Über die Schwierigkeit, den Widerstand im Mittleren Osten zu verstehen

Am zweiten März tauchte plötzlich die Presseerklärung einer irakischen Gruppierung auf, die gegen die Besatzung der US-Streitkräfte im Irak opponiert. Jene Gruppe nennt sich: Rafidan – das politische Komitee von Bagdhad. Ein langes, brilliant geschriebenes Manifest gegen das Besatzungsregime der USA.

Die Autoren des offenen Briefes von der Rafidan sprechen den US-Präsidenten Barak Obama in Augenhöhe an und bescheinigen ihm großzügig, er zeige „ein weitaus größeres Verständnis unserer Nation als Ihr Vorgänger, der lieber in Ozeane von Analphabetismus und Unwissenheit abtauchte.“

Und die Rafidanisten outen sich als Ökos. Nicht nur Obama will für sein Land regenerative Energien fördern: „Wir jedenfalls beabsichtigen, unsere Rohstoffe zu nationalisieren und dafür zu nutzen, um eine eigene alternative Energiegrundlage zu schaffen.“ Für die internationale Friedensbewegung hegen sie wärmste Gefühle: „Gott möge diese Leute segnen, wo immer sie sind.“ Schließlich reklamieren die irakischen Widerständler den Zusammenbruch des Angloamerikanischen Finanzsystems als Ergebnis ihres Kampfes: „All Ihre Anstrengungen, die globalisierte Wirtschaft wiederherzustellen, werden keine zufriedenstellende Ergebnisse von bleibendem Wert erbringen. Und Marionettenregime, die für Sie die Aufsicht über die Rohstoffe der Welt ausüben, werden letztlich stürzen, eines nach dem anderen, in dem Maße wie ihre Fehlleistungen immer offensichtlicher werden für ihre ganz normalen Bürger. Und das ist der Grund, warum Sie (Mister Obama) jetzt täglich Berichte von der CIA über die Weltwirtschaft erhalten.“

Das klingt ja fast, als schauten die bärtigen Kämpfer der Rafidan Obama im Oval Office direkt über die Schultern. Das Rafidan-Manifest kommt daher, als wären die irakischen Widerstandskämpfer gerade eben vom Weltsozialgipfel aus Brasilien zurückgekehrt. Nun, um die Ironie nicht auf die Spitze zu treiben: der Text ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Fake, ein Hoax – oder auf gut Deutsch: eine plumpe Fälschung. Aber offensichtlich diesmal nicht aus der Fälscherwerkstatt finsterer westlicher Geheimdienste. Denn das Manifest zeigt den Widerstand im Mittleren Osten in einem ungewohnt vorteilhaften Licht. Vielleicht hat ein einsamer globalisierungskritischer Linker sich ausgemalt, wie ein politischer Widerstand aussehen könnte, der für die ganze Weltgemeinschaft anschlußfähig, sympathisch und anziehend wirkt. Und die Rafidan hat sich vermutlich bedankt, indem sie diesen charmanten Fake einfach nicht dementiert hat. Die Rafidan gibt es tatsächlich. Sie hat sich aber bislang ausschließlich mit kriminellen Machenschaften US-amerikanischer Waffendealer und mit Verrätern aus den eigenen Reihen beschäftigt.

Diese nette Fälschung zeigt aber genau, was heute anders ist als bei den antiimperialistischen Bewegungen in den Sechziger Jahren. Damals hatte der Widerstand sympathische Gesichter: Ho Tchi Minh, Che Guevara oder später Nelson Mandela. Die Indentifikationsfiguren jener Jahre hatten fast alle an westlichen Universitäten studiert und bezogen sich auf die selben Koordinaten, auf die sich auch die Studenten in den Industrieländern des Nordens bezogen: auf die Ideen der Aufklärung und den Sozialismus. Auf diesem gemeinsamen Fundament war es wesentlich leichter, das alle Völker verbindende Interesse an Freiheit, Demokratie und Würde zu formulieren.

Loretta Napoleoni hat in ihrem Buch „Die Ökonomie des Terrors“ überzeugend dargelegt, warum diese gemeinsamen Koordinaten heute nicht mehr vorhanden sind. Die Antiimperialisten der Dritten Welt konnten sich in den Sechziger und Siebziger Jahren ganz auf ihre Arbeit als Berufsrevolutionäre und Architekten einer nachrevolutionären Gesellschaft konzentrieren. Denn die Sowjetunion und die ihr angeschlossenen Länder sponserten den Widerstand von Ho Tschi Minh. Zudem gab es ruhige zivilisierte Gebiete, wo sich die Revolutionäre erholen und weiterbilden konnten.

Das ist heute völlig anders. Keine Rivalität von Supermächten ist vorhanden, die Kämpfer aus Drittweltländern finanzieren und für eine bessere Welt ausbilden lassen. Die heutigen Kämpfer müssen ihre Organisation selber finanzieren. Und da bleibt für das Rebellenleben in der Illegalität meistens nur Schmuggel, Drogen- und Waffenhandel als einzige Einnahmequelle. Aus idealistischen Freiheitskämpfern sind unter dem Zwang der Ökonomie eigenverantwortliche Unternehmer im Fachgebiet: Landsknecht geworden.

iraqgirlwithweaponZum anderen macht man sich auch kaum ein Bild von der totalen Zerstörung aller zivilen Infrastrukturen in Ländern wie z.B. Afghanistan, das sich nunmehr bereits seit über dreißig Jahren im totalen Krieg befindet. Hier wächst mittlerweile die dritte Generation ohne reguläre Schulbildung auf. In diese Lücke stoßen wahabitische Missionare aus Saudi-Arabien hinein, die einen Steinzeit-Islam dort einpflanzen, wo zuvor ein relativ toleranter und aufgeklärter Sufi-Islam vorherrschte. Die enorme Macht des Wahabismus geht auf das Konto der USA und England, die die wahabitische Saud-Dynastie zum Alleinherrscher auf der arabischen Halbinsel gemacht haben. Daß man mit der Software des Steinzeit-Wahabismus nicht die geringste Chance hat, mit den westlichen Industrienationen jemals auf Augenhöhe verhandeln zu können, versteht sich von selbst.

Irak und Afghanistan verfügten vor dem Einmarsch der US-Truppen und ihrer willigen Helfer durchaus über eine akademische Infrastruktur in funktionsfähigen Universitäten und außeruniversitären Instituten. Als beide Länder besetzt wurden, begann eine rätselhafte Welle von gezielten Mordanschlägen auf alle Akademiker der beiden Länder. Nach der Invasion des Irak wurden schätzungsweise 1.000 Akademiker gezielt erschossen. Weil 160 Universitätsprofessoren ermordet wurden, mußten 152 Fachinstitute geschlossen werden. Dr. Quais al-Azawi, Direktor des Committee for Protecting Iraq University Professors erkärt in einem Interview mit dem Fernsehsender Al Jazeera <1>: “ … wir haben viele Beispiele, wo irakische Professoren entführt wurden und nicht eher freigelassen wurden, bis sie deutlich erklärten, daß sie den Irak verlassen.“ So haben mittlerweile 2.000 Professoren Irak fluchtartig verlassen.

Und Dr. Violette Daguerre vom Arab Committee for Human Rights, einer mit der UNO assoziierten Organisation, stellt, ohne Namen zu nennen, Bezüge zu geopolitischen Interessen außerhalb des Irak her <2>: „Die Ermordung von ausgesuchten Gelehrten wird das Selbstbewußtsein der Iraker treffen und entsprechend den Riß zwischen den Fraktionen im Irak vertiefen – und genau das wollen die Feinde des Irak erreichen … Es ist offenkundig, daß es einen Plan gibt, religiös motivierte Gewalt in diesem Land zu provozieren. Ich denke, religiös motivierte Gewalt ist eines der zentralen Elemente eines Plans, den Irak zu zerschlagen.“

Was nun die systematische Zerstörung von Nationalstaaten durch die US-amerikanische Besatzung angeht: da sprechen die Tatsachen eine unmißverständliche Sprache. Beispiel Somalia: als die USA sich in Somalia einschaltete, zerbrach der Nationalstaat. Somalia ist heute ein sog. gescheiterter Staat.

Nicht anders erging es dem Libanon. Und niemand wird im Ernst behaupten wollen, Afghanistan sei heute etwas anderes als ein gescheiterter Staat. Somalia, Libanon und Afghanistan sind heute nur noch Aufmarschgebiete regulärer Armeen aus den reichen Ländern gegen unreguläre Landsknechtshaufen aus den armen Ländern.

Irak wiederum wurde tatsächlich erst in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus drei osmanischen Provinzen zusammengebacken. Nichtsdestoweniger haben sich nach achtzig Jahren nationalstaatliche Strukturen herausgebildet. Der Irak war ein moderner, dynamischer Staat geworden, als Saddam Hussein Ende der Siebziger Jahre sich zum blutigen Diktator aufschwang. Seine Verbrechen gegen die Kurden haben dem Nationalstaat den ersten Schlag versetzt.

In den USA wird schon lange über eine Auflösung der hergebrachten Nationalstaaten im Mittleren Osten nachgedacht. Ähnlich wie in Osteuropa möchte man an die Stelle der alten Bundesstaaten lauter Ministaaten setzen, die in ihrer Schwäche den ausländischen Investoren nichts entgegenzusetzen haben.

Der ehemalige Militär und Geheimdienstler Ralph Peters und seine Überlegungen seien hier als Beispiel für viele andere Vordenker genannt. In einem Aufsatz in der Militärzeitschrift „Armed Forces Journal“ vom Sommer 2006 mit dem Titel: „Blutgrenzen – Wie ein besserer Mittlerer Osten aussehen könnte“ <3> baut Peters eine ganz neue Staatenlandschaft. Er macht sich dabei rhetorisch zum Anwalt der unterdrückten Völker. Die künstlichen Grenzziehungen in Afrika und im Mittleren Osten gehen kreuz und quer durch sämtliche Volksgruppen. Diese „koloniale Willkür“ führt immer wieder zu ethnisch motivierten Gewaltakten.

Wer will da widersprechen?

Und: wer will widersprechen, daß die Kurden, deren Lebensraum sich über vier Staaten erstreckt, nicht auch endlich einen eigenen Staat verdient haben? Peters hat aber ganz andere Motive als wir romatischen Träumer des Friedens und der Gerechtigkeit. Peters sagt: „Ein freies Kurdistan … wäre der am meisten pro-westliche Staat zwischen Bulgarien und Japan.“

Aha.

Ralph Peters hat eine Karte „seines“ Mittleren Ostens angefertigt, die man sich bei Wikipedia anschauen kann. Und tatsächlich: den Irak gibt’s da nicht mehr: „Ein Frankenstein-Monster eines Staates, zusammengeflickt aus unpassenden Einzelteilen, Irak nämlich, sollte umgehend in drei kleinere Staaten aufgeteilt werden.“ Syrien soll seinen Zugang zum Mittelmeer an Libanon abtreten. Der Iran soll zusammengestutzt werden auf die Gebiete in denen „Perser“ leben. Sogar Saudi-Arabien muß bei Peters Federn lassen.Afghanistan gibt einen Lappen an „Persien“ ab, und bekommt dafür von Uncle Sam ein Stück von Pakistan. Pakistan, laut Peters „ein weiterer unnatürlicher Staat“ muß Küstengebiete an einen neu zu schaffenden Staat Belutschistan abtreten.

Armes Pakistan.

Seitdem die USA Pakistan nicht mehr lieben, hagelt es dort Anschläge auf die Zivilbevölkerung, und munitionierte Drohnen beschießen zivile Ziele auf pakistanischem Territorium. Der pakistanischen Regierung werden de facto Eselsohren aufgeklebt. Denn die Regierung kann die Sicherheit ihrer Bürger nicht mehr garantieren. Also verliert der Nationalstaat an Authorität in der Bevölkerung. Der erste Schritt zum Failed State ist gemacht.

Ein globalkritisch anschlußfähige Widerstandsbewegung mit einem West-kompatiblen Bildungsniveau ist in diesem chaotischen Landsknechts-Inferno wohl einstweilen nicht zu erwarten.

Fußnoten:

<1> „SOS over Iraqi Scientists“ By Ahmed Janabi, 10.4.2006

<2> ebd

<3> Ralph Peters, „Blood Borders – How a better Middle East would look“. Armed Forces Journal, Juni 2006.

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