Cold Response – Der Kampf um Schätze am Pol

Das Polareis gehört bald der Vergangenheit an. Freie Passage für Öltanker!

Im März fand im Norden Norwegens ein großes NATO-Manöver mit Namen „Cold Response“, also: kalte Antwort, statt. 16.300 Soldaten aus 15 Nationen rasten mit ihren Fahrzeugen durch den Schnee. Alle drei Waffengattungen: Heer, Luftwaffe und Marine, waren eingebunden in das bislang größte NATO-Manöver im subpolaren Raum. Seit 2006 wird in dieser Region einmal im Jahr ein solches Manöver durchgeführt.

NATO-Flugzeugabsturz. Foto: Fredrik Ringe

Das Spektakel der olivgrünen und feldgrauen Kampfmaschinerie wird in der Öffentlichkeit nicht groß herausposaunt. Lediglich in der lokalen Presse wurde vermerkt, dass bei einem LKW-Unfall in Schweden NATO-Soldaten zu Schaden kamen. Beim Absturz einer C-130 Herkules Maschine gab es fünf getötete Soldaten. Der letzte britische Flugzeugträger wurde in eine Havarie verwickelt, und musste zur Reparatur zurück nach England dümpeln.

Da die Menschen draußen im Lande Angriffskriege nicht mögen, ging das dem Manöver zugrunde liegende Szenario vom Angriff einer Science-Fiction-Macht auf das felsige Norwegen aus. NATO-Manöver sind sozusagen Theateraufführungen mit Laienschauspielern, die ein bestimmtes Drehbuch durchspielen. Das Drehbuch für das Manöver 2012 liest sich so: eigenartige Separatisten etablieren im Norden von Schweden einen Staat namens „Gardaland“. Diese Separatisten besetzen Teile von Norwegen. Daraufhin erteilt die UNO der NATO das Mandat, ihrerseits in Norwegen einzumarschieren.

Das Interesse am unwirtlichen polaren Norden ist relativ neu. Im Jahre 2006 führte die NATO zum ersten Mal ein Manöver in diesen eisigen Breitengraden durch. NATO-Mitglied Norwegen verlegte sein Hauptquartier aus dem Städtchen Stavanger in das noch viel nördlicher gelegene Bodö. Im Jahre 2009 veranstaltete die NATO im isländischen Reykjavik ein Seminar über die langfristige Strategie im Raum rund um den Nordpol.

Was wollen die NATO-Recken im Polarfrost?

Eine Presseverlautbarung der NATO erklärt uns Folgendes:

„Das Hauptanliegen des diesjährigen Winter-Manövers besteht darin, hochintensive Operationen unter Winterbedingungen innerhalb der NATO mit UNO-Mandat zu erproben. Die Teilnehmer werden das Aufstellen und Einsetzen von militärischen Reaktionskräften in einer Krisenregion üben, wo sie mit allen möglichen Herausforderungen umzugehen haben, von hochintensiver Kriegsführung, über Terrorbedrohungen bis zu Massendemonstrationen. Die Soldaten müssen eine Gratwanderung zwischen diplomatischen und militärischen Mitteln bewältigen.“

Diese Erklärung erstaunt. Bislang lieferte der Nordpol eigentlich keine Schlagzeilen über Terrorismus und Massendemonstrationen.

Am ehesten plausibel erscheint die Option eins symmetrischen Krieges zwischen den Streitkräften von Staaten. Denn wenn man sich die Landkarte anschaut, dann sind vier von fünf Anrainerstaaten am Nordpol selber NATO-Mitglieder: nämlich USA, Kanada, Dänemark und Norwegen. Allerdings gibt es einen Anrainerstaat, der nicht in der NATO ist: nämlich Russland. Zwar ist Russland durch den Partnership for Peace-Vertrag locker mit der NATO verbunden. Jedoch ist die Vermutung zulässig, dass Russland der Adressat der NATO-Übungen ist, oder, um es deutlicher zu sagen: der potentielle Kriegsgegner der NATO. Ein gewisser Will Rogers vom Washingtoner Think Tank Center for a new American Security schreibt zum Zweck der NATO-Übungen am Nordpol folgendes:

„Warum brauchen wir Streitkräfte, die fähig sind, in der Arktis zu operieren? Das ist eine ganz grundlegende Machtkalkulation – um anderen Mitspielern in der internationalen Gemeinschaft zu zeigen, dass wir eine arktische Nation sind, und wir werden unsere Interessen am Polarkreis verteidigen.“

An den Manövern im Polareis nehmen auch Marines teil. Das ist eine besondere Waffengattung der USA: eine schnelle Eingreiftruppe, die mit Schiffen schnell und in Kompaniestärke zu Kampfplätzen gefahren werden. Die Marines haben eine eigene Mitgliederzeitschrift, nämlich die Marine Corps Times. Dort wird den Marines erklärt, warum sie aus der Wüste ins Eis geschickt wurden:

„Nach Jahren des Kampfes in einer Wüstenumgebung denken die meisten Marines wohl nicht sofort an den Nordpol. Aber die Gegend ist reich an Öl, Gas und anderen Mineralen. Damit ist die Polgegend eine der umstrittensten Gegenden der Welt.“

Das ist also des Pudels Kern.

Jahrzehntelang hat sich niemand um die Polregion gekümmert. Nur Russland oder das Vorgängerland Sowjetunion hatten in Sibirien Öl und Gas gefördert und in großem Stil vermarktet. Der Boden in der Polregion ist vereist. Bis in tausende von Metern war der Permafrostboden undurchdringlich für Bohrmaschinen.

Während nun aber immer wieder versucht wurde, in der Öffentlichkeit den Klimawandel zu leugnen, wurde hinter verschlossenen Türen längst ausgerechnet, welche Bodenschätze sich nun bergen lassen, wenn der Permafrostboden auftaut. Es ergeben sich durch die Erderwärmung ungeahnte neue Perspektiven für die fossile Energiewirtschaft. Nach wie vor setzen die großen Energiekartelle störrisch auf Energie aus Fossilien aus dem Inneren der Erde, obwohl regenerative Energie das zigfache des menschlichen Energiebedarfs decken kann.

Nun ergeben sich ungeahnte Perspektiven. Wenn das Polareis schmilzt, können Schiffe die im geschmolzenen Permafrostboden geborgenen Bodenschätze problemlos überall in die Welt transportieren. Dänemark und Kanada sind plötzlich so reich wie Saudi-Arabien. Die USA wäre wieder Energie-autark wie zu Zeiten von Henry Ford dem Ersten. Und Norwegen bräuchte nicht mehr ängstlich zu gucken, wie das Nordseeöl so langsam zur Neige geht … Noch schöner, wenn man über die gigantischen Vorkommen im russischen Sibirien verfügen könnte …

Doch aggressive Ansprüche lassen sich einer kriegsunlustigen Öffentlichkeit nur verkaufen, wenn man sich selber als Opfer skrupelloser Mächte stilisiert, wie es die Rekrutenzeitung Marines Corps Times in dem schon zitierten Artikel tut. Die Motivlage für die Militarisierung der Arktis wird hier in ihrer ganzen Nacktheit sichtbar:

„Weil die Durchschnittstemperaturen in den letzten Jahren angestiegen sind, ist das Polareis drastisch zurückgegangen. Damit sind z.B. die Schiffsrouten der Nordwest-Passage geöffnet worden. Dieser Wasserweg wird von Kanada beansprucht, aber auch die USA und andere Nationen beanspruchen diese Passage als internationale Schiffsroute. Und das ist nur eine von vielen Konfliktpotentialen in dem Gebiet. Noch in diesem Jahr wird erwartet, dass Russland seine Gebietsansprüche für die Kontinentalplatte erweitern wird, also über das Stück des Kontinents, das sich unter dem Ozean über die Küstenlinie hinweg erstreckt.

Das ist Teil einer aggressiven Landnahme, um sich Anrechte auf natürliche Rohstoffe unter dem Meeresboden zu sichern. Damit würde sich das russische Territorium bis zum Nordpol ausweiten und sich mit Ansprüchen Dänemarks, Kanadas und anderer Verbündeter der USA überschneiden. Russland hat bereits unter dem Nordpol eine Fahne auf dem Meeresgrund aufgepflanzt. Und sogar China, das keine Grenzen mit der Arktis hat, schickt bereits Expeditionen in den Norden, auf der Suche nach wertvollen Rohstoffen. Die Regierung der USA ist dabei, Ansprüche abzustecken durch die Gründung des Extended Continental Shelf Projects, das zum Ziel hat, ‚die volle Ausdehnung der US-amerikanischen Kontinentalplatte festzulegen’, wie es auf der Webseite heißt.

Zunehmende Spannungen in der Arktis und anderen Gebieten, einschließlich des Pazifik, fallen zusammen mit einer Initiative der Marines-Streitkräfte, zu ihren eigentlichen Aufgaben als Expeditionstruppe zurückzukehren, nachdem sie nun ein Jahrzehnt als Landstreitkraft im Irak und in Afghanistan gedient haben.

… Versuche, sich die Rohstoffe anderer Nationen einzuverleiben, werden sicherlich zunehmen, wenn Staaten ihre kontinentalen Ansprüche bis zum Äußersten ausdehnen, und Energielieferungen knapp werden, und die Nachfrage nach öl und Gas ansteigt, falls die Weltwirtschaft sich wieder erholt hat.“

Es erstaunt vor diesem Hintergrund nicht im Geringsten, wenn der russische Präsident Wladimir Putin die Modernisierung seiner museumsreifen Arktikflotte für 80 Milliarden Dollar angeordnet hat. Die rasante Militarisierung der Erde schreitet also auch am Nordmeer gnadenlos voran. Keine schönen Aussichten …

Nachbemerkung: in der New York Times vom 12.3.2013 warnt der Ozeanologe Paul Arthur Berkman von der University of California, Santa Barbara, vor einer Zunahme militärischer Spannungspotentiale im arktischen Raum:

http://www.nytimes.com/2013/03/13/opinion/preventing-an-arctic-cold-war.html?nl=todaysheadlines&emc=edit_th_20130313