Turkmenistan, Gasprom und die neue Sympathie für Iran

Gilad Rom/Wikipedia
Nationalmuseum Ashgabat (Quelle: Gilad Rom/Wikipedia

Mit ungläubigem Staunen nimmt die Weltöffentlichkeit derzeit zur Kenntnis, dass der Druck der USA auf den Iran spürbar nachgelassen hat. Nicht nur, dass Bush plötzlich einen eigenen Delegierten zu den europäisch-iranischen Verhandlungen entsendet. Nein, auch die Türkei darf nun plötzlich als Vermittler zwischen den Westmächten und dem Iran aktiv werden. Bislang hatten die USA immer solche Bemühungen der Türkei missbilligt. Nun soll gar der iranische Präsident Ahmadinejad persönlich, möglicherweise schon am 14. August, leibhaftig in der türkischen Hauptstadt Ankara erscheinen.

Was steckt dahinter? Ist Bush altersmilde? Schrecken auch ihn womöglich die Folgen des noch vor kurzem ungehemmt angedrohten nuklearen Schlagabtausches?

Keine Sorge. Humanitäre Gesichtspunkte spielen auch diesmal keine Rolle. Vielmehr geht es ganz banal um geruchloses Gas. Erdgas, um genauer zu sein. Wir müssen ein bisschen ausholen:

Der amtierende russische Staatspräsident Medwedew, zuvor acht Jahre Chef des russischen staatlichen Erdgaskonzerns Gasprom, machte am 4. und 5. Juli dieses Jahres Station in dem Städtchen Ashgabat am Kaspischen Meer. Ashgabat ist die Hauptstadt der Republik Turkmenistan. Turkmenistan gehört zu den fünf Staaten dieser Welt mit den größten Erdgasvorkommen. Wie viel Gas unter den Füßen der Turkmenen wabert und wabbelt, weiß niemand so genau. Was der russische Präsident mit seinem Gastgeber, dem turkmenischen Präsidenten Gurbanguly Berdymuhammedow, besprochen hat, steht in keiner Verlautbarung.

Jedoch am 25. Juli wurden ebenfalls in Ashgabat zwei Verträge abgeschlossen, die die Geopolitik nicht unerheblich durcheinanderwirbeln werden:

  1. Für die nächsten zwanzig Jahre wurde ein Schema für die Erdgaslieferung von Turkmenistan an Gasprom besiegelt. Anstatt wie bisher 140 Dollar für 1.000 Kubikmeter Erdgas bekommt Turkmenistan von Gasprom fürstliche 225 bis 295 Dollar für tausend Kubikmeter Gas! Das spült jährlich zwischen 9.4 und 12.4 Milliarden Dollar mehr in die turkmenische Staatskasse.
  2. Gasprom baut und finanziert Transportlogistik für das Gas und erschließt neue Gasfelder für Turkmenistan in einem Volumen von 4 bis 6 Milliarden Dollar. Dieser Kredit wird Turkmenistan zinslos zur Verfügung gestellt.

Gasprom macht bei diesem Deal voraussichtlich keinen Gewinn, muss vielleicht sogar zuschießen. Und das lässt den indischen Diplomaten M.M. Bhadrakumar, dessen Artikel in der Asia Times vom 30.7.08 wir diese Erkenntnisse verdanken, zu dem Schluss gelangen:

… reines Geldmachen war nicht Gasproms Motiv. Der Kreml hat eine große Strategie.“

Gasproms große Strategie besteht darin, in Zentralasien Monopolabnehmer von Erdgas zu werden. Mit dem unprofitablen Vertrag von Ashgabat ist man dem Ziel ein entscheidendes Stück näher gekommen. Beworben hatte sich nämlich bislang um das turkmenische Gas neben chinesischen Interessenten auch ein Konsortium aus Europa. Eine Pipeline sollte Gas von Turkmenistan durch das Kaspische Meer in die Türkei drücken. Dort würde es durch die für 2010 geplante Pipeline mit dem wohlklingenden Namen „Nabucco“ über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich als Verteiler für Europa fließen.

Besonders die USA legten großen Wert darauf, dass Westeuropa neben den drei Pipelines, die allesamt durch Russland führen, nach Möglichkeit mehrere Pipelines außerhalb des russischen Einflussbereichs erreichen würden. Europa sollten nach dem Willen der Amerikaner nicht in einseitige Abhängigkeit von den „den Russen“ geraten. Das Anschlussrohr für Nabucco sollten nach diesen Plänen Gasquellen aus Iran, Irak und – eben Turkmenistan befüllen.

Diese Träume sind nun zerplatzt. Neben Gasprom hat Turkmenistan auch noch mit chinesischen Konzernen Veträge abgeschlossen. Damit ist klar, dass die Nabucco-Freunde nicht mehr zum Zuge kommen werden. Dass Russland und China sich beim Turkmenistan-Deal noch ins Gehege kommen werden, und Nabucco dann doch noch als lachender Dritter triumphiert, ist nicht anzunehmen. Denn der russische Vizepremier Igor Sechin traf sich am 26. und 27. 7. mit seinem chinesischen Amtskollegen Wang Oishan. Es ging um Energiepolitik, und man betonte, die beiderseitigen Beziehungen seien gut wie nie.

Als der venezolanische Staatspräsident Hugo Chavez am 22. Juli in Moskau weilte, bekräftigte Gasprom-Chef Miller den Anspruch eines Gaskartells unter Führung Russlands: „Dieses Forum von Gas-Exporteuren wird das weltweite Gas-Gleichgewicht bestimmen. Es wird Antworten geben auf die Fragen, wann, wo und wie Gas produziert werden sollte.“ Am 3. und 4. Juli war bereits der russische Staatspräsident Medwedew in Aserbeidschan. Auch dort wird Gasprom vermutlich mit seinen großzügigen Geschäftsbedingungen den Zuschlag erhalten.

Wer also bleibt übrig, um nach 2010 Nabucco mit Gas anzufüllen? Irak und Iran. Die Türkei hat ein vitales Interesse, zur Schnittstelle europäischer Gasversorgung zu werden. Also setzt die Türkei alle Hebel in Gang, um Iran an Europa heranzuführen. Iran widerum hatte sich selber Hoffnungen gemacht, an turkmenisches Erdgas heranzukommen, um dann selber als Förderer und Vermarkter von Erdgas ins Geschäft zu kommen. In dieser Branche besteht also eine Rivalität zwischen Russland und Iran. Der Iran ist andererseits für Russland wichtig als zukünftiger Kartellpartner.

Grund genug also für die USA und die Europäische Union, Iran plötzlich mit ganz anderen, weitaus verliebteren Augen, wahrzunehmen. Wenn Iran Nabucco nicht füttern will, wird Nabucco rasch dahinscheiden noch bevor es über die Phase der Planung hinausgekommen ist.

Die USA haben sich mit ihrer Ächtung der „Schurkenstaaten“ mehr als genug selber ins Bein geschossen. Iran muss jetzt milde gestimmt werden. Und auch Venezuela hat den USA bereits eine schmerzliche Lektion erteilt. Als nämlich Chavez an jenem besagten 22. Juli in Moskau weilte, wurden Verträge zwischen den russischen Konzernen Lukoil, Gasprom und TNK-BP auf der eine Seite und dem verstaatlichten venezolanischen Energiekonzern PDVSA abgeschlossen. Die drei russischen Konzerne werden in dem südamerikanischen Land an die Stelle der verjagten US-Konzerne ExxonMobil, Conoco und Phillips treten.

Und wer jetzt mit dem Gedanken spielen sollte, sein Auto auf Gas umzurüsten, dem sei nicht nur angesichts der Steueranhebung in zwei Jahren, sondern noch viel mehr wegen der sich abzeichnenden Kartellbildung unter russischer Ägide gesagt: Die Zeit des billigen Gases ist recht bald vorbei.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Turkmenistan, Gasprom und die neue Sympathie für Iran

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s