Startschuss für den Militär-Industriellen Komplex: NSC-68

Die einseitige Betonung des Militär-Industriellen Komplexes in der Ökonomie der USA fand ihre theoretische Grundlage in einer Denkschrift, die 1950 dem Präsidenten Truman und dem Nationalen Sicherheitsrat vorgelegt wurde. Dieses Papier NSC-68 sollte die Rechtfertigung für eine dramatische Steigerung des Militärhaushaltes abgeben. Durch den Ausbruch des Koreakrieges erübrigte sich eine weitere Rechtfertigung der Aufrüstung vor der Bevölkerung. Im September 1950 wurde der Militäretat der USA in einer Weise angehoben, dass sich der Charakter der US-Wirtschaft fundamental veränderte.

„NSC-68 United States Objectives and Programs for National SecurityNSC 68:

United States Objectives and Programs for National Security“

Der Autor

Das NSC-68 ist eine Denkschrift des Policy Planning Staff im Außenministerium der USA. Sie wurde im Januar bis April 1950 erstellt. Um diese Denkschrift durchzupeitschen, ging der Vorsitz des PPS von George Kennan an Paul Nitze. Kennan wurde extra nach Südamerika weggelobt, damit seine Argumente in NSC-68 nicht Eingang finden konnten. Nitze hat die Arbeit des Teams seinen Stempel aufgedrückt.

Rund um das NSC-68 gab es einige Aufregung. Denn Dean Acheson hatte Nitze mit der Studie beauftragt, ohne den zuständigen Verteidigungsminister Louis Johnson auch nur zu informieren. Diesem sowie dem Generalstab wurde die fertige Studie aufoktroyiert. Johnson, alles andere als ein Liberaler, bekam einen Wutanfall und beschwerte sich beim Präsidenten Harry Truman, der Johnson daraufhin entließ <*>.

Die Studie wurde am 7. April 1950 vom Präsidenten angenommen. Sollte zunächst noch nicht alle Mitglieder des pol. Establishments von den Bedrohungsszenarien des NSC-68 beeindruckt gewesen sein, so kam Nitze und Freunden die nordkoreanische Regierung mit dem Überfall auf Südkorea am 25.6.1950 zu Hilfe. Das kam wie gerufen. Nach intensiver Hirnwäsche des Kongresses und maßgeblicher Presseleute wurde NSC-68 am 30.9.1950 zur offiziellen Leitlinie der Regierungspolitik erklärt. Der Rüstungsetat wurde um 350% <!!> ab sofort gesteigert. Dies war der Durchbruch des Militär-Industriellen Komplexes.

Kernthese

Die SU ist darauf versessen, die USA und ihre Verbündeten anzugreifen, sobald sie dazu militärisch in der Lage ist. Im Augenblick sind die USA militärisch, wirtschaftlich und politisch klar überlegen. Jedoch hat der Generalstab der USA ausgerechnet, daß die UdSSR spätestens 1954 in der Lage sein wird, die „Freie Welt“ an allen möglichen Orten anzugreifen.

Geopolitische Grundlage dafür ist die Tatsache, daß die fünf Machtblöcke zusammengebrochen sind, die vor WK II die Welt kontrollierten. Stattdessen gibt es jetzt nur noch USA und UdSSR, die in das Vakuum einbrechen (müssen).

Zum einen stellt die Studie fest, daß der Westblock etwa viermal mehr Wirtschaftspotential hat als der Ostblock. Geschätztermaßen hat SU 40% seiner Wirtschaftskraft für Rüstung abgezweigt, und kann im Kriegsfall maximal auf 50% steigern. Der Westblock aktiviert 20% Wirtschaftskraft für Rüstung, und kann im Kriegsfall auf 50% steigern. Obendrein haben die USA eindeutig die atomare Übermacht und die H-Bombe in Arbeit.

NSC-68 schreibt der SU aus folgenden Gründen eine mögliche Erstschlagskapazität zu:

1.) „Kreml“ hält die Menschen in SU nur durch die Behauptung einer äußeren Bedrohung bei der Stange. Der Zusammenhalt der SU sei künstlich und drohe jeden Moment zusammenzubrechen.

2.) Das totalitäre Regime der SU kann Kräfte schneller mohilisieren und bündeln als Demokratie. Geheimhaltung klappt besser. Keine Rücksichtnahme auf öffentliche Meinung.

3.) Kreml identifiziert sich mit kommunistischer Weltbewegung. Ideologie. Mittel der Subversion.

4.) Wegen der Geheimhaltung weiß man auch nicht, wie weit Sowjets mit ihrer atomaren und wasserstofflichen Aufrüstung gekommen sind. Wenn USA sich selber überschätzt und evtl. Fortschritt der SU-Aufrüstung unterschätzt, könnte es ein böses Erwachen geben.

Es nützt also gar nichts, zu glauben, mit der Entwicklung der Atombombe und der H-Bombe habe man sich die Sowjets ausreichend vom Leib gehalten. Vielmehr muß ein ganzes Paket von prophylaktischen Maßnahmen her:

1.) geopolitische Flurbereinigung. Großbritannien ist abgeschlafft und fällt als gleichwertiger Partner aus. USA muß GB stützen und ersetzen. Deutschland, Japan und Österreich dürfen nicht neutral werden.

2.) also: Einbindung in Westbündnis. Stärkung von Währung und Wirtschaft in Westeuropa, damit diese Länder mehr als die aktuellen 4,8% der Wirtschaft für Rüstung erübrigen können.

3.) Internationale Atomenergiebehörde soll Sowjetunion zur Zusammenarbeit drängen (= in die Enge treiben).

4.) das System von Bretton Woods weitertreiben,

5.) psychologische Kriegsführung

6.) Containment – Eindämmung. Das heißt: SU in die Enge treiben durch eine noch zu kreierende Freiheitsideologie. Sowie

7.) durch enormen Aufbau der konventionellen Rüstung der USA und der Verbündeten.

Bevor die Autoren zur Conclusio gelangen, malen sie dem Präsidenten noch einmal aus, welche Optionen er hat: a) weitermachen wie bisher; b) Isolation c) Krieg d) Flucht nach vorn. Weitermachen wie bisher würde USA verwundbar machen und bei Verbündeten als Schwächling entlarven. Zudem ist durch die gesunkenen Rüstungsausgaben zwischen 1944 und 1949 die Wirtschaftsleistung um 25% gesunken und die Arbeitslosigkeit hat zugenommen. Isolation und Krieg will keiner, ist also pure Rhetorik. Bleibt nur, der möglichen Stärkung und dem Überraschungsangriff der SU zuvor zukommen.

„Empfehlung“ der NSC-68-Autoren an den US-Präsidenten heißt: Keynes sowohl invers als auch pervers: enorme Ausweitung des Rüstungsetats durch Kürzung in zivilen Bereichen und durch Steuererhöhungen.

In welcher Form?

NSC-68 ist eine Denkschrift. Eine Denkschrift ist eher ein Plädoyer und weniger eine wissenschaftliche Analyse. Folglich wird auf Belege verzichtet, und eher durchgespielt: was wäre wenn. NSC-68 hat zwei Funktionen: den Präsidenten mehr überreden als überzeugen, und zweitens den Meinungsmultiplikatoren aus Politik und Presse die Schablonen für Begründungen und Rechtfertigungen in die Hand geben. Was sagen wir den Leuten draußen im Land, damit sie willig hinnehmen, daß öffentliche Gelder in die privaten Taschen von Rüstungsindustriellen geschaufelt werden, und daß sie spürbar weniger Service für erheblich mehr Kosten vom Staat erhalten?

Überzeugungskraft:

NSC-68 ist ein eher absurdes Unterfangen. Es zeigt nämlich überzeugend, daß die USA und ihre Verbündeten haushoch überlegen sind: in Wirtschaftskraft mal 4, in Produktivität mal 5. Es ist unter solchen Umständen absolut nicht herzuleiten, warum die SU unter solchen vollkommen aussichtslosen Bedingungen sich mit dem haushoch überlegenen Westen anlegen sollte. Zudem gibt NSC-68 offen zu, daß die SU nicht einmal ihren eigenen Luftraum gegen feindliche Überfälle verteidigen kann. Und daß die SU 40% ihrer Wirtschaftsaktivität in die Rüstung stecken muß, ist eher ein Zeichen der Schwäche, gibt die Denkschrift doch selber zu, daß diese geblähte Rüstung zulasten der Lebensqualität der Bevölkerung, und damit auch zulasten der langfristigen Loyalität der Bevölkerung geht. Zudem bezweifelt der Bericht selber, daß die SU einen längerfristigen Waffengang überhaupt durchhalten kann.

Die Argumente, warum man sich trotzdem so hektisch gegen die SU aufrüsten müsse, sind also reichlich weit herbeigeholt: die totalitäre „Effizienz“, Heimlichkeit und Rücksichtslosigkeit; die ideologische Überrumpelung westlicher Naivlinge. Die SU hat so viele Soldaten. All das sind schwache Argumente. Schließlich lobpreist das Establishment der USA immer wieder die funktionale Überlegenheit der eigenen Form der Herrschaft durch Pluralismus, offene Diskussion und indirekte Kontrolle.

So wäre NSC-68 wohl auch durchgerasselt, wenn nicht Nordkorea Südkorea angegriffen hätte. Nunmehr half die auch dem Memorandum innewohnende Gleichsetzung von SU und fernöstlichen Kommunismen weiter. Selbstverständlich war den Autoren klar, daß zwischen China und SU alles andere als eitel Sonnenschein herrschte: daß wiederum Nordkorea eine andere Position vertrat. Daß China und SU den abenteuerlichen Waffengang Nordkoreas im späteren Stadium unterstützten, lag ja wohl daran, daß die USA die Korea-Frage so extrem hoch hängte, daß daraus eine Prestigefrage für alle Machtblöcke wurde. Ob MacArthurs Vabanque-Spiel sein eigenes geistiges Kind war oder nicht: NSC-68 hatte ex post seine Rechtfertigung erhalten, die die Beweisführung des Textes keinesfalls hergab.

Ein Merkmal des NSC-68 ist das Schwanken zwischen Defensive und Offensive. Vorgeblich sollen die anvisierten Maßnahmen den Westen verteidigen. Irgendein Exzentriker hat sogar den gefühligen Satz eingebaut, zwischen den USA und SU müsse der diplomatische Kanal immer offen bleiben. Die Führung der SU dürfe nicht zu Maßnahmen gezwungen werden, die sie in der Öffentlichkeit demütigen könnten. Und dann gibt es wieder Passagen, die ganz offen dazu aufrufen, nicht beim Containment stehenzubleiben, sondern die Völker der SU gegen ihre Führung aufzubringen und quasi der SU den Boden unter den Füßen wegzureißen. Nur hat man von Hitler gelernt, daß man sich gegen die SU-Bürger nicht feindselig benehmen dürfe, denn dann scharen sich auch Opponenten um die Regierung.

NSC-68 ist ein Übergang von der Politik des Containment zur „Liberation“ des John Foster Dulles: Die USA haben die Pflicht zur Weltherrschaft.

___________________

<*> Walter Isaacson/Evan Thomas: The Wise Men – Six Friends and the World they made. New York 1986, S.499ff

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