„Kriminelle Drahtzieher“

Der Schriftsteller Wolfgang Bittner bietet eine gut lesbare Darstellung der Hintergründe der Ukraine-„Krise“
Von Hermann Ploppa

Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn’s dem lieben Nachbarn nicht gefällt. Besonders wenn ein Land interessante Rohstoffe sein Eigen nennen kann, die für die Wirtschaft anderer Länder hochinteressant sind. Während allerorten ein Raunen über die „islamische Gefahr“ vernehmbar ist, werden reihenweise islamische Staaten von der „westlichen Wertegemeinschaft“ militärisch enthauptet, destabilisiert und daraufhin deren Bodenschätze, vornehmlich Erdöl, filetiert und abtransportiert. Wo kein funktionierender Nationalstaat mehr vorhanden ist, brauchen die Ölkonzerne nicht länger mit funktionstüchtigen Staaten zu teilen. Man gibt nur noch terroristischen Warlords ein Häufchen Bakschisch, damit diese die Bevölkerung in Schach halten. Vermeintlich kritische Geister in den westlichen Werteträgerstaaten sprechen dann gerne von einem „Versagen humanitärer Interventionen“.
Das Muster ist immer das Gleiche: die missliebige Regierung eines rohstoffreichen Landes wird diffamiert, ein Kokon von unhinterfragten Revolverstories umspinnt den Regenten des ins Fadenkreuz genommenen Landes. Das geschieht aber erst ab dem Augenblick, wo angebliche Oppositionelle in dem anvisierten Land eine Kampagne inszenieren, die dann in ihrer Bedeutung von westlichen Wertejournalisten enorm aufgebläht wird. Sollte das inszenierte nachfolgende Chaos nicht zum Regierungssturz reichen, muss eventuell durch Söldner Druck gemacht werden für den gewünschten Regime Change. Reicht auch das nicht, folgt als letztes Mittel die „Humanitäre Intervention“ – also die völkerrechtswidrige militärische Annexion eines Landes.
So sehen wir es mit geballten Fäusten in der Jackentasche sich jeden Tag abspulen in Afghanistan, Irak, Yemen, Kongo, Mali oder auch in Pakistan. Diese Länder sind aber alle schön weit weg.
Nun spult sich jenes obszöne Muster jedoch bereits vor unserer Haustür ab. Die Ukraine ist gerade mal durch Polen von unserer Grenze getrennt. Dass auch dort mit harten Bandagen gearbeitet wird, erkennt man schon an den mittlerweile über einer Million Flüchtlingen, die vor dem ukrainischen Gemetzel flüchten. Jetzt müssen die Ukrainer dafür büßen, dass sie im Jahre 2004 in Folge der Orangenen Revolution, die von den transatlantischen Netzwerkorganisationen wie dem German Marshall Fund of the US und der Open Society Foundation des Währungsspekulanten George Soros eingefädelt wurde, nicht jauchzend ihrer Totalenteignung durch marktradikale Seilschaften zugestimmt haben; sondern später einen dem Westen weniger zugeneigten Politiker namens Janukowytsch zu wählen die Stirne besaßen.
Doch auch hier musste der Regime Change mit der Brechstange erzwungen werden. Waren bei den Maidan-Demonstrationen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew anfangs durchaus noch integre, um ihre Zukunft besorgte Bürger anwesend, so wurde der Maidan-Platz später zunehmend von brutalen Landsknechten mit schusssicheren Westen und Hakenkreuzen auf den geschorenen Schädeln bevölkert. Die „Normalbürger“ verschwanden. Wer hatte diesen Metzgergesellen wohl ihre sehr kostspieligen Kampfanzüge bezahlt?
Wolfgang Bittner hat über die Jahrzehnte viele belletristische Bücher geschrieben und sich damit einen Namen gemacht. Jetzt begibt er sich in die unruhige Arena der politischen Streitschriften. Bittner hat es nicht mehr ausgehalten, Tag und Nacht aus den absolut gleichklingenden „Qualitätsmedien“ Deutschlands eine Kakophonie von Lügengesängen zu vernehmen, wenn es um die so genannte „Krise“ in der Ukraine geht. Natürlich, niemand macht sich Illusionen über die Verhältnisse im anliegenden Russland. Dennoch ist mit Händen zu greifen, dass die Gruselstories über Putin, die mehr über die kranken Phantasien ihrer Autoren als über Putin verraten, mit der Realität bestenfalls eine minimale Teilmenge aufweisen. Als Putin mal öffentlich Tränen übers Gesicht huschen, spintisiert das Springer-Organ Die Welt: „Er wischt sie (die Tränen) weg, der kleine Narziss. Das Volk daheim soll Derartiges nicht sehen. Aber war es wirklich Selbstliebe und nicht der selbstmitleidige Gefühlsausbruch eines Überforderten? Die breiten Schultern mögen noch stählern wirken, das mit Botox behandelte Gesicht aber spricht die Sprache von Selbstzweifel und Alterungsangst.“
Eine solche respektlose Sprache der Entmenschlichung wird von der westlichen Wertegemeinschaft immer dann in die Propaganda eingespeist, wenn der Sturz eines Regenten ernsthaft vorbereitet wird. So gischtete es gegen Ghaddafi, Saddam Hussein, Assad, aber auch gegen den demokratisch einwandfrei legitimierten Hugo Chavez.
Bittner beschreibt in seiner Streitschrift noch einmal die Entwicklungsgeschichte der Eskalation in der Ukraine: wie mit fünf Milliarden US-Dollar proamerikanische Netzwerke in der Ukraine aufgebaut wurden. Wie die Unzufriedenheit mit Präsident Janukowytsch immer mehr in einen Ruf nach Aufnahme in die Europäische Union umgemünzt wurde – was bekanntlich deckungsgleich ist mit den Expansionsplänen der EU. Wie dann die Unübersichtlichkeit am Maidan-Platz genutzt wurde, um durch ein Massaker prowestliche Kräfte an die Macht zu putschen. Wie sich die vornehmlich russisch sprechenden Ukrainer im Osten des Landes reorganisierten, um sich von der faschistischen Junta in Kiew fernzuhalten. Wie der Übertritt der Krim zu Russland als Vorwand genutzt wurde, um einen Wirtschaftskrieg gegen Russland anzufangen. Wie der Abschuss der MH-17 zu einer weiteren Verschärfung der Sanktionen ausgenutzt wurde.
Wobei deutlich wird, dass diese Ereignisse offensichtlich dafür herhalten müssen, schon lange geplante geostrategische und wirtschaftliche Expansionsabsichten des Westens zu rechtfertigen und notdürftig zu ummanteln. Im Prinzip ist jede Handlung Russlands oder der Ostukrainer geeignet, den Kriegsgrund abzugeben, so z.B. auch die russischen Hilfslieferungen für die notleidenden Menschen in der Ukraine.
Gorbatschow hatte 1989 die DDR an die Bundesrepublik abgegeben, um für die Selbsterhaltung der versinkenden Sowjetunion einen westdeutschen Megakredit zu erhalten, den die US-Banken nicht gewährten. Dafür ließ sich der damalige Kreml-Chef von den Westmächten hoch und heilig versprechen, dass die NATO nicht weiter gen Osten vorrücken würde. Heute, ein Vierteljahrhundert später, sind sämtliche Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes bis an die Zähne bewaffnete Mitglieder der NATO. Niemand braucht zu glauben, die NATO würde sich mit dem nunmehr Erreichten zufriedengeben.
Der Krieg hat bekanntlich drei Bestandteile. Er setzt sich zusammen aus Waffengängen verschiedener Härtegrade. Zudem gehört zum Krieg das Abwürgen der wirtschaftlichen Hauptschlagader des Kriegsopfers. Und schließlich gehört dazu der Krieg an der Propagandafront. Alle drei Instrumente des Krieges werden augenblicklich gegen Russland betätigt. Und Wolfgang Bittner zeigt in seinem Buch, wie dieser schmutzige Krieg gegen Russland gehandhabt wird. Dazu holt er auch immer wieder sachkundige Zeugen und Kommentatoren herbei, wie z.B. den ehemaligen Vizepräsidenten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Willy Wimmer. Oder auch Albrecht Müller, Daniele Ganser, Karel van Wolferen, John Mearsheimer oder den Altmeister der Entspannungspolitik, Egon Bahr. Für Menschen, die sich einen raschen Überblick über die Positionen jener mutigen Denker verschaffen wollen, die nicht in den ebenso pathologischen wie monotonen Einheitschor der Exponenten unserer westlichen Wertegemeinschaft einstimmen, ist dieses Buch ein guter Einstieg. Eine konzise Abrechnung mit jenem delirierenden Tanz am Abgrund eines möglicherweise finalen Krieges.

Wolfgang Bittner: Die Eroberung Europas durch die USA – Eine Strategie der Destabilisierung, Eskalation und Militarisierung am Beispiel der Ereignisse in der Ukraine.
VAT Verlag, Mainz 2014. 12.90 Euro

Hermann Ploppa ist Autor der Bücher: Die Macher hinter den Kulissen – wie transatlantische Netzwerke die Demokratie unterwandern. Sowie: Hitlers Amerikanische Lehrer – Die Eliten der USA als Geburtshelfer der Nazi-Bewegung.

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