Über die Schwierigkeit, den Widerstand im Mittleren Osten zu verstehen

Am zweiten März tauchte plötzlich die Presseerklärung einer irakischen Gruppierung auf, die gegen die Besatzung der US-Streitkräfte im Irak opponiert. Jene Gruppe nennt sich: Rafidan – das politische Komitee von Bagdhad. Ein langes, brilliant geschriebenes Manifest gegen das Besatzungsregime der USA.

Die Autoren des offenen Briefes von der Rafidan sprechen den US-Präsidenten Barak Obama in Augenhöhe an und bescheinigen ihm großzügig, er zeige „ein weitaus größeres Verständnis unserer Nation als Ihr Vorgänger, der lieber in Ozeane von Analphabetismus und Unwissenheit abtauchte.“

Und die Rafidanisten outen sich als Ökos. Nicht nur Obama will für sein Land regenerative Energien fördern: „Wir jedenfalls beabsichtigen, unsere Rohstoffe zu nationalisieren und dafür zu nutzen, um eine eigene alternative Energiegrundlage zu schaffen.“ Für die internationale Friedensbewegung hegen sie wärmste Gefühle: „Gott möge diese Leute segnen, wo immer sie sind.“ Schließlich reklamieren die irakischen Widerständler den Zusammenbruch des Angloamerikanischen Finanzsystems als Ergebnis ihres Kampfes: „All Ihre Anstrengungen, die globalisierte Wirtschaft wiederherzustellen, werden keine zufriedenstellende Ergebnisse von bleibendem Wert erbringen. Und Marionettenregime, die für Sie die Aufsicht über die Rohstoffe der Welt ausüben, werden letztlich stürzen, eines nach dem anderen, in dem Maße wie ihre Fehlleistungen immer offensichtlicher werden für ihre ganz normalen Bürger. Und das ist der Grund, warum Sie (Mister Obama) jetzt täglich Berichte von der CIA über die Weltwirtschaft erhalten.“

Das klingt ja fast, als schauten die bärtigen Kämpfer der Rafidan Obama im Oval Office direkt über die Schultern. Das Rafidan-Manifest kommt daher, als wären die irakischen Widerstandskämpfer gerade eben vom Weltsozialgipfel aus Brasilien zurückgekehrt. Nun, um die Ironie nicht auf die Spitze zu treiben: der Text ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Fake, ein Hoax – oder auf gut Deutsch: eine plumpe Fälschung. Aber offensichtlich diesmal nicht aus der Fälscherwerkstatt finsterer westlicher Geheimdienste. Denn das Manifest zeigt den Widerstand im Mittleren Osten in einem ungewohnt vorteilhaften Licht. Vielleicht hat ein einsamer globalisierungskritischer Linker sich ausgemalt, wie ein politischer Widerstand aussehen könnte, der für die ganze Weltgemeinschaft anschlußfähig, sympathisch und anziehend wirkt. Und die Rafidan hat sich vermutlich bedankt, indem sie diesen charmanten Fake einfach nicht dementiert hat. Die Rafidan gibt es tatsächlich. Sie hat sich aber bislang ausschließlich mit kriminellen Machenschaften US-amerikanischer Waffendealer und mit Verrätern aus den eigenen Reihen beschäftigt.

Diese nette Fälschung zeigt aber genau, was heute anders ist als bei den antiimperialistischen Bewegungen in den Sechziger Jahren. Damals hatte der Widerstand sympathische Gesichter: Ho Tchi Minh, Che Guevara oder später Nelson Mandela. Die Indentifikationsfiguren jener Jahre hatten fast alle an westlichen Universitäten studiert und bezogen sich auf die selben Koordinaten, auf die sich auch die Studenten in den Industrieländern des Nordens bezogen: auf die Ideen der Aufklärung und den Sozialismus. Auf diesem gemeinsamen Fundament war es wesentlich leichter, das alle Völker verbindende Interesse an Freiheit, Demokratie und Würde zu formulieren.

Loretta Napoleoni hat in ihrem Buch „Die Ökonomie des Terrors“ überzeugend dargelegt, warum diese gemeinsamen Koordinaten heute nicht mehr vorhanden sind. Die Antiimperialisten der Dritten Welt konnten sich in den Sechziger und Siebziger Jahren ganz auf ihre Arbeit als Berufsrevolutionäre und Architekten einer nachrevolutionären Gesellschaft konzentrieren. Denn die Sowjetunion und die ihr angeschlossenen Länder sponserten den Widerstand von Ho Tschi Minh. Zudem gab es ruhige zivilisierte Gebiete, wo sich die Revolutionäre erholen und weiterbilden konnten.

Das ist heute völlig anders. Keine Rivalität von Supermächten ist vorhanden, die Kämpfer aus Drittweltländern finanzieren und für eine bessere Welt ausbilden lassen. Die heutigen Kämpfer müssen ihre Organisation selber finanzieren. Und da bleibt für das Rebellenleben in der Illegalität meistens nur Schmuggel, Drogen- und Waffenhandel als einzige Einnahmequelle. Aus idealistischen Freiheitskämpfern sind unter dem Zwang der Ökonomie eigenverantwortliche Unternehmer im Fachgebiet: Landsknecht geworden.

iraqgirlwithweaponZum anderen macht man sich auch kaum ein Bild von der totalen Zerstörung aller zivilen Infrastrukturen in Ländern wie z.B. Afghanistan, das sich nunmehr bereits seit über dreißig Jahren im totalen Krieg befindet. Hier wächst mittlerweile die dritte Generation ohne reguläre Schulbildung auf. In diese Lücke stoßen wahabitische Missionare aus Saudi-Arabien hinein, die einen Steinzeit-Islam dort einpflanzen, wo zuvor ein relativ toleranter und aufgeklärter Sufi-Islam vorherrschte. Die enorme Macht des Wahabismus geht auf das Konto der USA und England, die die wahabitische Saud-Dynastie zum Alleinherrscher auf der arabischen Halbinsel gemacht haben. Daß man mit der Software des Steinzeit-Wahabismus nicht die geringste Chance hat, mit den westlichen Industrienationen jemals auf Augenhöhe verhandeln zu können, versteht sich von selbst.

Irak und Afghanistan verfügten vor dem Einmarsch der US-Truppen und ihrer willigen Helfer durchaus über eine akademische Infrastruktur in funktionsfähigen Universitäten und außeruniversitären Instituten. Als beide Länder besetzt wurden, begann eine rätselhafte Welle von gezielten Mordanschlägen auf alle Akademiker der beiden Länder. Nach der Invasion des Irak wurden schätzungsweise 1.000 Akademiker gezielt erschossen. Weil 160 Universitätsprofessoren ermordet wurden, mußten 152 Fachinstitute geschlossen werden. Dr. Quais al-Azawi, Direktor des Committee for Protecting Iraq University Professors erkärt in einem Interview mit dem Fernsehsender Al Jazeera <1>: “ … wir haben viele Beispiele, wo irakische Professoren entführt wurden und nicht eher freigelassen wurden, bis sie deutlich erklärten, daß sie den Irak verlassen.“ So haben mittlerweile 2.000 Professoren Irak fluchtartig verlassen.

Und Dr. Violette Daguerre vom Arab Committee for Human Rights, einer mit der UNO assoziierten Organisation, stellt, ohne Namen zu nennen, Bezüge zu geopolitischen Interessen außerhalb des Irak her <2>: „Die Ermordung von ausgesuchten Gelehrten wird das Selbstbewußtsein der Iraker treffen und entsprechend den Riß zwischen den Fraktionen im Irak vertiefen – und genau das wollen die Feinde des Irak erreichen … Es ist offenkundig, daß es einen Plan gibt, religiös motivierte Gewalt in diesem Land zu provozieren. Ich denke, religiös motivierte Gewalt ist eines der zentralen Elemente eines Plans, den Irak zu zerschlagen.“

Was nun die systematische Zerstörung von Nationalstaaten durch die US-amerikanische Besatzung angeht: da sprechen die Tatsachen eine unmißverständliche Sprache. Beispiel Somalia: als die USA sich in Somalia einschaltete, zerbrach der Nationalstaat. Somalia ist heute ein sog. gescheiterter Staat.

Nicht anders erging es dem Libanon. Und niemand wird im Ernst behaupten wollen, Afghanistan sei heute etwas anderes als ein gescheiterter Staat. Somalia, Libanon und Afghanistan sind heute nur noch Aufmarschgebiete regulärer Armeen aus den reichen Ländern gegen unreguläre Landsknechtshaufen aus den armen Ländern.

Irak wiederum wurde tatsächlich erst in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus drei osmanischen Provinzen zusammengebacken. Nichtsdestoweniger haben sich nach achtzig Jahren nationalstaatliche Strukturen herausgebildet. Der Irak war ein moderner, dynamischer Staat geworden, als Saddam Hussein Ende der Siebziger Jahre sich zum blutigen Diktator aufschwang. Seine Verbrechen gegen die Kurden haben dem Nationalstaat den ersten Schlag versetzt.

In den USA wird schon lange über eine Auflösung der hergebrachten Nationalstaaten im Mittleren Osten nachgedacht. Ähnlich wie in Osteuropa möchte man an die Stelle der alten Bundesstaaten lauter Ministaaten setzen, die in ihrer Schwäche den ausländischen Investoren nichts entgegenzusetzen haben.

Der ehemalige Militär und Geheimdienstler Ralph Peters und seine Überlegungen seien hier als Beispiel für viele andere Vordenker genannt. In einem Aufsatz in der Militärzeitschrift „Armed Forces Journal“ vom Sommer 2006 mit dem Titel: „Blutgrenzen – Wie ein besserer Mittlerer Osten aussehen könnte“ <3> baut Peters eine ganz neue Staatenlandschaft. Er macht sich dabei rhetorisch zum Anwalt der unterdrückten Völker. Die künstlichen Grenzziehungen in Afrika und im Mittleren Osten gehen kreuz und quer durch sämtliche Volksgruppen. Diese „koloniale Willkür“ führt immer wieder zu ethnisch motivierten Gewaltakten.

Wer will da widersprechen?

Und: wer will widersprechen, daß die Kurden, deren Lebensraum sich über vier Staaten erstreckt, nicht auch endlich einen eigenen Staat verdient haben? Peters hat aber ganz andere Motive als wir romatischen Träumer des Friedens und der Gerechtigkeit. Peters sagt: „Ein freies Kurdistan … wäre der am meisten pro-westliche Staat zwischen Bulgarien und Japan.“

Aha.

Ralph Peters hat eine Karte „seines“ Mittleren Ostens angefertigt, die man sich bei Wikipedia anschauen kann. Und tatsächlich: den Irak gibt’s da nicht mehr: „Ein Frankenstein-Monster eines Staates, zusammengeflickt aus unpassenden Einzelteilen, Irak nämlich, sollte umgehend in drei kleinere Staaten aufgeteilt werden.“ Syrien soll seinen Zugang zum Mittelmeer an Libanon abtreten. Der Iran soll zusammengestutzt werden auf die Gebiete in denen „Perser“ leben. Sogar Saudi-Arabien muß bei Peters Federn lassen.Afghanistan gibt einen Lappen an „Persien“ ab, und bekommt dafür von Uncle Sam ein Stück von Pakistan. Pakistan, laut Peters „ein weiterer unnatürlicher Staat“ muß Küstengebiete an einen neu zu schaffenden Staat Belutschistan abtreten.

Armes Pakistan.

Seitdem die USA Pakistan nicht mehr lieben, hagelt es dort Anschläge auf die Zivilbevölkerung, und munitionierte Drohnen beschießen zivile Ziele auf pakistanischem Territorium. Der pakistanischen Regierung werden de facto Eselsohren aufgeklebt. Denn die Regierung kann die Sicherheit ihrer Bürger nicht mehr garantieren. Also verliert der Nationalstaat an Authorität in der Bevölkerung. Der erste Schritt zum Failed State ist gemacht.

Ein globalkritisch anschlußfähige Widerstandsbewegung mit einem West-kompatiblen Bildungsniveau ist in diesem chaotischen Landsknechts-Inferno wohl einstweilen nicht zu erwarten.

Fußnoten:

<1> „SOS over Iraqi Scientists“ By Ahmed Janabi, 10.4.2006

<2> ebd

<3> Ralph Peters, „Blood Borders – How a better Middle East would look“. Armed Forces Journal, Juni 2006.

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Buchbesprechung: Wall Street und der Aufstieg Hitlers

Eine heimliche unheimliche Bruderschaft

Hermann Ploppa

Nach 32 Jahren liegt Antony Suttons Buch „Wall Street and the Rise of Hitler“ in deutscher Übersetzung vor. Eine längst überfällige Dokumentation der Kollaboration des US-Finanzkapital mit den Nazis

suttonwallhitler4Antony C. Sutton: Wall Street und der Aufstieg Hitlers

Perseus Verlag Basel 2008

205 Seiten, Paperback

ISBN 978-3-907564-69-1

Aus dem Englischen übersetzt von Peter Geiger

Am Ende des Ersten Weltkrieges, November 1918, begannen bereits die Vorbereitungen für den nächsten, den Zweiten Weltkrieg. Das betrifft vor allem die Planungen der Generalität der neu formierten deutschen Reichswehr. Doch gab es bei diesen Vorbereitungen noch weitere Mitspieler: denn der Kongress-Untersuchungsausschuß in Washington unter der Leitung von Harley Kilgore stellte im Sommer 1945 aufgrund seiner Recherchen eindeutig fest, daß von internationalen Investoren „… seit 1918 große Schritte unternommen worden waren, um Deutschland wirtschaftlich und industriell auf einen Krieg vorzubereiten.“

Tatsächlich strömten seit 1918 britische, französische und US-amerikanische Industrielle und Banker in das zerrüttete Deutschland. Nicht nur, um die Reste kaiserdeutscher Wirtschaftsmacht auszunehmen und zu filetieren. Nein, sie halfen tatkräftig mit beim Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft.

Und sie nahmen Einfluß darauf, wer in Deutschland zukünftig in der Politik das Sagen haben sollte. Es ist aktenkundig, daß die chaotische und zerstrittene rechte Szene unter dem finanzkräftigen Schirm von Hitlers Nazibewegung in München zusammengefaßt wurde. Die New York Times <1> berichtet im Winter 1922 von unversiegbaren Geldquellen der jungen Totschläger um Hitler, und bringt unverhohlen den US-amerikanischen Autofabrikanten Henry Ford mit dem Füllhorn der Nazis in Verbindung. Gleichzeitig verkuppelt der US-Militärattaché Truman Smith den schwerreichen Harvard-Absolventen Ernst „Putzi“ Hanfstaengl mit dem jungen Nachwuchsdemagogen Adolf Hitler. Hanfstaengl bringt dem ungehobelten Schlägerkönig von München Tischmanieren bei, führt ihn in die besten Häuser Bayerns ein und finanziert die Umstellung des Naziblattes „Völkischer Beobachter“ von einem Wochenblatt in eine Tageszeitung.

Doch das sind lediglich Episödchen, die Sutton hier erzählt. Sie werfen ein Schlaglicht auf viel tiefer gehende Zusammenhänge. Denn es geht um gigantische Zukunftsinvestitionen. Die astronomisch – um nicht zu sagen: absurd – hohen Reparationsforderungen der Siegermächte gegenüber Deutschland hätten nur dazu geführt, daß Deutschland unter den Lasten zusammengebrochen wäre. Und dann wäre gar kein Geld mehr aus Deutschland herauszuholen gewesen. Das wurde zumindest den Finanzgrößen der New Yorker Wall Street recht schnell klar.

Also schnürten sie im Jahre 1924 ein großes Kreditpaket zusammen, das nun in Deutschland hineingepumpt wurde. Die Rechnung ist für die Banker von der Ostküste der USA ganz risikolos: die Kleinsparer in den USA zeichnen Pfandbriefe für die deutsche Wirtschaft und für staatliche und kommunale Einrichtungen in Deutschland. Das Geld sehen die Kleinsparer übrigens nie wieder <2>. Die deutschen Reparationszahlungen an die bankrotten Kriegsgewinner Großbritannien und Frankreich helfen wiederum, die Schulden von Großbritannien und Frankreich an die US-Banken zurückzuzahlen.

Für diese geniale Ringtauschaktion verlangen die US-Banken – ganz genau so wie heute der IWF gegenüber Schuldnern aus der Dritten Welt – im Gegenzug die Einhaltung politischer Auflagen auf deutscher Seite. Ganz Deutschland wird praktisch an die US-Banken verpfändet. Im Vorstand der staatseigenen Reichsbank sitzen nun Vertreter englischer und US-amerikanischer Banken. Auch im Vorstand der deutschen Reichsbahn sitzen jetzt englische und US-amerikanische Banker. Das gesamte Inventar der Reichsbahn mit Ausnahme des Personals, ist verpfändet an die angloamerikanischen Banken. Das kommunale Inventar, soweit es mit US-Geldern finanziert wurde, ist ebenfalls verpfändet.

Zugleich wird unter der Regie der US-Bankdirektoren eine radikale Konzentration der deutschen Industrie durchgeführt. In den Bereichen Elektrotechnik, Eisen- und Stahlverarbeitung sowie im Bereich Chemie werden die bestehenden Unternehmen zu zentralen Kartellen und Mega-Konzernen zusammengefaßt. So entsteht unter Anleitung der US-Banker aus sechs Einzelunternehmen der chemischen Industrie das gigantische Konglomerat IG Farben. Damit ist der damals weltweit größte Chemiekonzern zusammengeschweißt. Ihm angeschlosen waren in der Schweiz die IG Chemie und in den USA die American IG. Es entstehen weiterhin die Vereinigten Stahlwerke, und AEG wird zu einem Viertel von der amerikanischen General Electric übernommen. General Motors kauft im Katastrophenjahr 1929 die deutsche Adam Opel AG. Ford baut Werke in Köln und Berlin.

Nun sind alle kriegsrelevanten Branchen auch in Deutschland auf ein international konkurrenzfähiges Niveau gebracht. Und die nötigen Kapazitäten sind geschaffen, um einen modernen, industriellen totalen Krieg durchführen zu können. Sicher kann man mit Stahl zivile Fahrzeuge bauen, und die Elektroindustrie kann friedliche Radiogeräte herstellen. Jedoch zeigt die Entwicklung in den Dreißiger Jahren im Hitlerreich, daß sich die zivilen Kapazitäten in Blitzesschnelle zu Rüstungsfabriken konvertieren lassen. Zum Beispiel die Opelwerke dank einer Geldspritze in Höhe von 100 Millionen Dollar durch den „Mutter“konzern General Motors im Jahre 1940 <3>.

Und genau bei diesen Konversionsvorgängen waren nun wiederum die US-amerikanischen Teilhaber der in den Zwanziger Jahren geschaffenen deutschen Konglomerate äußerst hilfreich aktiv. Die deutsche Kriegswirtschaft stand fast zu zwei Dritteln unter US-amerikanischer und britischer Kontrolle: Ford und General Motors produzierten 70% der Nutzfahrzeuge der Wehrmacht. Opel Rüsselsheim lieferte Flugzeugaggregate für Görings Luftwaffe. Standard Oil – also: ESSO – und der niederländisch-britische Konzern Shell belieferten unter deutsch klingenden Namen die meisten deutschen Tankstellen.

Antony Sutton weist nach, daß Standard Oil dem mit ihm eng zusammengewachsenen Konzern IG Farben zahlreiche kriegswichtige Patente und Rohstoffe lieferte, ohne die der Nazistaat nie und nimmer einen Angriffskrieg hätte führen können. Da ist zum Einen die Kohleverflüssigung. Da Deutschland kaum über nennenswerte Ölvorkommen verfügt, konnte durch das Verfahren der Kohlehydrierung aus Steinkohle, die es in Deutschland ja reichlich gibt, Benzin gewonnen werden. Das Verfahren war im kaiserlichen Deutschland entwickelt worden, mußte aber als Teil der Reparationen an Standard Oil abgetreten werden <4>. Sutton zeigt nun, daß Standard Oil die Kohlehydrierung ihererseits weiter perfektioniert hatte, und das Patent vor dem Zweiten Weltkrieg der IG Farben kostenlos überließ.

Standard Oil belieferte ab 1935, also genau ab jenem Zeitpunkt, als die deutsche Wirtschaft unverkennbar auf Kriegswirtschaft umgeschaltet wurde, die deutsche Wehrmacht mit Tetra Ethylblei. Ohne dieses Tetra Ethylblei hätte Görings Luftwaffe nie gen England aufsteigen und London und Coventry bombardieren können. Guernica wäre nie ausgelöscht worden. Doch Standard Oil, nebenbei bemerkt, ein Bestandteil des Rockefeller-Imperiums, schreckte in seiner Unterstützung der Nazis nicht vor Landesverrat zurück: ESSO überließ der Wehrmacht das Patent für synthetisches Gummi. Und weigerte sich andererseits, dieses Patent den US-Streitkräften zur Verfügung zu stellen <5>.

Nun waren in den Dreißiger und Vierziger Jahren die damit verbundenen Geld-Transfers von einem Land zu einem anderen noch recht umständlich durchzuführen. Es gab noch kein weltweites Kontoführungsnetz, mit dem man in Minutenschnelle Geld von einem Konto in Wanne-Eickel zu einem Konto in Shanghai überschreiben konnte, wie heute mit dem SWIFT-System. Wenn obendrein die Transaktionen Diskretion erforderten, wie z.B. die politisch unkorrekten Geschäfte zwischen der Wall Street und den Mussolini-Faschisten oder Nazi-Deutschland, dann wurde das über Privatbanken abgewickelt. Denn persönlich haftende Privatbanken mußten keine veröffentlichten Bilanzen vorlegen. So gab es die Bankierdynastie der Schröders. Diese hochmögende Sippe hatte jeweils eigenständige Banken in New York, London und Hamburg. Zusätzlich arbeitete Sippensproß Baron Kurt von Schröder als Geschäftsführer der Kölner Bank H. Stein.

In den USA wickelte zudem die Privatbank Brown Brothers Harriman die braunen Geschäfte ab. Die Union Banking Corporation kooperierte mit deutschen Nazi-Banken über die niederländische Bank voor Handel en Scheepvaart, deren Eigentümerschaft sie sich mit dem deutschen Industriellen Fritz Thyssen teilte. Den juristischem Teil der Arbeit erledigte in der Wall Street die Anwaltskanzlei Sullivan und Cromwell. Zuständige Fachanwälte für den braunen Deal: die Brüder John Foster Dulles und Allen Welsh Dulles. Der Erstere später US-Außenminister unter Eisenhower, der Letztere langjähriger Chef der CIA.

Doch das ist noch nicht alles. Als großer transnationaler Schirm breitete sich die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich über die kriegsfördernden Aktivitäten der Geschäftswelt aus. Die BIZ wurde 1930 von Owen D. Young, seines Zeichens Wall Street Bankier, sowie von Hjalmar Schacht, damals Präsident der deutschen Reichsbank, und Montagu Norman, Präsident der englischen Zentralbank, ins Leben gerufen. Angeblich sollte die BIZ die Reparationszahlungen in geordnete Bahnen lenken.

Doch bereits 1932 wurden Deutschland sämtliche Reparationszahlungen erlassen. Und so wurde der eigentliche Zweck der BIZ schnell deutlich. Im gutbürgerlichen Basel trafen sich nun zweimal im Jahr die Zentralbankchefs und eine Reihe von Privatbankiers der Länder: USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien und Japan, und jeden Monat einmal die Bevollmächtigten der Zentralbankchefs <6>.

Und so saßen in trauter Eintracht auch in den härtesten Kriegsjahren die Bankbevollmächtigten aller kriegführenden Staaten, Freund und Feind, zusammen, und sorgten dafür, daß die Finanzierung des Krieges immer weiter gehen konnte. Daß alle Kombattanten immer Geld flüssig hatten. Daß der Krieg nicht beendet werden mußte, weil ein kriegführender Staat plötzlich pleite ist. Das war nämlich im Ersten Weltkrieg kurzfristig passiert. Um die Jahreswende 1916/1917 waren Frankreich und vor allen Dingen Großbritannien bankrott. Der Krieg wäre damals fast abrupt zuende gewesen, wenn nicht kurzfristig die USA zugunsten der Alliierten in den Krieg eingetreten wären, und die US-Soldaten nicht die faulen Kredite der Morgan-Bank an Frankreich und Großbritannien gerettet hätten. Der Bevollmächtigte des Reichsbankpräsidenten Funk, nämlich Erwin Puhl, saß übrigens noch im Mai 1945 völlig unbehelligt als gleichberechtigter Teilnehmer am Tisch der BIZ.

Die in den Zwanziger Jahren aufgebauten engen Verbindungen zwischen der Wall Street und den aggressivsten Nazi-freundlichen Wirtschaftskreisen in Deutschland verfestigen sich also im Laufe des Krieges noch. Und auch die Kriegsführung der USA gegen Deutschland stärkte die Position dieses Netzwerkes ein weiteres Mal. Denn ein Dossier der US-amerikanischen Besatzungsbehörde kommt nach dem Ende des Krieges zu dem Ergebnis, daß die US-Luftwaffe mit gezielten Bombardements die Fabrikanlagen von Siemens, Bosch und Brown Boveri in Schutt und Asche gelegt hatten. Die drei genannten Elektrokonzerne gehörten dem US-NS-Netzwerk nicht an.

Geschont wurden dagegen jene Industrieanlagen, die zu IG Farben, also der Esso-Gruppe, gehörten. Sowie unter vielen anderen Mitgliedern des US-NS-Netzwerkes z.B. die Werke von AEG, Loewe, Ford oder Opel. Und nach dem Krieg schlüpften viele Netzwerk-Banker wie William Draper von der US-Bank Dillon Read in eine Offiziersuniform und kontrollierten bei der US-Besatzungsbehörde OMGUS, daß die deutschen Mitglieder des Netzwerkes ungeschoren davonkamen und die eigene Komplizenschaft unentdeckt blieb.

Damit hat Antony Sutton den Rahmen der Wall-Street-Connection mit dem Nazistaat abgesteckt. Im zweiten Teil seines Buches versucht der Autor einige Sponsoren der Nazis  namhaft zu machen. Neben Henry Ford und Putzi Hanfstaengl sind hier noch die Direktoren der IG Farben zu nennen. Bei dem berühmten „Kaiserhoftreffen“ einiger  Unternehmer mit Hitler spendierten die IG Farben-Leute 100.000 Reichsmark. Und dann gibt es da das einzige knallharte Dokument über Geldtransfers der Wirtschaft an Hitler. Am 20. Februar 1933 trafen sich nämlich im Palais des Reichstagspräsidenten Hermann Göring die Spitzen der deutschen Wirtschaft. Hjalmar Schacht sammelte an diesem Ort etwa 1.3 Millionen Reichsmark für das von ihm eingerichtete „Sonderkonto Treuhand“. Davon sollte Hitlers Wahlkampf für den 5. März finanziert werden. In diese Wahlkampfkasse zahlten, so Sutton, Konzerne der US-NS-Connection den Hauptanteil ein.

Schließlich geht Sutton noch auf den berüchtigten Keppler-Kreis sowie den Freundeskreis des Reichsführer SS, Heinrich Himmler, ein. Eine Mafia-artige Organisation. Unternehmer zahlten Spenden an die SS, und wurden dafür bei den Raubzügen der SS in besetzten Ländern bevorzugt bedacht. In diesem Kreis vertrat Baron Kurt von Schröder die US-NS-Seilschaft. Auch US-Konzerne wie ITT geizten bis 1944 nicht mit Spenden an diesen Zirkel.

Antony Sutton hatte seine Laufbahn begonnen mit wissenschaftlichen Studien über den Technologie-Transfer aus den USA in die junge Sowjetunion. Ein weites Feld, das bislang noch kaum erforscht wurde. Aus diesen Recherchen entwickelte Sutton eine unsinnige Verschwörungstheorie. Sutton gehört der Denkrichtung des in den USA sehr populären Libertarianismus an. Eine Art Anarcho-Kapitalismus. Die optimale Gesellschaft kommt am besten fast ganz ohne Staat aus, und läßt dem Unternehmertum freie Bahn. Dann regelt sich alles von selbst. Der Libertarianismus ist die Keimzelle des Neoliberalismus.

Libertarianist Antony Sutton entwickelte nun die Theorie, daß eine Handvoll Wall Street-Banker sich verschworen habe, der Welt einen „korporativen Sozialismus“ aufzuzwingen. Über den Staat knebele diese Clique die ach so freien Unternehmer. So hätten die Banker den Staatssozialismus in der Sowjetunion genauso konzipiert und gesponsert wie Mussolinis Faschismus und den Hitler-Faschismus. Und gewisse phänomenale Ähnlichkeiten des New Deal in den USA mit den Wirtschaftsankurbelungen im Hitler-Deutschland nimmt Sutton zum Anlaß, auch Franklin Delano Roosevelt als Vollstrecker dieses korporativen Sozialismus anzusehen.

Sutton selber liefert in seinem Buch allerdings die Widerlegung dieser absurden Behauptungen. Immer wieder muß er zugeben, daß die US-NS-Aktivitäten gegen den Widerstand der Roosevelt-Regierung durchgezogen wurden. Und was die Sowjetunion betrifft, so stellt sich doch die Frage, warum die UdSSR nicht in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, dieser diskreten Kapitalgießkanne zur reibungslosen Kriegführung aller Kombattanten, vertreten war.

Dennoch: es ist wichtig und verdienstvoll, daß jetzt endlich, beinahe 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, mit der Aufklärung über die weltumspannenden Vernetzungen der Kriegsfinanzwirtschaft begonnen wird. Viele wertvolle Schätze gilt es noch zu heben.

Fußnoten

<1> New York Times, 19.12.1922 „Berlin hears Ford is backing Hitler“

<2> Auch das eine Ursache des Financrash von 1929. Um das Geld endlich einzutreiben, bestellt Präsident Roosevelt den Geschichtsprofessor William E. Dodd zu seinem Botschafter für Nazideutschland. Dodd ist nicht Teil der US-NS-Finanzconnection, und genau aus diesem Grund hatte Roosevelt ihn für dieses Amt bestimmt. Im ersten Briefing beauftragt Roosevelt Botschafter Dodd, die Guthaben der amerikanischen Kleinsparer in Deutschland wieder einzutreiben – nicht zuletzt, damit die kleinen Leute in den USA wieder Geld haben, um die lahmende US-Wirtschaft anzukurbeln. Quelle: William E. Dodd: „Ambassador Dodd’s Diary“. New York 1941; S.4. Eintrag 16.6.1933.

<3> Hermann Ploppa: „Hitlers Amerikanische Lehrer“; S.16. Washington Post 30.11.1998 „Ford and GM scrutinized for alleged Nazi collaboration“.

<4> Joseph Borkin: Die unheilige Allianz der IG Farben, Frankfurt 1990. Borkin stellt allerdings klar, daß die IG Farben in den Zwanziger und frühen Dreißiger Jahren von den Nazis angefeindet wurde, nicht zuletzt wegen der jüdischen Mitglieder im Vorstand. Das Verhältnis kehrte sich erst kurz vor Hitlers Machtergreifung radikal um, als Hitler versicherte, er werde das volkswirtschaftlich völlig unrentable Kohlehydrierungsverfahren auf jeden Fall politisch durchsetzen.

<5> Der damalige Leiter des Kongressuntersuchungsausschusses, Senator Harry Truman, erklärte 1942 aufgrund dieser Befunde, die Machenschaften von Standard Oil grenzten an Landesverrat. Quelle: Time (USA) „Dinner Table Treason“ 6.4.1942.

<6> Präsident der BIZ war von 1939-1946 der US-Bankier Thomas McKittrick.