Gute Zeiten für Kriegsspekulanten

„Wiederkehr der Hasardeure“ – ein Buch warnt vor dem Zerfall internationaler Konsultationsmechanismen und der daraus resultierenden erhöhten Kriegswahrscheinlichkeit

Von Hermann Ploppa

Hasardeure

Ein Hasardeur ist jemand, der rücksichtslos auf Risiko spielt, wobei ihm gleichgültig ist, ob bei seinem Roulettespiel auch Unbeteiligte zu Schaden kommen können. Für die einen ist der Hasardeur ein forscher Kerl, für die anderen ist er jedoch ein gemeingefährlicher Spinner.
Bezogen auf die große Politik kann man sagen, dass Hasardeure nach dem Zweiten Weltkrieg kaum Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung hatten. Die Nukleare Drohung der kollektiven Selbstvernichtung führte zu umfassenden Konsultationsinstrumenten, in denen sich gegnerische Machtblöcke, wie z.B. die USA und die Sowjetunion, über verschiedene Kanäle immer wieder austauschen, und so die Eskalation von Konflikten frühzeitig unterbrechen konnten.
Europa war im Kalten Krieg eine Schnittstelle zwischen Kapitalismus und Staatssozialismus, und als möglicher Schauplatz bewaffneter Auseinandersetzungen besonders gefährdet. Seit den Siebziger Jahren existierte als Treffpunkt der beiden großen Machblöcke die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die in den Neunziger Jahren dann überging in die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Deren langjähriger Vizepräsident war der CDU-Politiker Willy Wimmer. Zuvor hatte Wimmer Bundeskanzler Kohl als Staatssekretär im Bundesministerium für Verteidigung gedient.
Willy Wimmer musste allerdings feststellen, dass seine OSZE irgendwann von den Hardlinern in der Regierung der USA lediglich als unerwünschtes Hemmnis ihrer außenpolitischen Ambitionen angesehen und massiv torpediert wurde. Mit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien wurde endgültig deutlich: rechtsverbindliche internationale Ordnungssysteme waren durch die blanke Gewalt der USA beiseite gedrückt worden. Im Jahre 2004 hörte Wimmer den Mastermind der US-amerikanischen Weltherrschaft, Henry Kissinger, in Peking bei einem Ehemaligentreffen großer Staatsmänner konsequenterweise sagen: das Völkerrecht gilt definitiv nicht als Leitlinie der Außenpolitik der USA.
Wo die international verbindlichen Richtlinien des Umgangs miteinander nicht mehr gelten, und wo auch die informellen und offiziellen Gesprächskanäle zwischen potentiellen Kontrahenten ausgeschaltet sind, haben Konjunkturritter des Krieges freie Hand. Das für die Gegenwart, aber auch für die Vergangenheit aufzuweisen, dafür sind Willy Wimmer und sein Co-Autor Wolfgang Effenberger in ihrem 600-Seiten-Wälzer „Wiederkehr der Hasardeure“ angetreten. Wobei Wolfgang Effenberger in seinem Part einen riesigen Parforceritt absolviert vom Westfälischen Frieden im Jahre 1648 bis zum Anfang des Ersten Weltkriegs.
Diese Zeitspanne ist geprägt von einander ablösenden internationalen Ordnungssystemen, die den einfachen Menschen den Landfrieden, also ein gewaltloses Miteinander, ermöglichte. Immer wieder jedoch gab es Störenfriede. Aber bis 1914 folgte auf das Chaos eine immer stärkere Friedensordnung. Wie auf erneute Infektionen eine immer stabilere Immunisierung folgt.
Und im Jahre 2014 kam man um die Frage selten herum, wer denn nun den Ersten Weltkrieg ausgelöst habe? Der australische Historiker Christopher Clark hatte gerade die allzu simple These von der deutschen Alleinschuld durch das salomonische Urteil abzulösen versucht, dass doch alle Nationen ein bisschen Schuld seien. Das internationale Konsultationssystem habe nicht funktioniert, weil die gegnerischen Machtblöcke die quasi chiffrierten Botschaften der jeweils anderen Seite nicht verstanden hätten. Effenberger fährt auf den Loipen Clarks, wobei er jedoch den Serben ein bisschen mehr Schuld als den anderen Völkern geben will. Die Serben hätten kein Interesse an einer Verständigung gehabt. Sie hätten böswillig Keile zwischen die löcke geschlagen. Diese „nationalstaatliche Verengung“ <1> in der Sichtweise blendet leider die Rolle von Konzernen, Kartellen und Pressure Groups aus, die auch im Vorfeld des Ersten Weltkrieges, ganz genauso wie heute, ihre eigenen Fäden ziehen, um die fragilen Netzwerke des friedvollen Ausgleichs zu zerstören. Kaiser Wilhelm II. wurde vom Alldeutschen Verband und dem Deutschen Flottenverein unter Druck gesetzt. Die US-Präsidenten handelten in enger Abstimmung mit den großen Stahlkonzernen und Banken, allen voran JP Morgan.
Das war früheren Generationen in ihrem kollektiven Gedächtnis durchaus präsent. Die Bolschewisten hatten aus den zaristischen Archiven wertvolle Beweise für jene Machenschaften der Kriegsprofiteure der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Von den „Merchants of Death“, den Händlern des Todes, war die Rede. Und ein Untersuchungsausschuss des Washingtoner Kongresses ging dieser Frage Ende der Dreißiger Jahre nach. <2> Diese Erkenntnisse sind heute leider aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt.

Willy Wimmer geht in seinem Beitrag hart mit dem Unilateralismus der USA ins Gericht. Die Friedensordnung der OSZE ist unter anderem Willy Wimmers Werk, und er leidet darunter, dass die USA sein Lebenswerk zerstört haben. Landauf, Landab, bei Links sowohl wie bei Rechts, spricht Wimmer zu den Menschen vor Ort und macht ihnen klar: wenn wir nicht energisch darauf bestehen, Völkerrecht und internationale Konsultationsorganisationen wieder zum Leben zu erwecken, werden wir geradewegs in eine richtig große Katastrophe hineinschlittern <3>.
Wimmer neigt dazu, seine Generation von Politikern und sein damaliges politisches Umfeld ein wenig zu verklären, nach dem Motto: unter Kohl hätte es das nicht gegeben! Er hat aber leider nicht ganz Unrecht. Helmut Kohl ist ein Monolith aus der geruhsamen, bescheidenen Bonner Ära der Bundesrepublik. Mag Kohl auch die Folklore der Korruption in die Bonner Republik eingebracht haben: er war ein Gefühlsmensch, der zuerst Gorbatschow als zweiten Goebbels zu diffamieren wusste, um dann im persönlichen Umgang dem sowjetischen Gefühlsmenschen ganz gerührt ewigen Frieden im gemeinsamen Haus Europa zu schwören – Indianer-Ehrenwort! Die NATO würde keinen Millimeter weiter nach Osten vorrücken.
Und wenn Wimmer sagt, unter Kohl hätte es die deutsche Beteiligung am widerwärtigen Angriffskrieg gegen Jugoslawien nie gegeben: den großen Sohn Oggersheims hat zumindest die Gnade der rechtzeitigen Entmachtung davor bewahrt, zwischen seinem Gewissen und der Bündnistreue zum großen Bruder aus Übersee wählen zu müssen. Es waren sodann die charakterlosen neuen Machtmenschen und Lügner der Berliner Republik wie Gerhard Schröder oder Joschka Fischer, die tatsächlich dort weiterzumachen die niedrige Stirne besaßen, wo Hitler aufhören musste: bei der Bombardierung Belgrads.
Es sind immer wieder auch anekdotische Häppchen, die uns Wimmer aus den inneren Machtzirkeln zukommen lässt, die das Buch lesenswert machen. Da berichtet er, dass US-amerikanische Regierungsmitarbeiter bezüglich des Jugoslawienkriegs ganz offen zugaben: sie haben den Balkanstaat nur zerstört und filetiert, weil sie einen Korridor vom Kaspischen Meer bis zum Mittelmeer für ihre Öltransporte benötigen. Und so befindet sich inmitten der postjugoslawischen Zwergstaaten eine der größten US-Militärbasen namens Bond Steel.
Neben dem Anekdotischen die Kernthesen: Wimmer sieht in der Abschaffung der Wehrpflicht ein Instrument, die Bundeswehr als brutalisierte aggressive Profiarmee für Auslandseinsätze unter der Regie der USA einzusetzen. Denn wo kein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung in den Streitkräften vertreten ist, fehlt auch die Kontrolle der Bundeswehr durch betroffene Angehörige. Weil die Wehrpflicht wehrkraftzersetzend wirken kann, hatte ja dereinst US-Präsident Nixon die Wehrpflicht abgeschafft, als Konsequenz aus der Niederlage im Vietnamkrieg.
Zudem ist Wimmer die Erhaltung des Parlamentsvorbehalts eine Herzenssache: in Deutschland ist der oberste Kontrolleur der Streitkräfte das vom Volk gewählte Parlament, und nicht die Regierung. Den Bundestagsabgeordneten gegenüber sind die Soldaten rechenschaftspflichtig. Das möchten den USA ergebene Politiker wie Ursula von der Leyen oder Frank Walter Steinmeier nun heimlich, still und leise ändern. Schleichend, aber wirkungsvoll soll dem Parlament die Kontrolle über die Bundeswehr aus den Händen gewunden werden. Sollten die Transatlantiker mit dieser Masche Erfolg haben, sei einer direkten Kontrolle unserer Streitkräfte durch die USA Tür und Tor geöffnet, und wir wären dem hemdsärmeligen, völkerrechtsfreien Agieren der USA wehrlos ausgeliefert, warnt Wimmer.

Wir leben in einer Zeit, in der wichtige politische Konsultationsmöglichkeiten gekappt sind. In diesem Vakuum können die Händler des Todes, die Hasardeure, ungehemmt agieren. Das Volk darf sich nicht länger darauf verlassen, dass die Politiker, welcher Couleur auch immer, unter diesen Umständen das schlingernde Schiff noch einmal heil um die Klippe steuern. Der oberste Souverän, das Volk, muss energisch eine massive Kurskorrektur erzwingen. Das ist die bedeutende Botschaft von Willy Wimmer.

Anmerkungen
<1> So Klaus Schwabe in seiner Rezension von Clarks „Schlafwandler“:
http://www.sehepunkte.de/2013/10/22702.html
<2> einige Fragmente jenes kollektiven Bewusstseins sind noch auffindbar: https://mises.org/sites/default/files/The%20Merchants%20of%20Death_2.pdf
http://www.senate.gov/artandhistory/history/minute/merchants_of_death.htm
<3> „Willy Wimmer auf Lesetour am Bodensee – begleitet von Ken Jebsen

Wolfgang Effenberger/Willy Wimmer: Wiederkehr der Hasardeure – Schattenstrategen, Kriegstreiber, stille Profiteure – 1914 und heute.
Zeitgeist Verlag, Höhr-Grenzhausen 2014

Hermann Ploppa ist der Autor von: Die Macher hinter den Kulissen – Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern; sowie: Hitlers Amerikanische Lehrer – Die Eliten der USA als Geburtshelfer des Nationalsozialismus.

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