Was kommt nach Gaddafi?

Hermann Ploppa

Um es kurz und knapp zu sagen: das öffentliche Spektakel seiner Abschlachtung war erbärmlich, würdelos und ein Armutszeugnis für die neuen Machthaber in Libyen. Man konnte von dieser Ansammlung von wahabitisch-islamistischen Spinnern, neoliberalen Glücksrittern, verrohten Landsknechten und jenem Al-Kaida-Wanderzirkus nichts Besseres erwarten. Schon früh hatten diese halbseidenen Gestalten, denen die gleichgeschaltete westliche Presse den Adelstitel von „Rebellen“ umgehängt hatte, sich in ihrer hemmungslosen Raffgier bei Pressekonferenzen gegenseitig verprügelt.
Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist auch die Reaktion der angeblichen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Für diese Organisation gab Frau Sarah Leah Whitson, Direktorin der Abteilung Naher Osten und Nordafrika von Human Rights Watch, eine Erklärung zu Gaddafis Tod ab. Frau Whitson zufolge wurde Gaddafi „verletzt“ und „erlag seinen Verletzungen“.
Eine skurrile Wortwahl für den primitiven Lynchmord.
Und Frau Whitson schwadroniert: „Vier Jahrzehnte lang lebten die Libyer in Unterdrückung und Terror. Gaddafis Tod ändert nichts an der Notwendigkeit, dass auch anderen hochrangigen Beamten, die für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich waren, der Prozess gemacht wird und das libysche Volk die Wahrheit über die Jahrzehnte des Schreckens erfährt.“
Dieses verräterische Wörtchen „auch“. Gaddafi ist also ein Prozess gemacht worden, und mit seinen untergebenen Beamten wird nun auch in dieser Weise verfahren. Werden also demnächst hunderte von Gaddafi-treuen Beamten auf den Straßen von Tripolis gerädert und gevierteilt?
Wohl eher nicht.
Aber der dumme Lapsus von Frau Whitson ist kein Zufall. Human Rights Watch steht für viele Nichtregierungsorganisationen, die sich in der Öffentlichkeit unparteiisch geben. Die vorgeben, nur der Sache und nicht gewissen Gruppen oder gar großzügigen Spendern verpflichtet zu sein. Die NGO Human Rights Watch ist jedoch eindeutig ein Mitstreiter im Tross der US-Regierung und ihres Militärs. Human Rights Watch ist eng mit dem Großhirn der amerikanischen Hochfinanz, dem Council on Foreign Relations, verbunden. Das wurde deutlich, als der iranische Präsident Ahmadinejad im September 2006 beim Council on Foreign Relations zu Gast war. Als Mitglied des Council nahm ihn der geschäftsführende Direktor von Human Rights Watch, Kenneth Roth, ins Kreuzverhör. Mit auf dem Podium saßen Brent Scowcroft und Richard Haas, beides führende CFR-Mitglieder und Berater diverser US-Präsidenten.
Es ist gerade das Ansehen solcher Nichtregierungsorganisationen wie Human Rights Watch und ihre angebliche Neutralität, durch die sich der Regimewechsel in Libyen so gut verkaufen lässt. Auf keine andere Weise ist die Schwarzweiß-Malerei: hier der böse Diktator, dort die guten Demokraten, den Menschen zu vermitteln.
Da gab es aber doch einige erstaunte Gesichter im Publikum, als die neue libysche Regierung von Amerikas, Frankreichs und Englands Gnaden bekannt gab, dass ab sofort die islamische Rechtsordnung der Scharia eingeführt werden sollte.
Wie bitte?!
Da wurde die Öffentlichkeit im Westen zunächst darauf geimpft, dass alles Islamische böse und des Teufels sei. Und nun also eine Rückkehr zu mittelalterlichem Rechtsverständnis, durchgeführt von westlich demokratischen Freiheitskämpfern?
Aber nein, so beruhigten uns jetzt Redakteure und Kommentatoren aus dem transatlantischen Hofstaat weise lächelnd: Scharia ist doch nicht gleich Scharia! Es gibt sozusagen die Hardcore-Scharia der wahabitischen islamischen Konfession, und eine Softcore-Variante gemäßigter Muslime.
Aha.
Schön, dass jetzt überhaupt einmal eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Konfessionen des Islam gemacht wurde. Bis jetzt bekamen wir von unserer Presse immer nur die wahabitische Steinzeit-Version des Islam als Islam schlechthin vorgesetzt. Das ist eine bösartige, zynische, weil mit vollem Wissen der tatsächlichen Verhältnisse unternommene Manipulation der angeblich so dummen Massen im Westen.
Tatsache ist: 98% aller Muslime verabscheuen den Terror der Wahabiten. Doch gegen die Wahabiten ist kein Kraut gewachsen. Denn sie werden von den opulenten Öleinnahmen der Saud-Sippe in Saudi-Arabien finanziert. Und niemand anderes als englische und US-amerikanische Geheimdienste haben diese wahabitische Saud-Sippe zum herrschenden Clan auf der arabischen Halbinsel gemacht. Mitsamt der heiligen muslimischen Stätten Medina und Mekka.
Ironie der Geschichte: nun wird der Terror der Wahabiten groß in Szene gesetzt, um alle Muslime zu verteufeln, und den Krieg nicht nur der Kulturen, sondern vor allem den Krieg der modernen Waffensysteme gegen die muslimische Welt vom Zaum zu brechen.
Die Dinge werden halt so gedreht, wie es in den Kram passt. Und jetzt ist es nun einmal die „gute Scharia“, die in Libyen zur Anwendung kommt.
Es gibt eine Gruppe, die nach der Schächtung Gaddafis aller Voraussicht nach schlechter da stehen wird als wie zuvor: die Rede ist von der Afrikanischen Union. Die Afrikanische Union ist die Organisation fast aller Staaten Afrikas. Es gab früher die OAU, die Organisation der Afrikanischen Einheit. Diese war irgendwann sanft entschlafen. Es war Muammar al Gaddafi, der seine afrikanischen Präsidenten-Kollegen ermutigte, es doch noch einmal mit einer Afrikanischen Union zu versuchen. Den Machtblöcken USA und China sollte man doch besser mit einer Stimme begegnen. Gaddafi wusste, dass seine Kollegen kein Geld für so ein Projekt aufbringen konnten. „Kein Problem“, sagte der libysche Revolutionsführer, „ich bezahl’ schon!“ Ohne Gaddafis großzügiges Sponsoring wäre die African Union nie zustande gekommen.
Den USA war diese Afrikanische Union immer suspekt. Es dauerte lange, bis die USA eine diplomatische Vertretung bei der AU eröffnete. Selbst den USA nahe stehende Institute wie der Council on Foreign Relations oder die deutsche Stiftung Wissenschaft und Politik mussten indes anerkennen, dass die von ihnen vollkommen unabhängige Afrikanische Union bei der Deeskalation von regionalen Konflikten Beachtliches geleistet hatte. Und das ganz ohne paternalistische Bevormundung durch anglo-amerikanische Governance.
Wenn nun allerdings der größte Wohltäter der Afrikanischen Union, Gaddafi nämlich, ausfällt, ist es sehr fraglich, ob diese Organisation noch lange Bestand hat. Oder nicht vielmehr, wie ihre Vorgängerin, eines sanften Todes sterben wird.
Auch um den Fortbestand eines weiteren geistigen Kindes von Gaddafi wird man sich Sorgen machen müssen. Es gibt da ein gigantisches Bauprojekt, das zu zwei Dritteln fertig gestellt ist: das Great Man-made River-Projekt. Es handelt sich vermutlich um das größte Bauwerk unserer Zeit. Bereits in den Fünfziger Jahren entdeckten Geologen in der südlichen Wüste Libyens nicht nur gigantische Ölvorkommen, sondern auch ebenso gigantische unterirdische Trinkwassermengen. Die anglo-amerikanischen Ölgesellschaften interessierte jedoch nur das schwarze Gold.
Unter Gaddafi wurde nun die Idee umgesetzt, das unterirdische Wasser in Pipelines in den bevölkerten Norden zu pumpen. Hier sollte der Durst aller Libyer gestillt werden. Zudem wollte man die Wüste in fruchtbaren Ackerboden umwandeln. Seit über dreißig Jahren nun wird an dem ehrgeizigen Projekt gearbeitet. Ein ausgeklügeltes Arteriensystem durchzieht die Wüste von Libyen. Das Geld für diese Zukunftsinvestition stammte, genau wie das Geld für die Afrikanische Union, aus den Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Die libysche Regierung verstand es immer, einen außerordentlich hohen Anteil der Öleinnahmen für das Gemeinwesen zu reservieren. Von dem Trinkwasser sollten auch die Nachbarstaaten Ägypten, Sudan und Tschad profitieren.
Das Schweigen der westlichen Medien über dieses vorbildliche Jahrhundertprojekt lässt nichts Gutes erahnen. Noch in den Siebziger Jahren berichtete der Stern ausführlich über die Wiederaufforstung der Sahara durch Libyen. Dann begann das große Schweigen. Wird die neue Regierung in Libyen das Projekt weiter führen? Oder werden die großen Wasserkonzerne dieser Welt, die jetzt Zugriff auf Libyen haben, das Projekt heimlich still und leise entsorgen?
Es gibt auf jeden Fall gute Gründe, Gaddafis Lebenswerk differenziert zu betrachten. Gegenüber den unstreitbar üblen Dingen, die Gaddafi vollbracht hat – und über die wir hier nicht mehr zu sprechen brauchen, weil sie allseits nur zu bekannt sind – muss sein positives Vermächtnis durchaus gewürdigt und auch verteidigt werden.

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