Buchbesprechung: Zivilisierte Völkermorde

Flecken an der Weste des Westens

Eine Aufsatzsammlung untersucht, ob nicht vielleicht auch der demokratisch aufgeklärte Westen den einen oder anderen Völkermord mit zu verantworten haben könnte

von Hermann Ploppa

Die Stereotypen über Völkermord in unseren Mainstream-Medien sind ebenso einförmig wie einprägsam. Wilde „Neger“ hauen sich gegenseitig die Köpfe ein, gischtspritzende Muslime selbstmordbomben nieder, was ihnen in den Weg kommt. Und hitzköpfige Balkan-Bewohner haben den ganzen Tag nichts anderes im Kopf als ihre Nachbarn aufzuschlitzen. Da ist es leider unerläßlich, daß wir Bürger der ebenso ab- wie aufgeklärten Demokratien Truppen in diese Regionen entsenden lassen, um dort Ordnung zu schaffen und diese anthropologisch mordlüsternen Wilden zur Raison zu bringen.

Dem hält Peter Dale Scott entgegen: „Die umfangreichen Gräueltaten dieses Jahrhunderts sind nicht in erster Linie aus spontanem Verhalten außer Kontrolle geratener Menschen hervorgegangen. Es waren manipulierte Gräueltaten, von staatlichen Kräften innerhalb der sog. zivilisierten Welt provozierte und ausgebeutete Ausschreitungen.“ Scott vertritt diese Häresie in einer intelligenten Aufsatzsammlung, die der US-amerikanische Wissenschaftler Adam Jones als Buch herausgegeben hat. Während es keinen Mangel hat an Dokumentationen und Strafverfahren gegen die Verlierer der Geschichte, und das sind vornehmlich Potentaten aus der Dritten Welt, sind Untersuchungen über den Völkermord, der von den aufgeklärten Demokratien des Westens ausgeht, seltsam spärlich gesät. Tatsächlich sind jedoch die westlichen Demokratien in keiner Weise ausgenommen von dem Mechanismus, daß schwächere Völker, die der Bergung von Rohstoffen im Wege stehen, oder die nicht geeignet erscheinen, als Juniorpartner mit den Eroberern zu kooperieren, ausgelöscht werden.

Die Besonderheit der westlichen Demokratien liegt begründet in der Befriedung Europas im 19. Jahrhundert. Die Friedensordnung seit 1815 schuf in der Bevölkerung eine Abneigung gegen rohe Gewalt, dem die Regenten seit 1864 mit einer Reihe von international ratifizierten Kriegs- und Friedenskonventionen Rechnung tragen mußten. Wenn man also weiterhin Völker morden wollte, mußte man das heimlich tun oder eine triftige Begründung anbieten. Jones verschmilzt die Wörter „Democracy“ und „Hypocrisy“ (Heuchelei) zu dem Kunstwort „Democrisy“, um den Umgang der Demokratien mit ihren Völkermorden zu bezeichnen. Da die westlichen Demokratien im Kräftemessen mit anderen Ordnungssystemen bislang immer der Sieger geblieben sind, konnten Kohorten von gut bezahlten Juristen ein Regelwerk erschaffen, das ausschließlich Akteure der unterlegenen Ordnungen strafrechtlich erfaßte. Für den Westen ergab sich eine „Kultur der Straflosigkeit“.

Die AutorInnen des vorliegenden Buches nehmen dagegen die aktive Rolle des Westens bei Völkermorden an Fallbeispielen unter die Lupe. Geiselexekutionen im Algerienkrieg, der Mord an Lumumba im Kongo, die Gräueltaten eines US-Senators im Vietnam-Krieg, Henry Kissingers Rolle beim Schlachtfest in Chile 1973 werden untersucht. Und es wird klar: die Kette der Scheußlichkeiten ist kein Ausrutscher, keine Disziplinlosigkeit mangelhaft kontrollierter Soldaten, keine übereifrige Ausführung von Anweisungen. Der Völkermord des Westens hat System, hat eine klare Struktur. Der Unterschied ist lediglich, daß die Auslöschung unerwünschter Existenzen früher von regulären Soldaten der Westmächte vorgenommen wurde. Seit Bilder vom Völkermord in jeden Haushalt flackern via Medien, werden zunehmend einheimische Söldner oder Undercover-Aufständische vorgeschickt, um den Medienbildern ein Lokalkolorit beizumischen. Regionen werden gezielt destabilisiert. Die West-kompatible Staatsautorität beginnt mit dem planmäßigen Schlachten. Die mißliebige Menschengruppe wird derart brutal eingeschüchtert, daß der Gedanke an Widerstand bereits Horror verursacht. Wenn nämlich, wie 1965 in Indonesien, Körperteile in Flüssen rumschwimmen wie Flößerholz in Kanada. Das ist „PsyWar“, jene ingeniöse Wissenschaft, für die in den USA Milliarden ausgegeben werden. Es folgt die Internierung der Mißliebigen in Sammellagern. Dann folgt die Auslöschung der kulturellen Festplatte dieser Unglücklichen.

Ward Churchill verweist in diesem Zusammenhang darauf, daß Raphael Lemkin 1944 für die UNO eine Völkermordkonvention entworfen hatte, die auch die kulturelle Auslöschung mit in den Kanon aufnahm. Auf Betreiben der USA wurde diese Klausel gestrichen. Aus gutem Grund: denn in den USA waren massenhaft Indianerkinder in Internate verschleppt worden, wo man sie zu Weißen umdressierte.

Die Aufsatzsammlung stößt immer wieder an Grenzen. Linda Melvern spricht bezüglich Ruanda von einem „geplanten Völkermord“, kann aber nicht sagen, wer hier geplant hat. Denis Halliday zeigt, wie die hochangesehene UNO sich im Irak beim Oil for Food-Programm zum Schlächterkomplizen der USA macht. Dort wie auch an fast allen anderen Völkermordstationen gehört die gezielte Zerstörung der zivilen Infrastruktur zum Charakteristikum der Attacken. So auch bei der Intervention der NATO in Jugoslawien. Und, so zeigt Eric Langenbacher an der Bombardierung Deutschlands durch die Allierten im Zweiten Weltkrieg, auch hier wurden Rüstungsbetriebe als Angriffsziele ausgespart und fast ausschließlich wehrlose Zivilisten sowie Rettungsmannschaften unter Beschuß genommen. Ein Massaker, für das es weder strategische noch moralische Begründungen gab.

Die Aufsatzsammlung von Adam Jones ist in der Analyse kompetent und differenziert. Sie kommt der schaurigen Wahrheit sehr nahe. Das verlangt nach Vertiefung. Denn überall, wo interessante Bodenschätze winken; überall, wo sich eine Vegetation und ein Klima findet, in dem es sich für Europäer gut leben läßt; überall dort entstehen über kurz oder lang Völkermorde. Und dann müssen wieder wir westlichen Demokraten kommen, um das Land dauerhaft zu besetzen, um Schlimmeres zu verhindern.

Adam Jones (Hg.): Völkermord und Kriegsverbrechen und der Westen Berlin 2005

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