Obama: der Tony Blair der USA?

Man reibt sich verdutzt die Augen.

Jahrzehntelang galten Afroamerikaner in den USA als Menschen zweiter Klasse. Sie durften nicht die selben Zug- und Busabteile benutzen wie die weißen Herrenmenschen, durften nicht wählen, mußten in Hotels den Dienstboteneingang benutzen, mußten andere Pissoirs benutzen wie die Weißen. Die Elite der amerikanischen Wissenschaftlerzunft „bewies“ in unzähligen ehrgeizigen Forschungsprojekten, daß der „Neger“ intellektuell weit unter dem nordischen Menschen stand. „Neger“ seien wegen ihrer geistigen Inferiorität nur in der Landwirtschaft einzusetzen.

Und jetzt das: der Sohn eines Kenianers mit einem absolut uneuropäischen Namen wird Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Und der Noch-Präsident spricht voller früh einsetzender Altersmilde über den President-Elect, seinen Amtsnachfolger: „Es wird ein erhebender Anblick, Präsident Obama zu sehen; seine Frau, und die entzückenden Töchter, wie sie durch die Türen des Weißen Hauses gehen. Ich weiß, daß Millionen von Amerikanern von Stolz übermannt wurden in diesem erhebenden Moment, auf den so viele schon so lange gewartet haben.“

Nun gab es ja schon Vorboten. Ex-Außenminister Powell kommen vor Rührung die Tränen. Und Condoleezza Rice, die jetzige Außenministerin: „Als Afroamerikanerin bin ich besonders stolz … gestern vollzog sich offenkundig ein bedeutender Schritt nach vorne.“

Es ist nicht zu leugnen: es ist einer hauchdünnen Schicht von Afroamerikanern gelungen, ganz nach oben durchzustarten. Wo früher nur der Aufstieg als Boxer oder Jazzmusiker möglich war, da gibt es heute eine breite Palette von Berufen. Die afroamerikanische Talkmasterin Oprah Winfrey gilt als reichste Frau der USA.

Für die allermeisten Afroamerikaner geht es allerdings immer weiter bergab. Sie stellen die Mehrheit in den Obdachlosenasylen, in den Gefängnissen, Arbeitslagern und in den Todeszellen, wo man auf seine Hinrichtung wartet. Sie sind in ihren Communities oftmals schutzlos den Drogendealern ausgeliefert. Auch unter einem Präsidenten Barack Obama ist nicht mit einer Änderung dieser beklagenswerten Verhältnisse zu rechnen.

Dagegen haben kluge Beobachter der Ereignisse bereits festgestellt, daß mit der Einsetzung von Obama als Präsidenten der ruinierte Ruf der USA auf besonders flexible Weise wiederhergestellt werden soll. Jemand, der einer Ethnie angehört, die in ganz besonderer Weise unter den Exzessen der weißen, nordischen Herrenmenschen zu leiden hatte, wird doch bestimmt besonders sensibel sein für die Leiden der Unterdrückten. Naja, auch in der Endphase des Römischen Reiches herrschten in Rom Afrikaner als Kaiser. Das hat indes die Lage der unterworfenen Völker in keiner Weise gebessert.

Es spricht eigentlich alles dafür, daß Barack Obama der amerikanische Tony Blair wird. Tony Blair holte sich zuerst beim großen Meinungsdiktator und Zeitungsimperator Rupert Murdoch dessen Segen ein. Dann gewann er mit Murdochs Hilfe eine Mehrheit außerhalb des Labor-Segments. Um sogleich eine ultrarechte Politik zu machen, die mit einer traditionell konservativen Mehrheit niemals hätte durchgesetzt werden können.

Genau dieses Muster, das in abgemilderter Form ja auch die Regierung Schröder durchzog, wird jetzt unverkennbar von Obama in den USA verwirklicht. Der ehemalige Black Power-Aktivist und Journalist Larry Pinkney schrieb im Black Commentator am 5.11.2008:

„Wenn die große Masse der Bevölkerung in dieser Nation genau Bescheid gewußt hätte über die Tatsachen der schmierigen Rhetorik des von der Wall Street gestützten Barack Obama, diesen Kriegstreibersprüchen wie: ‚Wir können den Krieg besser führen‘, die Zustimmung zu der zionistischen Apartheit <gegen die Palästinenser> – dann ist fraglich, ob sie dann so eingewickelt und verarscht worden wären, zu ihrem eigenen Schaden und dem der ganzen Welt.“

Unter Obamas Präsidentschaft „gibt es für die Mehrheit der US-Bevölkerung ein böses Erwachen durch eine verstärkte Politik sozialer Einschnitte, innerer politischer Repression, vertiefter rassischer Disharmonie, einer äußeren militärischen Abenteuerpolitik, sowie einem nicht abreißenden Strom von Desinformation durch die konzernhörige Regierung. Die Völker der Welt werden einem intensivierten imperialistischen und militärischen Angriff zugunsten der US-Weltherrschaft ausgesetzt sein.“

„Unter einem Präsidenten Obama werden jene Nicht-Schwarzen, die in Opposition stehen zu Barack Obamas Unterstützern aus der Wall Street und ihrer blutsaugenden Politik, als Rassisten und Verräter gebrandmarkt, während jene Schwarzen, die in Gegnerschaft zu Obamas Politik stehen, ignoriert oder abgetan werden als radikale Randgruppe oder Verräter.“

„Es ist kein reiner Zufall, daß der Republikrat von der Demokratischen Partei, Barack Obama, die bislang nie gehörte Summe von annähernd 600 Millionen Dollar in seinem Wahlkampf verbrauchen konnte, während sein Kollege, der Republikrat von Republikanischen Partei, John McCain, ungefähr 100 Millionen Dollar zur Verfügung hatte. Dies alleine sollte einigen Einblick geben in die verabscheuungswürdige Rolle, die von den Konzernen gespielt wird, sowie ihrem empörenden, inakzeptablen und absolut ungeheuerlichen Einfluß und Kontrolle über das Wahlsystem in dieser sogenannten Demokratie. Das meiste von diesem Geld ist in Blut getränkt und stammt aus der Ausbeutung durch Wall Street-Konzerne und Militärelite. Diese Tatsache alleine gibt schon einen weiteren guten Hinweis, was man unter Obamas Präsidentschaft zu erwarten hat.“

Übrigens gab es neben Obama und McCain noch weitere Bewerber um das Präsidentenamt. Doch diese Kandidaten bewegten sich nicht auf dem Boden dessen, was Pinkney als „Republikraten“ bezeichnet – also jenen gemeinsamen Glaubensgrundsätzen der US-amerikanischen Oligarchie. Für die Grünen kandidierte die Afroamerikanerin Cynthia McKinney. Und dann kämpfte auf verlorenem Posten der berühmte Verbraucheranwalt Ralph Nader. Er hat Barack Obama einen offenen Brief geschrieben, in dem er auf Obamas offensichtlich stark ausgeprägten Opportunismus hinweist. Zum Abschluß zitieren wir aus diesem offenen Brief einige Passagen:

Ralph Nader: An Open Letter to Barack Obama – Between Hope and Reality.

„Weit mehr als Senator McCain erhielten Sie enorme, nie dagewesene Zuwendungen von Konzernen, der Wall Street und, das ist hochinteressant, von Anwälten großer Konzernkanzleien. Niemals zuvor hat ein demokratischer Präsidentschaftskandidat eine solche Übermacht über seinen republikanischen Mitbewerber gehabt. Warum, mal abgesehen von Ihrer bedingungslosen Zustimmung für die 700 Milliarden Dollar staatlicher Unterstützung für die Wall Street, investieren diese großen Konzerne so viel in Obama? Könnte es vielleicht sein, daß Sie in Ihrer Zeit als Senator Ihres Bundesstaates, und dann als Senator im US-Senat, sowie in Ihrer Zeit als Präsidentschaftskandidat, bewiesen haben, daß Sie der Mann der Wall Street sind? Sie favorisierten in jener Zeit Atomkraft, Kohlekraftwerke, Ölbohrungen im Küstengewässer, Subventionen für die großen Konzerne; und vermieden dabei konsequent jedes umfassende Programm, um die kriminellen Aktivitäten der Konzerne zu zerschlagen oder den verschwenderischen Militärhaushalt, um nur mal zwei Beispiele zu nennen.

Um Hoffnung und Wandel voranzubringen, muß die Person des Präsidenten Charakter, Mut und Integrität vorweisen können – nicht kalte Berechnung, Anpassung und kurzsichtigen Opportunismus. Nehmen wir z.B. Ihre Verwandlung von einem ausdrücklichen Verteidiger der Rechte der Palästinenser, bevor Sie sich um einen Senatssitz in Washington bewarben, zu einem Gefolgsmann, einem Nachplapperer der AIPAC-Lobby, die militärische Unterdrückung, Besetzung, Blockade, Kolonisierung und Wasserentzug gegen die Palästinenser und ihre geschrumpften Territorien in der West Bank und im Gazastreifen vorantreibt … Ein weiterer Beleg Ihres Mangels an Charakter ist die Art, wie Sie den Muslimen in den USA den Rücken kehren. Sie weigerten sich sogar, Stellvertreter zu deren Feiern zu schicken. Während Sie zahllose Kirchen und Synagogen besucht haben, weigerten Sie sich, auch nur eine einzige Moschee in den USA zu besuchen. Selbst George Bush besuchte die große Moschee in Washington D.C. nach dem 11. September 2001, um angemessene Gefühle der Toleranz auszudrücken vor einer verängstigten großen religiösen Gruppe von unbescholtenen Mitbürgern.“

Und noch ein Wort des Afroamerikanischen Bürgerrechtlers Malcolm X zur Beziehung von Rasse und korrekter Politik:

Malcolm X: „Ich glaube, daß es letztlich einen Kampf zwischen den Unterdrückten und Unterdrückern geben wird. Ich glaube, es wird einen Kampf geben zwischen jenen, die Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit für alle wollen, und jenen, die das System der Ausbeutung weiterführen wollen. Ich gehe fest davon aus, daß es diese Auseinandersetzung geben wird, aber ich denke nicht, daß dabei die Hautfarbe eine Rolle spielen wird.“

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3 Gedanken zu “Obama: der Tony Blair der USA?

  1. Das warten hat sich gelohnt… – für diesen Artikel. WordPress machte Ihnen ja einige Probleme, wie Sie mir bei unserem letzten Schriftwechsel mitgeteilt hatten. Nach einer längeren Artikelpause dachte ich, Sie hätten WordPress in den Wind geschossen. Gut, dass ich vorbeigeschaut habe.

    Vizekandidat Biden kündigt an, dass Obama in den ersten Monaten seiner Amtszeit, drastische Maßnahmen einleuten wird. Das sich die politischen Kreuzzüge nicht in Luft auflösen ist natürlich klar. Ich habe mich vor einiger Zeit gefragt, aus welchem Loch dieser Biden plötzlich gekrochen ist. Wie aus dem Nichts tauchen da Personen auf, von denen ich nie zuvor gehört hatte. Das mag natürlich daran liegen, dass ich mich für die Wildwest Figuren nicht sonderlich beschäftige, aber mal ehrlich… Ein Gutmenschen-Club wie kein anderer. So wird Obama in den deutschen Sensationsmedien als „mächtigster Mann der Welt“ gepredigt.

    Warum schmeißen nicht alle ihre Flimmerkiste aus dem Fenster, dass wäre ein großer Schritt für die Menschheit.

    Bleiben Sie gesund!

    Andreas

  2. Obamas Erfolg ist aus meiner Sicht in sehr großen Teilen auf seine Konzentration auf das Web als zentrales Medium zurückzuführen, aber auch auf die Nutzung desselben nicht als Medium an sich, sondern als Multiplikator und Verstärker für seinen generell sehr gut geplanten Wahlkampf. Siehe dazu auch dieses neue Buch von ProDialog, dass ich derzeit lese und das eben das behandelt: http://prodialog.org/content/publikationen/buecher/obama

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