen bekannt.

19.) Global Risk Strategies: Berät Firmen und Streitkräfte bei Risikoabschätzung und –absicherung. Umsatz: 24.5 Millionen Dollar.

20.) Control Risks: Eine britische Firma.Bewaffneter Geleitschutz und Logistik für Truppen zu Lande und in der Luft. 37 Millionen Dollar Profite.

21.) CACI: Privates Gefängnisunternehmen. Berühmt geworden durch Exzesse in Abu Ghraib. Keine konkreten Zahlen bekannt.

22.) Bechtel: Schon lange profiliert als von Dick Cheney protegiertes Bauunternehmen. Erhielt staatliche Bauaufträge für Irak im Umfang von 2.4 Milliarden Dollar, ohne dass eine Ausschreibung stattgefunden hätte. So wurde Bechtel die Fertigstellung eines Kinderkrankenhauses in Basra entzogen, nachdem Bechtel anderthalb Jahre hinter dem Plan herhinkte und bereits 90 Millionen Dollar mehr verbaut hatte als vorgesehen war.

23.) Custer Battles: Es liegen keine Angaben über Umsatz und Gewinn vor. Diese Firma ist weitgehend aus dem Rennen, da allzu oft mit gefälschten Rechnungen erwischt.

24.) Nour USA: Diese Firma wurde extra für den Irak-Krieg gegründet. Ist mit dem Schutz von Pipelines betraut. 400 Millionen Gewinn. Der ehemalige Verteidigungsminister unter Clinton, William Cohen, sitzt rein zufälig im Aufsichtsrat.

25.) General Dynamics: GD bietet eine breite Palette von Produkten aus dem Bereich Waffen und Munition. U.a. das Panzerfahrzeug Stryker.


Von Osama zu Obama

Juli 25, 2008

Kommentar

Vom Osama zu Obama

Hermann Ploppa

Mehr Bomben für Afghanistan

Mehr Bomben für Afghanistan

Es ist das gleiche Schema fast überall auf der Welt: wenn gefoltert wird, kommen zuerst brutale Schergen daher, die dem unglücklichen „Delinquenten“ die Zähne ausschlagen und dessen Weichteile traktieren. Nach einer „Besinnungspause“ kommt dann ein anderer Beamter, der dem Folteropfer freundlich eine Zigarrette anbietet, höflich mit ihm spricht, Linderung der Qualen in Aussicht stellt: „Ich will Ihnen ja nur helfen, dass Sie hier rauskommen!“ Dankbar, überhaupt wieder als menschliches Subjekt engesprochen zu werden, ist der Gefolterte nun möglicherweise bereit, auf die Forderungen seiner Peiniger einzugehen.

Da war zuerst das Phantasma des allgegenwärtigen Osama bin Laden. Zwar weiß bis heute niemand, ob der Mann im Jahre 2001 überhaupt noch existiert hat, und ob er heute noch unter den Lebenden weilt. Aber unter diesem Gesicht, verbunden mit der phantastischen Erzählung von einer sagenhaften Weltverschwörung von Al Quaida, wurde in den folgenden Jahren der Mittlere Osten zusammengeschlagen, dass es so seine Art hat. Ohnmächtig die Fäuste ballend, mußten die Bürger in den zivilisierten Ländern diesem Verbrechen an der Menschheit und Menschlichkeit zusehen.

Heute, im Sommer 2008, sind etwa 1 Million unschuldige Zivilisten in einem Todesgürtel von Irak bis Afghanistan durch diese kriegerischen Handlungen umgekommen.

Die „Warmonger“, die Kriegstreiber in den USA haben ein Imageproblem: George Bush der Jüngere ist als Verkäufer des Krieges verbraucht und in der Öffentlichkeit – egal ob in den USA oder im „Rest“ der Welt – absolut unten durch. Und der alte Kriegshaken und Vietnam-Haudegen John McCain ist vielleicht doch nicht so zugkräftig, dass er die Wahlen im November für sich entscheiden kann.

Und da kommt ER: Barack Obama. Ein Strahlemann mit dem Image, einer ethnischen Minderheit anzugehören, der man in den USA bis 1965 weder Menschen- noch Bürgerrechte zuerkennen wollte. Beladen wird Obama mit dem Mythos, kraft persönlicher Ausstrahlung als charismatischer Führer alles besser zu machen als seine Vorgänger. Dabei wird gar nicht mehr gefragt, was denn dieser Obama eigentlich anders machen will als sein Vorgänger. Jeder träumt sich seinen eigenen Obama zurecht. Ein Supermann, der die Bösen in die Schranken weisen wird.

Nun, es gibt in den USA mächtige Kreise, die zur Mäßigung und zu sensiblerem Umgang miteinander aufrufen. Beispiel Außenpolitik: der einst so allmächtige Council on Foreign Relations hat in unzähligen Denkschriften dazu aufgerufen, den Iran nicht abzustoßen, sondern als Partner in ein mittelasiatisches Sicherheitsnetz einzubinden. Ist also Obama vielleicht ein Mann des CFR und seiner Freunde? Heißt: „Yes, we can!”, jawohl, wir entschärfen die Spannungen, und kehren zur erfolgreichen indirekten Herrschaft des Kapitalismus zurück?

Denkste Pustekuchen. Obama tritt vor der aggressiven Israel-Lobbyvereinigung AIPAC auf und verspricht kriegerisches Handeln gegen den Iran. Obama ist nur deswegen für einen geordneten Rückzug aus dem Irak, damit die freiwerdenden Truppen, zusammen mit neu hinzugepreßten Truppen aus Europa, umso aggressiver in Afghanistan auftreten können. Ja, sogar vor einem Krieg gegen/in Pakistan will Obama nicht zurückscheuen, wie er in der New York Times vom 14.7.08 verkündete.

Ja, wir können es ändern. Nämlich den Krieg in Afghanistan radikalisieren. Noch mehr Militär in dem nun schon seit 30 Jahren kriegsgeplagten Afghanistan, heißt noch mehr Widerstand. Die ewige Eskalationsschraube – und sie dreht sich doch: „Die Gegenwart und die Aggression von Ausländern haben nichts anderes bewirkt als den Widerstand zu einen, der jetzt Warlords mit einschließt, die früher auf der Lohnliste der CIA standen“ So urteilt John Pilger, der über Obama sagt: „Barack Obama ist der amerikanische Blair. Dass er geschmeidig vorgeht und ein Schwarzer ist, spielt keine Rolle. Er ist ein Teil des andauernden, ungezügelten Systems, dessen Vortrommler und Jubeltruppen, dier niemals sehen – oder: nicht sehen wollen – die Folgen von 500 Megatonnenbomben, die unbeirrbar auf Matsch, Stein und Strohhäuser fallen.“

Und der US-amerikanische Publizist Mike Whitney befindet über Obamas Auftritt in Israel: „Obama folgt dem eingeschlagenen Pfad zu Hundert Prozent, und das heißt: unerschütterliche Unterstützung für das israelische und zionistische Projekt. Sein Ausflug nach Israel beweist, dass er ein raffinierter Politiker ist, also von Kopf bis Fuß frei von Charakter. Ist das die ‚Hoffnung, an die wir glauben können’?“

Der kanadische Journalist Eric Margolis sagt in der Toronto Sun: „Es ist Besorgnis erregend zu beobachten, wie sich Obama dem Blitz der Kriegspropaganda betreffs Afghanistan unterwirft, und die irreführende Wortwahl von George Bush über Terrorismus übernimmt.“

Auch der deutsche rechtskonservative Transatlantiker Michael Stürmer diagnoszierte am 24.7.08 in einem Deutschlandfunk-Interview als „unabhängiger Experte“ in dankenswerter Offenheit, dass die Kriegsanspannungen unter einem Präsidenten Obama eher zunehmen werden. „Die Europäer“ werden wohl unter Obama noch mehr Soldaten nach Afghanistan entsenden müssen, und der deutsche Steuerzahler noch tiefer in die Tasche greifen, um einen Krieg zu bezahlen, der die deutsche Sicherheit massiv gefährden wird. In zweierlei Hinsicht gefährden: erstens wird es unweigerlich irgendwann zu terroristischen Racheaktionen auf deutschem Territorium kommen. Zweitens werden China und Russland auch nicht ewig tatenlos zusehen, wie auf ihre Kosten eine Frontbegradigung vom Horn von Afrika bis zum Hindukusch gegen sie selber vorgenommen wird.

Dass die Menschen an der Siegessäule dem afroamerikanischen Charismatiker zujubeln, ist menschlich verständlich. Es ist sogar davon auszugehen, dass viele Menschen, die dort anwesend waren, von den Abgründen des Obama schon gehört haben. Die Propagandashow war ja als „private Veranstaltung“ deklariert worden. Auf diese Weise konnten grundlegende Elemente der Demonstrationsfreiheit ausgeschaltet werden. Erlaubt waren auf dem Gelände der Obama-Show nur Jubelplakate. Den Besuchern blieb also nichts anderes übrig, als ihre Meinung durch Beifallklatschen oder Manifestationen der Ablehnung kundzutun. Laut Zeitungsberichten haben die Leute geklatscht, wenn Obama ein Kehrtwende in der Umweltpolitik einforderte. Sie blieben kühl, als Obama die Bush-Phrasen vom „Kampf gegen den Terror“ sich zu eigen machte.

Man sollte also die 200.000 Kundgebungsteilnehmer nicht als Obama-Fans vereinnahmen. Nach wie vor sind zwei Drittel der deutschen Bevölkerung gegen den „War on Terror“. Daran wird auch Obamas Einseifungsoper nichts ändern können.

Wir sollten die Zeit nutzen, um eine klare eigenständige europäische Position herauszuarbeiten. Und das heißt: Zivilpolitik statt Eskalation des Militarismus.

Lesenswerte Artikel zum Thema:

John Pilger: “Obama, The Prince Of Bait-And-Switch”

http://www.informationclearinghouse.info/article20347.htm

Mike Whitney: Obama’s trip to Yad Vashem:

What about Wounded Knee?

http://www.informationclearinghouse.info/article20352.htm

Obama falls victim to propaganda

Before widening war in Afghanistan, there is much to consider

By ERIC MARGOLIS

http://www.torontosun.com/News/Columnists/Margolis_Eric/2008/07/20/pf-6209056.html


Edward Bernays – Der Vater der Massenmanipulation

Juli 21, 2008

Edward Bernays ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Doch der Propagandaexperte hat in seinen über hundert Lebensjahren die Welt der „westlichen Werte“ entscheidend vorgedacht und geprägt.

Hermann Ploppa

„Die bewußte und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen stellt ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft dar. Jene Leute, die diesen unbeachteten Mechanismus der Gesellschaft manipulieren, bilden eine unsichtbare Regierung, die die tatsächlich herrschende Macht in unserem Lande darstellt.

Wir werden regiert, unser Verstand wird modelliert, unser Geschmack geprägt, unsere Vorstellungen werden vorgegeben weitgehend von Männern, von denen wir noch nie etwas gehört haben. Das ist das logische Ergebnis der Art und Weise, wie unsere demokratische Gesellschaft organisiert wird. Eine gewaltige Menge von Menschen muß in dieser Weise zusammenarbeiten, wenn sie als eine reibungslos funktionierende Gesellschaft zusammenleben soll.“

Starke Worte. So eröffnet Edward Bernays 1928 sein wichtigstes Buch, das den offenherzigen Titel „Propaganda“ trägt <1>. Das ist das Gute an Bernays, daß er nie um den heißen Brei herumredet. Schließlich enthüllt sich hier einer der erfolgreichsten Public-Relations-Unternehmer aller Zeiten. Wenn er sich selber mit dem Wörtchen „wir“ in die Reihe der Manipulierten und klammheimlich Überrumpelten stellt, so ist das natürlich nur gekonnte Rhetorik. Lediglich eingeführt, um die Leser mitzunehmen.

Wenn wir – jetzt meine ich tatsächlich uns, das manipulierte gemeine Volk – im Fernsehen Götz George mit einem auffällig unauffällig in Position gebrachten Auto der Marke BMW durch den Bildschirm brettern sehen, dann nennt man das: Product Placement. Eine Erfindung von Edward Bernays. Wenn ganze Familien sonntags in die Verkaufshallen der örtlichen Autohändler wallfahrten und voll religiöser Erbebung vor einem Offroader mit vorgeschraubtem Kuhfänger innehalten: dann hat diese religiöse Verehrung vor einem unwirtschaftlichen Blechhaufen Mister Bernays auf dem Gewissen.

Und wenn wir jetzt – nach über achtzig Jahren – Rauchergesetze erleben, die endlich anerkennen, daß Nikotin ein todbringendes Gift ist, dann verdanken wir die effektvolle Hinauszögerung dieser Erkenntnis ebenfalls – Edward Bernays. Und wenn sich Kulturdezernenten nackt vorkommen, falls sie nicht mehrmals im Jahr ihre Bürger mithilfe von „Events“ auf die Fußgängermeile scheuchen, nur, damit irgendwelche Geschäftsleute ihre neuesten, gänzlich nutzlosen Gimmicks verkloppen können; dann erweisen sich die Stadtväter als gelehrige Schüler von Bernays. Ohne es zu wissen, versteht sich.

Also: ein wichtiger Mann. Ein Mann, der in seinem Leben 435 Firmen PR-technisch betreut hat. Zu ihnen gehören einige der weltweit größten Konzerne.

Bernays wurde 1891 in Wien geboren. Seine Mutter ist die Schwester des Über-Vaters der Psychoanalyse, Professor Sigmund Freud. Familie Bernays wandert bald in die USA aus. Bis zum ersten Weltkrieg vermarktet Edward Bernays erfolgreiche Tourneen durch die USA mit Startenor Enrico Caruso oder auch mit der russischen Ballettruppe von Sergej Djagilew, nebst legendärem Tänzer Vaslav Nijinski. Als die USA in den Ersten Weltkrieg eintreten, heuert Bernays beim halbstaatlichen Council on Public Information an. Der Council soll die kriegsunwillige Bevölkerung der USA aus dem Stand in einen chauvinistisch-blutrünstigen Taumel versetzen. Diese Bemühungen sind nur mäßig erfolgreich.

Im CPI soll Bernays die neue Baltenrepublik Litauen den Amerikanern sympathisch machen. Er fabriziert am laufenden Band Artikel über das Musikleben, die Literatur, den Sport usw in Litauen. Scheinbar beiläufig erwähnen die Artikel, daß die junge Baltenrepublik sich gerade als Bollwerk gegen den Bolschewismus positioniert und damit eine wichtige Funktion im Kampf für Freiheit und Demokratie übernähme. Dankbar flicken Redakteure im ganzen Land diese kostenlosen „redaktionellen“ Beiträge in ihre Zeitungen ein, denn sie kosten ja nichts. Das Beispiel hat Schule gemacht. Heutzutage sind Zeitungen auf der ganzen Welt angereichert mit solchen Füll-Artikeln, die von konservativen und marktradikalen Denkfabriken und Stiftungen ganz selbstlos zur Verfügung gestellt weden.

Als die Waffen im Herbst 1918 schweigen, hat Bernays seine Sache so gut gemacht, daß er im Troß von US-Präsident Wilson als Berater mitfährt zu den Friedensverhandlungen in Paris. Und er staunt nicht schlecht, als Wilson von begeisterten Franzosen wie ein Held bejubelt wird. Bernays weiß ja schließlich aus erster Hand, daß Wilsons berühmte 14 Punkte zwar gut klingen, und vielen alles versprechen. Daß Wilson aber überhaupt kein Konzept zur Verwirklichung der 14 Punkte mitgebracht hat. Wilson ist, so weiß Bernays, eigentlich nichts weiter als der Träger von emotionsbeladenen Symbolen und Ideen. Die begeisterte Masse bejubelt tatsächlich nur ihre eigenen Wünsche und Träume <2>.

Wieder in den USA, denkt sich Edward Bernays: wenn es im Krieg gelingt, die Massen vom Gefühl und nicht vom Verstand her zu gewinnen, warum soll man das nicht auch in Friedenszeiten im Zivilleben ausschlachten? Kann man statt der irrationalen Träume von Freiheit und Demokratie nicht auch Autos und Seife nach dem selben Schema verkaufen? Bernays eröffnet eines der ersten Public Relation-Büros überhaupt, und zwar mitten im Herzen von New York. Seine ersten Kunden ziehen erst mal skeptisch die Augenbrauen hoch. Bislang wurden Waren beworben, indem man herausstellte, daß die Schuhe XY besonders lange halten und doppelt genäht sind. Der Schnaps AB erzeugt im Gegensatz zum Konkurrenzschnaps CD am nächsten Morgen kein Schädelbrummen. Solch altbackene Belehrung über den Gebrauchswert einer Ware ist Bernays nicht clever genug.

Und nun ist Bernays genau der richtige Mann zur richtigen Stunde. Durch den Krieg ist die Wirtschaft derart hochgefahren worden, daß sie unweigerlich implodiert, wenn die Produktion nicht in irgendeiner Weise weitergeht. Also müssen die Fabriken jetzt zivile Waren herstellen. Dafür muß auf künstliche Weise Bedarf geschaffen werden. Eine Fernsehdokumentation der englischen BBC <3> zitiert einen Direktor der US-amerikanischen Großbank Lehman Brothers, der damals schrieb: „Wir müssen Amerika umwandeln von einer Bedarfskultur in eine Kultur des Wünsche. Die Leute müssen darin geübt werden, neue Dinge zu begehren, sogar, wenn die alten noch gar nicht richtig verbraucht sind. Wir müssen eine neue Mentalität in Amerika entwickeln. Die Wünsche müssen die Bedürfnisse der Menschen überdecken.“

Dafür müssen die kleinen Leute natürlich auch mehr Geld in die Tasche gesteckt bekommen. Das ist jetzt möglich, weil ein neuer Berufsstand von Arbeitswissenschaftlern, allen voran Frederick Winslow Taylor sowie der deutsche Psychologe Hugo Münsterberg, die Produktivität explosionsartig zu steigern wußten. Wenn also ein Arbeiter nach den Arbeitsreformen viermal so viel leistet wie zuvor, kann man ihm ruhig 60% mehr Lohn auszahlen, meint Taylor. Henry Ford zahlt seinen Mitarbeitern – soweit sie männlich und über 22 Jahre alt sind – im Januar 1914 mal eben einen Bonus von zehn Millionen Dollar aus. Ein Großteil der US-amerikanischen Arbeiter kann sich nach dem Ersten Weltkrieg ein bißchen mehr als die karge Überlebensration genehmigen.

Hinzu kommt noch, daß sich gigantische Kartelle gebildet haben. Die Kartelle wollen vornehmlich Produkte mit maximaler Profitrate anbieten. Waren, die die Menschen wirklich brauchen, die aber weniger Profit abwerfen, überläßt man gerne mittelständischen Betrieben und Genossenschaften. Der Konsument soll gefälligst das kaufen, was die Kartelle produzieren. Da die Konsumenten das nicht sofort einsehen werden, muß man den Weg der rationalen Überzeugungsarbeit meiden und stattdessen den Kunden ihren Kaufentschluß über Schleichwege nahebringen. Man muß mit der Ware gedanklich etwas verbinden, was mit deren Gebrauchs- oder Tauschwert gar nichts zu tun hat.

Zum Beispiel die Befreiung der Frau. Ein Klassiker aus dem Hause Bernays. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Suffragetten das Wahlrecht für Frauen durchgesetzt. Daran erinnert sich Bernays im Jahre 1929, als ihn der Chef des Zigarrettenkonzerns American Tobacco, George Washington Hill, fragt, wie man den schleppenden Verkauf der Marke Lucky Strike wieder in Schwung bringen kann. Bernays engagiert für die Osterparade im März 1929 in New York zehn Nachwuchsmodels. Diese sollen sich pressewirksam vor der Menschenmenge Zigarretten anzünden. Natürlich hat „Eddie“ Bernays vorher allen Presseleuten gesteckt, daß sich auf der Easter Parade ein Event mit fotogenen jungen Frauen ereignen wird. Bernays läßt seine Sekretärin Bertha Hunt ein Telegramm an die Öffentlichkeit schicken: „Im Interesse der Gleichberechtigung der Geschlechter, und um ein weiteres Geschlechter-Tabu zu bekämpfen, werden ich und andere junge Frauen eine neue Fackel der Freiheit anzünden, indem wir Zigarretten rauchen, während wir am Ostersonntag die Fifth Avenue herunterspazieren.“

Glimmstengel gleichzusetzen mit der Fackel der New Yorker Freiheitsstatue, das ist starker Tobak. Bislang galt Rauchen von Frauen in der Öffentlichkeit als unschicklich. Aber warum sollte man die eine Häfte der Menschheit als Konsumenten verschmähen? In den folgenden Jahren stieg Lucky Strike zum Marktführer auf. Das wurde auch möglich durch eine weitere Neuerung, die Bernays einführte. Er engagierte Ärzte, die in Fachzeitschriften und in populären Blättchen als unabhängige Experten die gesundheitliche Unbedenklichkeit des Rauchens attestierten. Diese Ärzte priesen – für ein beachtliches Honorar von Bernays, versteht sich – die schlankmachende Wirkung des Nikotinkonsums. Nach dem Essen kann es aus ärztlicher Sicht nichts Besseres geben, als eine Zigarrette, findet 1928 Dr. George F. Buchan: „… die richtige Art, eine Mahlzeit abzuschließen: Obst, Kaffee und eine Zigarrette … die Zigarrette desinfiziert den Mund und beruhigt die Nerven.“ <4>

Währenddessen hortet Bernays jede Menge wisenschaftliche Expertisen, die gesundheitsschädliche Wirkungen von Nikotin nachweisen – um bei deren Veröffentlichung in den USA gewappnet zu sein. Das gibt der Zahnarzt nämlich nicht seiner Familie. Bernays ist Nichtraucher und er will seiner kettenrauchenden Frau das Rauchen mit allen Mitteln abgewöhnen.

Doch Bernays ist nicht nur ein ungewöhnlich gerissener Werbefachmann. Er will den anrüchigen Beruf des Werbefritzen aufpolieren zu einem geachteten Berufsstand mit eigenen Ausbildungsgängen und selbstauferlegten qualitativen und ethischen Standards. Er verleiht seiner Profession den Titel: Public Relations Counsel. Seit den frühen Zwanziger Jahren hält Bernays Vorlesungen und Seminare in Universitäten ab. Seine Theorie der Public Relations – das Wort „Propaganda“ haben nach seiner Meinung die Deutschen im Krieg entweiht – faßt Bernays in zahlreichen Büchern zusammen. 1923 erscheint aus seiner Feder „Crystallizing Public Opinion“. 1928 kehrt er dann doch zu dem Unwort zurück, indem er sein nächstes Buch ganz schlicht „Propaganda“ nennt.

Bernays hat keine neuen Theorien aufgestellt. Er hat lediglich bereits entwickelte Theorien auf ihre praktische Verwertbarkeit hin untersucht und dann in handfeste PR übersetzt. Grundlage der Überlegungen seiner Vorgänger ist die Frage: wie geht man mit den Massen um? Immer mehr Menschen leben in den Städten. Dort versammeln sie sich zu Massen. Das macht den Privilegierten einige Angst. Der Schrecken durch den Sturm auf die Bastille 1789 ist auch Gustave Le Bon ein Stachel im Fleisch. In seinem Hauptwerk „Psychologie der Massen“ von 1895 entwirft er ein düsteres Bild von den Potentialen der neuen Massenöffentlichkeit. Die Masse ist grundsätzlich dümmer als die Personen, die in ihr versammelt sind. Die Masse ist „weibisch“ und hat keine Grundsätze. Die Masse ist eine unberechenbare Bestie, und Le Bon ist froh, diese Bestie aus gebührender Entfernung betrachten zu können.

Auch die US-amerikanischen Massentheoretiker halten an dem pessimistischen Bild einer Masse fest, die nur Chaos, Dummheit und Verderben stiftet. Hartnäckig ignoriert man, daß es in der großen Mehrheit der Massenversammlungen der Arbeiterbewegung geradezu staatstragend feierlich und gesittet zugeht. Man braucht das Bild vom Massen-Chaos, um sich selber als große ordnende Hand einsetzen zu können.

Wilfred Trotter meint, eine Menschenmasse funktioniere im Prinzip nach den selben Gesetzmäßigkeiten wie eine Herde von Tieren. Gleichzeitig verfeinert sich jedoch der Blick auf die Gruppenzusammenhänge in der modernen Industriegesellschaft. William McDougall entdeckt, daß sich eine Person einer ganzen Reihe von Gruppenzusammenhängen verpflichtet fühlt, mit ganz unterschiedlichen moralischen Werten. Walter Lippmann schließlich stellt fest, daß das gemeine Volk gar nicht interessiert sei an einer qualifizierten Mitsprache an gesellschaftlichen Entwicklungen. Eine handverlesene Elite von „Weisen Männern“ müsse alle schwierigen Themen in der Politik so vorkauen, daß das Volk nur noch die Option besitzt, auf vorgefertigte Fragen mit „ja“ oder „nein“ zu antworten.

Ein Schlüsselwort in dieser paternalistischen Bevormundung stellt der Begriff „Öffentliche Meinung“ dar. Hatten die Eliten die Öffentliche Meinung zunächst eher gefürchtet, weil diese sich gar zu oft gegen die großen Kartelle gerichtet hatte oder gegen „warmonger“, also Kriegstreiber, so erkennt man in den oberen Etagen zunehmend, daß die Öffentliche Meinung ein Werkstoff ist, den man kneten kann. So Bernays: „Wenn wir die Mechanismen und Motive des Gruppendenkens verstehen, ist es dann nicht möglich, die Massen zu steuern und zu reglementieren, entsprechend unserem Willen, und zwar ohne daß sie es wissen? … zumindest gehen Theorie und Praxis so weit erfolgreich zusammen … daß wir in gewissen Fällen einen Umschwung in der öffentlichen Meinung erreichen, und das mit einem ausreichenden Maß an Genauigkeit durch gewisse Mechanismen. Gerade so, wie der Autofahrer die Geschwindigkeit seines Autos bestimmen kann durch die Zufuhr von Benzin.“

Es müssen Ereignisse geschaffen werden, die ein Bedürfnis beim Bürger hervorrufen. Der Bürger weiß nicht, daß sein Bedürfnis künstlich geweckt wird, das ist der Witz dabei: „Menschen sind sich selten der tatsächlichen Gründe bewußt, die ihre Tätigkeiten antreiben.“ Ein harmloses Beispiel aus der Praxis des Dr. Bernays: man stellt fest, daß die grüne Verpackung der Lucky Strikes bei Frauen nicht so gut ankommt. Also läßt Bernays im New Yorker Waldorf Astoria einen rauschenden Wohltätigkeitsball veranstalten, der als Motto die Farbe Grün hat. Die ganze High Society kommt komplett grün gewandet daher, und die geschmierte Presse verkündet: dies wird eine grüne Saison. Keiner weiß, daß hinter dem Rummel Bernays und American Tobacco stehen. Der Umsatz von Lucky Strike verbesserte sich.

Weniger harmlos ist da schon der Trick mit der Destabilisierung mißliebieger Regierungen, der bei der Bevölkerung den Wunsch nach einer harten Hand erwecken kann. 1954 übernimmt Bernays für den US-Konzern United Fruit die Öffentlichkeitsarbeit beim Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten von Guatemala, Jacobo Arbenz Guzmán. Arbenz hatte versucht, für die Arbeiter auf Bananenplantagen bessere Löhne und Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Zudem versuchte er, die einseitige Abhängigkeit des Landes von United Fruit zu brechen. Neben Zermürbungstaktiken gehört zur Destabilisierung, die Arbenz-Regierung als Satelliten der Sowjetunion hinzustellen. Bernays fährt Linguisten auf, die Gleichklängen in der Wortwahl von Guzman-Leuten und dem Kreml nachspüren. An die rechtsextreme American Legion verteilt er das Traktätchen „Communism in Guatemala – 22 Facts“. Schon früher soll Bernays Agents Provacaturs bestellt haben, die gerade an dem Tag, als ein Pressepulk aus den USA in Guatemala eintraf, Randale in den Straßen der Hauptstadt veranstalteten, um die entsprechende Stimmung in den USA zu stiften.

Als eine Firma, die Schinkenspeck verkauft, ihren Umsatz steigern will, besorgt Bernays die nötigen Expertisen von Ärzten, die empfehlen, zum guten Frühstück gehöre herzhafte Kost. Seitdem knallen sich US-Bürger morgens Kalorienbomben aus Rührei und Schinkenspeck auf den Teller. Bernays ließ Maurice Chevalier in einem Film den Schmuck der Firma Cartier lobpreisen und führte damit das Product Placement ein. Dem unendlich faden US-Präsidenten Coolidge sicherte Bernays 1924 die Wiederwahl, indem er Künstler im Weißen Haus antanzen ließ. Die geschmierte Presse wußte zu berichten, das dröge Staatsoberhaupt habe beinahe gelacht. Die Wähler fanden Coolidge plötzlich sehr menschlich.

Es gab dennoch einen US-Präsidenten, der die paternalistische Fremdsteuerung durch eine ehrliche Bürgerbeteiligung ersetzen wollte: Franklin Delano Roosevelt. Die Unternehmer der USA, allen voran der Unternehmerverband NAM, schossen aus allen Propagandarohren gegen Roosevelt, der dennoch erdrutschartige Wahlsiege vorweisen konnte. Eine gigantische Machtdemonstration des kapitalistischen Paternalismus stellte die New Yorker Weltausstellung von 1939 dar. Hier wurde eine wunderbare neue Welt aus High-Tech Schnickschnack präsentiert, in der der Bürger nur als Konsument, nicht aber als Gestalter seiner Umgebung vorkam. Bernays gestaltete hierbei den Technodom „Democracity“.

Eine pikante Pointe im huntertjährigen Leben des Edward Bernays zum Schluß. Besonders fleißige Schüler von Bernays menschenverachtenden Lehrsätzen waren Adolf Hitler und Joseph Goebbels. Der Europa-Korrespondent der Hearst-Presse, Karl von Wiegand, erzählte Bernays einmal, er habe im Bücherschrank von Goebbels „Crystallizing Public Opinion“ gefunden. Bernays zeigte sich betroffen. Bernays war Jude. Sein „Onkel Sigi“ Freud war vor den Nazis aus Wien geflüchtet.

Aber wenn es um erfolgreiche Politik-Vermarktung geht, sind auch den Nazis Rassenfragen egal. Hitler bekennt in „Mein Kampf“ ganz offen, er habe von der amerikanischen Propaganda unendlich viel gelernt. Zu den Lektionen aus den USA gehört, die Menschen nicht rational, sondern durch das Unbewußte zu packen. Hitler sagt, Politik müsse man nach genau den selben Regeln vermarkten wie Seife. Das war neu in Deutschland.

Von Everett Dean Martin hatte Bernays die Erkenntnis erworben, daß man die Massen in Veranstaltungen zieht, wenn Kämpfe geboten werden. Bei den Nazis war immer was los. Saalschlachten, oder auch der berüchtigte Überfall auf das „linke“ Örtchen Coburg. Man war in der Presse. Hitler umgab sich nicht mit Argumenten, sondern mit kultigen Konsumartikeln. Hitler mit Auto. Hitler fliegt über Deutschland. Seine Events waren durchgestylt wie Rockkonzerte. Mit einem Wort, die Nazis eroberten Massenakzeptanz mit amerikanischen PR-Methoden.

Sie schufen Chaos, um dann „Ordnung“ zu verkaufen.

Fußnoten

<1> Englischer Originaltext online http://www.historyisaweapon.com/defcon1/bernprop.html

Nach achtzig Jahren ist nun eine deutsche Übersetzung auf den Markt gekommen: Edward Bernays: Propaganda. Die Kunst der Public Relations. Orange Press 2007. Allerdings ist die Übertragung ins Deutsche derart „frei“, daß vom aggressiv-antidemokratischen Ton des Originals nichts übrig geblieben ist. Ich verwende in diesem Artikel meine eigene Übertragung, die sich bemüht, möglichst nah am Ton des Originals zu bleiben.

<2> siehe auch: Hermann Ploppa: Mit 14 Phrasen in den Krieg. junge Welt 14.12.2007 http://www.jungewelt.de/2007/12-14/007.php

<3> „The Century of the Self“, eine vierteilige TV-Dokumentation von Adam Curtis. Die erste Folge befaßt sich vornehmlich mit Edward Bernays. http://en.wikipedia.org/wiki/The_Century_of_the_Self

<4> Zitiert nach: Larry Tye: The Father of Spin. Edward L. Bernays and the Birth of Public Relations. New York 2002. Dort S. 25. Ein vornehmlich biographisches Buch.