Frühe Kritik am Irak-Krieg durch das US-Militär

Der „War on Terror“ des Präsidenten George Bush fand bereits zu einem frühen Zeitpunkt scharfe Kritiker an Stellen, wo man es zunächst am wenigsten vermuten würde: nämlich bei den Streitkräften der Vereinigten Staaten von Amerika. Folgende kritische Studie der US-Landstreikräfte macht, im Ton verbindlich, in der Sache klar, dass das Militär von Anfang Gefahren einer Verzettelung und einer frühzeitigen Ermüdung der Soldaten und ihrer Apparate erkannt hatte:

Jeffrey Record: Bounding the Global War on Terrorism

Der Autor

Der Autor Jeffrey Record hat 2003 diese Auftragsstudie für das Strategic Studies Institute (SSI) verfertigt. Das SSI ist Teil des Army War College – also so etwas ähnliches wie die Bundeswehrhochschule, nehm ich an – in Carlisle/USA. Record hat dort eine Gastprofessur und lehrt normalerweise an der Department of Strategy and International Security at the US Air Force’s Air War College in Montgomery, Alabama. Er hat als Fachberater Fronterfahrung im Vietnamkrieg. Für die Senatoren Sam Nunn und Lloyd Benson war er Fachreferent und hauptamtlicher Mitarbeiter im Senate Armed Services Committee.

Sechs Bücher hat er veröffentlicht, die sich befassen mit den strategischen Fehlern im Vietnamkrieg, Kriegsphobie, Gründe für das Scheitern der Golfkriege.

Seine kritische Grundeinstellung zu den Golfkriegen war den Auftraggebern der vorliegenden Studie bekannt. Seine Positionen dürften also auch inoffiziell von leitenden Militär- und „Security“-Fachleuten geteilt werden.

Die Studie ist im Herbst 2003 erstellt worden. Genau in jener Zeit, als sich herausstellte, daß das Irak-Abenteuer länger und kostspieliger als erwartet werden würde.

Kernthese

Motto: Remember Vietnam!

Die Fehler in Vietnam: Die USA haben mit konventioneller Kriegsausrüstung und Taktik einen Gegner nicht schlagen können, der die Guerilla-Taktik benutzt. Durch den flächendeckenden, undifferenzierten Pauschalterror haben die US-Truppen ständig neue Feinde erzeugt.

Darum hört auf Clausewitz: bevor man losschlägt, erst mal gucken, um was für einen Gegner es sich überhaupt handelt!

Genau das haben die Bushies nicht gemacht. Anstatt zu unterscheiden zwischen Schurkenstaaten und terroristischen Gruppierungen, haben sie ab 11/9 den Global War on Terror (GWOT) ausgerufen. Laut Record machte der Afghanistan-Krieg noch halbwegs Sinn, aber die Al-Kaida-Strukturen wurden auch mehr mit Glück als mit Verstand zerschlagen.

Jedoch der Irak-Überfall war völliger Quatsch (Record: „strategic Error of the first order“), wenn man ihn im Kontext des GWOT lesen will. Denn:

1.) die Bushies stellten einen Zusammenhang zwischen Al-Kaida und Hussein her. Sie verquickten die Staatsstruktur Iraks mit dem Netzwerk einer global in Zellen agierenden Terrorgruppe. Jedoch gab es unter Saddam keine islamistischen Terrornetzwerke im Irak. Husseins Repressionsapparat verhinderte solche Strukturen. Nach dem Einmarsch waren die Voraussetzungen für Al-Kaida dagegen ideal;

2.) zudem vermengten die Bushies den Terrorismus mit der Weitergabe von Massenvernichtungswaffen (WMD).

3.) die konventionelle US-Armee war nicht darauf vorbereitet, nach vollzogner Kampfhandlung polizeiliche Aufgaben übernehmen zu müssen.

Um es noch einmal zu sagen: mit dem GWOT wurden Phänomene zusammengebacken (conflated), die nichts miteinander zu tun haben. Wenn aber der Gegenstand politisch-militärischer Anstrengungen so „frustrierend unklar“ ist, kann auch nicht präzise focussiert werden, wer welche Kräfte auf wen lenken soll.

Record sagt: der GWOT als Antwort auf die Attacken von 9/11 kann nur heißen: Konzentration auf die Leute, die das World Trade Center umgeschmissen haben: also Al-Kaida. Im Sinne von Clausewitz: alles andere zurückstellen! Und da Al-Kaida eine nicht-staatliche Terrorinfrastruktur darstellt, sind dafür der Geheimdienst und die Polizei zuständig, nicht das Militär. Schluß mit dem Getröte gegen alle terroristischen Gruppen dieser Welt. Denn warum soll man künstlich Terroristen gegen die USA aufbringen, denen die USA bislang piepegal waren? Damit noch die Armee seiner Feinde vermehren? Gruppen zusammenschweißen, die sich bislang eher spinnefeind waren? Außerdem, bitteschön, sollen die Bushies auch mal bedenken, daß so mancher bewaffnete Widerstand durchaus seine Berechtigung haben kann, und daß politisch Verzweifelte und militärisch Impotente nur noch den Notanker des Terrorismus besitzen. Allzu oft, sagt Record weiter, muß der Begriff „Terrorismus“ herhalten, wenn staatsterroristische Regime ihre Opponenten diskreditieren wollen. Ist der bewaffnete Kurde im Irak ein „Freiheitskämpfer“ und derselbe Kurde in der Türkei ein „Terrorist“?

Was gehen die USA andere Staaten im militärischen Sinne an? Welchen Wert kann das Konzept des vorbeugenden Erstschlags (preemptive strike) in der Praxis haben?

Beispiel Massenvernichtungswaffen (WMD): die Bushisten propagieren, wegen WMDs ein Land, das entgegen der Verabredungen des Atomwaffensperrvertrags (Non-Proliferation Treaty=NPT) Atomwaffen heimlich herstellt, gegebenenfalls anzugreifen, auch wenn es den USA nicht den Krieg erklärt hat. Unterstellt wird, daß dieser „Schurkenstaat“ so beknallt ist, seine Waffen selber erstschlagmäßig einzusetzen. Nun hat Condeleeza Rice selber in einem Artikel für Foreign Affairs <*> zu einem Zeitpunkt, als sie noch nicht Regierungsmitglied war, gesagt, kein Schurkenstaat würde WMDs einsetzen, denn das hieße, daß die nukleare Antwort der USA dieses Land auslöschen würde.

Das Regime der internationalen Atomenergiebehörde hatte es bislang geschafft, Weißrußland, Ukraine und Südafrika ihre Atomwaffen wieder abzuknöpfen und ihnen im Gegenzug „friedliche“ Atomenergie anzubieten. Das Regiment der Einschüchterung (deterrence) habe bislang völlig ausgereicht, sagt Record. Nun haben die Bushies zum einen die sensible Balance der Internationalen Atomenergiebehörde völlig durcheinandergebracht und zum anderen potentiellen und aktuellen WMD-Besitzerländern deutlich gemacht, daß es besser ist, atomar aufzurüsten, um sich vor Preemptive Strikes der USA zu schützen.

Also ein Eigentor, wenn man die GWOT-immanente Logik beim Wort nimmt.

Die Folgen der desaströsen Bush-Politik bestehen in einer langfristigen Kräftebindung des Militärs im Irak; einer Kostenlawine für die Aufrechterhaltung dieser Besatzung; im zwangsläufigen Verlust der Akzeptanz bei der Bevölkerung der USA für diesen Krieg. Um kurzfristig aus dem Schlamassel rauszukommen, sollte die USA das Ziel aufgeben, im Irak Demokratie einzuführen, und sich mit einer „milden Despotie“ wie sie in Ägypten herrscht, zufriedengeben. Und soll endlich die UNO einbinden. Wir haben auch annähernd 800 Jahre gebraucht von der Magna Charta bis zur Demokratie. Man soll den Leuten nichts überstülpen. Stabilität und was zu essen ist für die Iraker jetzt am wichtigsten.

Insgesamt sollte die US-Administration etwas kleinere Brötchen backen. Realistisch ist der Schutz der eigenen Heimat, und das schließt auch den Schutz vor neuen Oklahoma-Attentaten mit ein. Nur äußere Feinde reaktiv mit Geheimdienstwaffen bekämpfen, die die USA auch wirklich anspucken. Finger weg vom Preemptive Strike! Nix im Alleingang regeln wollen! Schminkt euch ab, das Böse in der Welt bekämpfen zu wollen!

In welcher Form?

Der Text ist abgefaßt in jener schmucklosen ergebnisorientierten Art, die für US-amerikanische Think-Tank-Papiere charakteristisch ist. Ein Summary sagt gleich, wer der Mörder ist. Alles wird thesenförmig vorgestellt, bevor es in extenso ausgeführt und begründet wird. Zum Schluß dann noch einmal eine kurze und bündige Zusammenfassung. Von dieser Klarheit der Gedankenführung könnten sich so manche deutschen Akademiker ein Scheibchen abschneiden.

Überzeugungskraft:

Record zitiert eine Fülle von Quellen zeitgenössisch tonangebender Terrorismus-Experten wie z.B. Walter Laqueur. Auch aus der Blödquelle der Bushisten zitiert er ausgiebig und schont die Herr- und Damschaften in keiner Weise.

Selbstverständlich untersucht Record nur die innere Stimmigkeit des GWOT-Konzeptes. Und er zerreißt es mit glasklarem Verstand in der Luft.

Man kann daraus schließen, daß im Weißen Haus eine Meute chaotischer, völlig inkompetenter Idioten alles zerstörtrt, was Clinton gerade ein bißchen in Ordnung gebracht hatte.

Man kann aber auch sagen: ist es Schwachsinn, so hat es doch Methode! Die von Record dargelegten Mißerfolge der Bushisten sind ja möglicherweise genau das von den Bushisten erwünschte Ergebnis!

Die Bushisten leben und profitieren ausschließlich von Angst und Chaos, seit sie die Macht erobert haben. Wäre 9/11 nicht passiert, wäre George Bush II. für den Rest seiner Amtszeit mit dem Makel behaftet gewesen, nur durch den Spruch eines befreundeten Bundesrichters ins Amt gekommen zu sein. Innenpolitisch sind die Bushisten bis heute jegliche Spur eines Konzeptes schuldig geblieben. Die „Steuerreform“ wäre in dieser Form nie durchgekommen. Und noch mehr Geld für Bush und seine befreundeten Waffenmakler? Wohl kaum. Der „Patriot Act“ setzte im Handstreich die diktatorischen Machtbefugnisse, die sich Bush I. de facto schon lange erschlichen hatte, nunmehr als geschriebenes Gesetz wieder ein.

Über internationale Kanäle werfen sich Al-Kaida, Hisbollah und Bushisten tüchtig die Bälle zu. Es ist klar, daß die Bushies in Irak nicht WMDs, sondern Öl gesucht haben. Und daß nun Al-Kaida sein Tätigkeitsgebiet auf den Irak ausweiten kann, ist für die Bushies ein Glücksfall. Noch mehr Terroristen. Noch mehr Waffen- und Sicherheitssysteme zu verkaufen. Noch weniger Demokratie. Und Europa holt für 2007 den Patriot Act nach. Die indirect rule im Mittleren Osten ist brüchig geworden.

Mit Irak und Afghanistan hat man nun schon mal zwei Karten rübergeholt. Wie sagte Murawiec vor dem National Defence Board? Irak ist der Fleiß, Syrien als nächstes, und Saudi-Arabien ist der Preis. Daß dabei Zivilgesellschaften von der Bildfläche verschwinden: umso besser! Irak, Afghanistan oder Iran waren in den Siebziger Jahren prosperierende Schwellenstaaten. Jetzt sind da nur noch mittelalterliche Rumpfgesellschaften. Die Intellektuellen sind ausgerottet. Mittelalterliche Pseudopriester verbreiten eine zur Selbstverteidigung völlig ungeeignete Weltsicht. Das Problem „Orientale“ erledigt sich von selbst. Der Kampf der Kulturen? Ein Boxkampf zwischen dem ausgeschlafenen wohlgenährten Champion und einem auf Islamoschnarch heruntermedikamentierten Sparringspartner!

Also, Jeffrey Record hat hervorragende Kärrnerarbeit geleistet. Daß ausgerechnet das Militär ihn zu dieser Arbeit aufgefordert hat, zeigt, daß auch sie langsam merken, daß sie von den Bushisten verheizt werden.

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Der Text ist zu finden unter: http://209.85.129.104/search?q=cache:J-5sXn9r0u0J:www.globalsecurity.org/military/library/report/2003/record_bounding.pdf+Jeffrey+Record+Bounding+War&hl=de&ct=clnk&cd=1&gl=de

Condoleezza Rice: Campaign 2000: Promoting the National Interest. In: Foreign Affairs Ausgabe Januar/Februar 2000

http://www.foreignaffairs.org/20000101faessay5-p10/condoleezza-rice/campaign-2000-promoting-the-national-interest.html

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