Eine andere Wahrheit – Die Geheimverträge im Ersten Weltkrieg

1917 brachte die Veröffentlichung Geheimer Verträge das reibungslose Funktionieren der Kriegsmaschine kurzzeitig ins Stocken. Das war die Gerburtsstunde moderner Propaganda aus dem Geist der Reklame

Benedictus_XV
Unglaublich, aber wahr: Papst Benedikt XV. sollte verhaftet werden, falls er sich für eine Beendigung des Krieges einsetzen würde. (Mehr dazu unter diesem Artikel)

von Hermann Ploppa

Buchstäblich über Nacht hatten die Bolschewiki im frühen Winter 1917 die Macht erobert. Der Sturm auf das Petrograder Winterpalais ging so rasch vor sich, daß die entmachteten Mitglieder der Kerenski-Regierung viele wichtige, nicht für das gemeine Volk bestimmte Dokumente zurücklassen mußten. Unter diesen Dokumenten finden sich eine ganze Anzahl von Geheimverträgen, Abmachungen und Korrespondenzen, deren Veröffentlichung für die Regierungen Großbritanniens, Frankreichs, Japans, Rumäniens, Italiens und für die früheren russischen Regierungen außerordentlich peinlich war <1>.
LeTrotskyDBRevolutionsführer Leo Trotzki pfeift auf internationale Konventionen. Er veranlaßt die ratenweise Veröffentlichung der kitzligen Dokumente in der parteieigenen Zeitung Iswestija, was sich aufgrund der Fülle des Materials über viele Monate erstreckt. Kopien überreicht Trotzki an die internationale Presse und an die Arbeiterparteien der kriegführenden Länder. Auch wenn sich die Übersetzung und Veröffentlichung im westlichen Ausland über Jahre hinzieht, werden die Inhalte der Verträge und Abmachungen per Mundpropaganda in Windeseile in den Rüstungsfabriken und in den verkoteten Schützengräben aller Seiten verbreitet.
Die „Kriegsbegeisterung“ hat in jenen Monaten einen neuen Tiefpunkt bei Fußsoldaten und Rüstungsarbeitern aller Seiten erreicht. Die Veröffentlichung der Geheimverträge schlägt ein wie eine Bombe. Die Leute draußen im Lande fühlen sich arg betrogen. Die Regierungen der Entente-Staaten Großbritannien, Frankreich sowie des zaristischen Rußland erklärten immer wieder feierlich, die Achsenmächte Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich hätten einen heimtückischen, lange vorher geplanten Angriffskrieg gegen sie angefangen. Die Entente-Staaten setzten sich lediglich gegen diese gemeine Attacke zur Wehr. Wenn der Angreifer unschädlich gemacht sei, würde man den Krieg sofort beenden.
Nun zeigen jedoch die aufgefundenen Geheimverträge, Abmachungen und Briefwechsel ein deutlich anderes Bild. Munter werden Territorien und Bodenschätze der Achsenmächte als Kriegsbeute verschachert. Staaten, die gar nichts mit dem Kriegsgeschehen zu tun haben, geraten ebenfalls unter den Hammer. Da die Geheimverträge im Zeitraum zwischen 1915 und 1917 abgeschlossen wurden, sagen sie zwar nichts über die Ursachen des Krieges aus. Sie besagen aber eindeutig, daß die Entente-Staaten den Krieg bedenkenlos ausnutzen, um lange gehegte Begehrlichkeiten Wirklichkeit werden zu lassen. Neutrale Staaten werden mit Beuteversprechen in die Entente hereingeholt. Man trifft Vorkehrungen, um ein frühes Ende des Krieges zu verhindern.
Den Anfang macht eine Geheimvereinbarung zwischen Rußland und Großbritannien vom 12. März 1915. Rußland wollte schon immer gerne die Meerenge, die das Schwarze Meer mit dem Mittelmeer verbindet, unter seine Kontrolle bekommen. Mit dem Vertrag vom März erkennt Großbritannien die zukünftige Annektion der Dardanellen und Konstantinopels durch Rußland an. Daß Konstantinopel die Hauptstadt des Osmanischen Reichs ist, stellt keinen Hinderungsgrund dar. Rußland revanchiert sich für das Gentlemen’s Agreement. Bereits 1907 hatten Rußland und Großbritannien das offiziell souveräne Persien dreigeteilt: in eine russische, eine britische und eine neutrale Zone. Nun akzeptieren die Russen, daß Großbritannien auch die neutrale Zone noch für sich in Anspruch nimmt.
Am 26. April 1915 wird Italien in die Entente geholt, indem Italien großzügig Südtirol, Triest, Istrien, Dalmatien, Teile Albaniens, Teile Anatoliens sowie zwölf kleinasiatische Inseln versprochen werden. Als koloniale Zugabe wird noch Libyen spendiert. Im Frühjahr 1917 verschachert man den asiatischen Teil des Osmanischen Reiches. Großbritannien sichert sich „Südmesopotamien“. Der heutige Irak sowie zwei Häfen in Syrien sollen die Versorgung Großbritanniens mit Erdöl sichern. Frankreich bescheidet sich mit Syrien, ein bißchen Osttürkei sowie West-Kurdistan. Rußland soll Nordanatolien bekommen. Damit wäre das gesamte Schwarze Meer plus Mittelmeerzugang unter russischer Kontrolle. Rumänien, bislang in wohlwollender Neutralität den Achsenmächten verbunden, wird herübergeholt mit der schönen Aussicht auf Transsylvanien, Bukowina und dem Banat. Dafür dürfen keine deutschen Transporte von und nach dem Osmanischen Reich durch Rumänien rollen.
Am 3. März 1916 verständigen sich Japan und Rußland, andere Länder aus dem chinesischen Wirtschaftsraum herauszuhalten. Ein Telegramm von Sasonow vom 24. März 1916 präzisiert: „Das Thema, die Deutschen aus dem chinesischen Markt zu schmeißen, ist von außerordentlicher Wichtigkeit. Aber die Verwirklichung ist unmöglich ohne die Teilnahme Japans.“ Da Rußland wegen der bolschewistischen Revolution als Partner ausfällt, trifft Japan am 2. November 1917 stattdessen mit den USA die selben Vereinbarungen wie zuvor mit dem Zarenreich.
Im Februar 1917 wird zwischen Rußland und Frankreich vertraglich festgelegt, was Sasonow bereits im März 1916 im o.g. Telegramm „angedacht“ hatte: dafür, daß Rußland den Westmächten bei der Gestaltung der neuen deutschen Westgrenzen freie Hand läßt, kann Rußland die deutsche Ostgrenze nach Gusto festlegen. Das bedeutet: Frankreich soll Elsaß-Lothringen erhalten sowie das Saartal. Die deutschen Gebiete links des Rheins werden in einem „neutralen“ Staatsgebilde von Frankreichs Gnaden zusammengefaßt. Nach Sasonows Plan und mit Frankreichs Duldung würde es möglicherweise keinen neuen Staat Polen zwischen Deutschland und Rußland geben. Auch die republikanische Regierung Rußlands bestätigte am 1. August 1917 in einer diplomatischen Note diese Verabredungen mit Frankreich.
Die Harmonie wurde gestört durch Friedenssondierungen Deutschlands, aber auch durch vereinzelte Stimmen in Großbritannien. Jedoch ein zu früher Friedensschluß könnte die Ambitionen der Geheimverträge zunichte machen. Im Vertrag mit Italien vom April 1915 werden deshalb geeignete Vorkehrungen getroffen, um den Papst an der Durchführung von Friedensverhandlungen zu hindern. In jenen Tagen untersteht der Vatikan direkt der italienischen Staatsgewalt. Artikel 15 lautet:

„Frankreich, Großbritannien und Rußland verpflichten sich zur Unterstützung Italiens, das den Vertretern des Heiligen Stuhls untersagt, irgndwelche diplomatischen Schritte zu unternehmen mit dem Ziel des Abschlusses eines Friedens oder der Regelung von Fragen, die mit dem gegenwärtigen Krieg im Zusammenhang stehen.“

Die von Trotzki bloßgestellten Entente-Politiker drucksen herum. Der britische Unterstaatssekretär des Äußeren und Blockademinister <2> Lord Robert Cecil interpretiert den Geheimvertrag über die Aufteilung des Nahen Ostens neu. Damit sei nicht Annektion gemeint, sondern „acquisition“. Ob das Ding nun Einverleibung oder „Erwerb“ heißt, ist den betroffenen Völkern vermutlich ziemlich gleichgültig. Im ersten Schock weichen die Entente-Politiker sogar vor der diplomatischen Offensive der Bolschewiki zurück. Als die Bolschewiki sich aus Persien zurückziehen, erklären auch die Briten ihren Rückzug. Als die Bolschewiki den Anspruch auf den Isthmus zum Schwarzen Meer aufkündigen, erklärt auch der englische Premier Lloyd George, die Dardanellen sollten unter internationale Aufsicht gelangen.
Das größte Problem ist jedoch der absolute Tiefpunkt, den die Kriegsmotivation der Völker erreicht hat. Niemand hatte damit gerechnet, daß der Krieg nach zwei Jahren immer noch nicht entscheiden ist. Die Heranschaffung immer neuer Millionen junger Männer an die Fronten vermag nicht, aus dem Stellungskrieg wieder einen Bewegungskrieg zu machen. Der französische General Nivelle scheitert am 16. April 1917 mit einem Durchbruchversuch kläglich. Auch die Chemin des Dames-Offensive scheitert. Für 500 Meter Geländegewinn haben 250.000 Menschen ihr Leben gelassen. Das Maß ist voll. Im Juni 1917 meutert die Hälfte aller französischen Frontsoldaten. Spezialeinheiten liquidieren meuternde Bataillone. Das Vertrauen der Fußsoldaten in ihre Führung ist erschüttert. Und auch bei den anderen Kombattantenstaaten sieht es nicht besser aus.

Westfront, deutscher Soldat
Millionen traumatisierte junge Männer wollten nicht mehr aufeinander schießen.

In den USA kann man die entlarvenden Geheimverträge absolut nicht gebrauchen. Gerade eben erst hatte Präsident Woodrow Wilson seine Wiederwahl erreicht durch das hochheilige Versprechen, die USA aus dem Gemetzel in Europa herauszuhalten. Um nach Ablegung seines Amtseids im März sodann am 2. April 1917 den Kongreß so wortmächtig zu bearbeiten, daß dieser Deutschland am 6. April den Krieg erklärt. Es gab einen handfesten Grund für Wilsons Wortbruch. Das US-Kapital kämpfte bereits seit 1914 auf Seiten der Entente in Europa mit. Das Bankhaus J.P. Morgan hatte Großbritannien und Frankreich mit gigantischen Geldmitteln ausgestattet. Dafür kauften jene Länder in den USA Rüstungsgüter. Spendabel hatte Großbritannien das amerikanische Geld wiederum an Länder wie Italien, Rußland, Rumänien oder Japan unterverliehen.

JohnPierpontMorgan
JP Morgans Kredite sind an harte Bedingungen gebunden

Und nun war der Punkt erreicht, an dem Großbritannien seinen Überziehungskredit wiederum überzogen hatte. Das räumte der britische Finanzminister Bonar Law am 24. Juli 1917 in einer Rede vergnügt ein: „Tatsächlich, es ist ein offenes Geheimnis, daß wir mit unseren Mitteln so freigiebig umgegangen sind, daß jene Gelder, die uns in den USA zur Verfügung standen, nahezu erschöpft waren, als unser großer Verbündeter (=USA H.P.) in den Kampf eingriff.“ <3>
Längst hatte Großbritannien seine nationale Souveränität zu großen Teilen an die Morgan-Bank abgetreten. Wenn die Briten z.B. keine nationalen Kriegsanleihen auflegen wollten, um die Morgan-Kredite abzusichern, warf Morgan so viel Pfund-Noten auf den Devisenmarkt, daß der Pfund-Kurs abstürzte. Darauf wurden die Rüstungsimporte für Großbritannien teurer. Die Briten legten Kriegsanleihen auf. Sie mußten amerikanische Rüstungsgüter des Morgan-Konsortiums kaufen, denn niemand sonst gab ihnen diese Güter so einfach auf Pump. 1917 hingen 400 Millionen Dollar an faulen Krediten in der Luft. Man konnte also nicht einfach die Kriegsmaschine von Hundert auf Null herunterfahren: „Die amerikanische Industrie, die bereits vollständig auf Produktion und Belieferung der Alliierten eingestellt war, sah ihrer Liquidation, ihrem Umbau und sogar dem Ruin ins Gesicht allein schon beim puren Friedensgeflüster …“ <4>
Als der Kongreß den Achsenmächten den Krieg erklärt, singen dreihundert New Yorker Börsianer die Nationalhymne. Schon beim Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und Deutschland waren die Aktien des Stahlgiganten Bethlehem Steel um 30% hochgeschnellt.
Der gewöhnliche US-Bürger hat allerdings von dem 8.000 Kilometer entfernten Gemetzel nichts zu befürchten und er hat schon gar nichts zu gewinnen durch seine Teilnahme. Also bildet sich eine Woche nach der Kriegserklärung ein Propagandaministerium der USA. Dieses Council on Public Information soll das Volk der USA von Null auf Hundert in Kriegsrage bringen.
Das CPI ist ein Musterbeispiel Öffentlich Privater Partnerschaft: der Staat gibt den Auftrag, stellt das meiste Geld und entsendet drei Minister in den Vorstand. Konzeption und Ausführung der Kriegspropaganda liegen dagegen in den Händen von Journalisten und Fachmännern aus der Werbebranche. Diese Leute bringen das Weltbild ihres Gewerbes mit. Es geht nicht darum, mit Argumenten zu überzeugen, sondern darum, ein Produkt zu verkaufen. Und das geschieht durch Aktivierung unbewußter Antriebe im Addressaten. Antriebe, von denen der Addressat gar nichts weiß. Edward Bernays, ein Mastermind des CPI, benennt die Fähigkeiten des Werbemannes: „Es ist seine Fähigkeit, die untergründigen Tendenzen des öffentlichen Bewußtseins zu verdichten (crystallizing), bevor sie einen bewußten Ausdruck erhalten haben. Das macht ihn so wertvoll. Die Ansprache an die Instinkte und die universellen Wünsche stellt die grundlegende Methode dar, durch die er (der Werbemann) seine Ergebnisse erzielt.“ <5>
Also: wie bringt man die US-Bürger dazu, vor diesem Krieg Angst zu haben? Antwort: Man muß die Bedrohung im eigenen Land beschwören. In den USA sind die Deutsch-Amerikaner die größte ethnische Gruppe, gefolgt von den Englisch-Amerikanern. Nunmehr wird eine Beziehung hergestellt zwischen den Kriegsanstrengungen des Deutschen Reiches und den Deutsch-Amerikanern. Letztere sind plötzlich eine Fünfte Kolonne des Kaisers. Aus dem Stand wird eine extreme Haßkampagne gegen die Deutschen entfacht. Und damit einhergehend ein Gefühl der Bedrohung bei den US-Bürgern. Das führt sogar zu Lynchmorden an Deutschen in den USA.
Die Werbeprofis des CPI leisten ganze Arbeit. 75.000 ehrenamtliche Four-Minute-Men halten 750.190 vierminütige Ansprachen auf öffentlichen Plätzen, Kirchen und Kinos, in denen sie zur Wachsamkeit gegen die inneren Feinde in den USA aufrufen und zum Zeichnen von Kriegsanleihen aufrufen. Vierzehntägig gehen Rundbriefe an 6.000 Lehrer. 1438 verschiedene Bildmotive für Plakate, Postkarten u.ä. werden entworfen. Pimpfe sind in der Yellow-Dog-League organisiert und mobben deutsche Schüler und bellen auf der Straße Leute an, die keine Kriegsanleihen gezeichnet haben. Die American Protective League und der Ku Klux Klan beobachten und verdreschen Leute, die der Spionage für Deutschland verdächtig sind.
Nun hat man im Winter 1917/18 Soldaten in den USA rekrutiert und die Arbeiter so weit eingeschüchtert, daß sie in den Rüstungsbetrieben widerstandslos im Akkord schuften. Und dann passiert der SuperGAU mit der Enthüllung der Geheimverträge. Diese Enthüllung wird begleitet von einer Waffenpause an der russisch-deutschen Front. Ihr folgen Friedensverhandlungen zwischen Rußland und Deutschland in Brest-Litowsk. Trotzki agiert auch hier erfrischend „unprofessionell“, indem er die Verhandlungen für öffentlich erklärt und die Westmächte einlädt, ebenfalls herzukommen und über Frieden zu verhandeln.

Walter_Lippmann_1914
Walter Lippmann

Der unendlich kluge Walter Lippmann, der spätere Chefideologe des Council on Foreign Relations, hat die Faszination der Feuerpause und der Verhandlungen von Brest-Litowsk eingefangen: „In Brest-Litowsk wurde der Traum aller einfachen Leute wahr; es war also möglich zu verhandeln. Es gab andere Möglichkeiten, das Martyrium zu beenden, als mit seinen Feinden ums Überleben zu ringen. Scheu, aber mit angespannter Aufmerksamkeit, wandten die Menschen ihren Blick nach Osten. Warum denn eigentlich nicht, fragten sie sich. Wozu ist denn das Ganze gut? … Die früheren Symbole des Krieges waren abgedroschen und hatten ihre einigende Kraft eingebüßt. Unter der Oberfläche war eine tiefe Kluft aufgerissen in jedem alliierten Land … Die ganze alliierte Sache war in die Defensive gedrängt durch die Weigerung, an den Verhandlungen in Brest-Litowsk teilzunehmen.“ <6>
Sozialistische, kommunistische und anarchistische Gruppen schiessen in den USA wie Pilze aus dem Boden. Gegen diese Ausbrüche von Eigenwilligkeit des Volkes geht die Wilson-Regierung mit äußerster Brutalität vor. Tausende von Linken werden deportiert oder in Lagern gepeinigt. Der aufgehetzte Mob lyncht Führer der Gewerkschaft IWW oder steckt deren Büros in Brand. Mit der millionenfachen Verbreitung der „Protokolle der Weisen von Zion“ in den USA kommt zum Deutschenhaß der Judenhaß hinzu.
Mit Einschüchterung allein aber kann der Sieg weder zuhause noch in Übersee gewonnen werden. Man muß den Bolschewiki die Trophäe der Meinungsführerschaft wieder abknöpfen. Denn, das haben die Alliierten im Gegensatz zur deutschen Regierung begriffen: ein Krieg besteht aus drei vollkommen gleichwertigen Armen. Erstens: der Niederringung durch Waffen und Munition. Zweitens: der Abschnürung der wirtschaftlichen Hauptschlagader des Feindes. Und Drittens, genau so wichtig: dem Krieg an der Propagandafront.
Und der wichtigste, intelligenteste Krieger an der Propagandafront war Walter Lippmann. Er sagt: wenn man Leute unter einen Hut bringen will, die von ihren Grundpositionen her nicht zusammenzubringen sind, dann darf man nicht rational-logisch arbeiten. Man muß einen Begriff nehmen, der möglichst inhaltsleer ist, und unter dem sich jeder was anderes vorstellen kann.
Walter Lippmann ist einer der Verfasser von Wilsons berühmten 14 Punkten, die als Gegenoffensive gegen Brest-Litowsk gedacht waren: „Sie (die 14 Punkte) sollten, kurz gesagt, alliierte Einheit sichern und befestigen für den Fall, daß der Krieg weiterging.“ <7> Und der Krieg mußte weitergeführt werden. Sonst wäre die überhitzte US-amerikanische Kriegswirtschaft zusammengebrochen.
Das Team um Lippmann hatte in einer erstaunlichen Kraftanstrengung jenes politische Programm zusammengezimmert, das Präsident Wilson am 8. Januar 1918 dem Kongreß der USA vorlegte. Damit ist Wilson als tapferer, gleichwohl tragischer Streiter für eine bessere Welt in die Geschichte eingegangen. Man sieht indes Wilsons Forderungen an, daß sie einen Negativabguß der Geheimverträge darstellen. Weiterhin sind sie eine propagandistische Reaktion auf das Zimmerwalder Manifest von 1915. Im schweizerischen Dörfchen Zimmerwald hatten sich Delegierte sozialistischer Parteien verschiedener Länder getroffen. Ihre wichtigste Forderung ist die Selbstbestimmung der Völker.
Tatsächlich sind Wilsons 14 Punkte eine lustige Mischung aus hohlen Versprechungen und geschickt eingeschmuggelten Regelungen, die sich mit Regelungen der Geheimverträge deckten. Da fordert Wilson alias Lippmann das Ende aller Geheimdiplomatie. So etwas kann Wilson unmöglich anders als propagandistisch gemeint haben. Die Bildung neuer Nationen wird angekündigt. Es handelt sich exakt um jene Staaten, die aus der Auflösung Österreich-Ungarns hervorgehen. Selbstbestimmung gilt nicht für Völker im ehemaligen russischen Reich. Denn die US-Regierung baut noch bis 1922 auf die Wiedereinsetzung eines konservativen russischen Regimes von US-Gnaden. Kolonien sollen sich die Großmächte nicht gegenseitig wegschnappen. Von einer Selbstbestimmung der Kolonialvölker ist keine Rede. Freier Handel ist wohlfeil, denn jeder kann sich was anderes darunter vorstellen.
Lippmann, listig, über den Gummi-Charakter der 14 Punkte: „Denn die Phrase, die immer inhaltsleerer wird, ist nunmehr in der Lage, fast nichts zu bedeuten. Dann wird sie bald fähig, beinahe alles zu bedeuten. Mr. Wilsons Phrasen wurden in unendlich unterschiedlichen Weisen in jedem Winkel der Welt aufgefaßt.“ <8>
Der Krieg konnte weitergehen.
Dank Wilsons 14 Punkten: „Sie standen für entgegengesetzte Ideen, aber sie riefen eine gemeinsame Empfindung wach. Und in diesem Sinne spielten sie eine Rolle, die westlichen Völker für jene verzweifelten zehn Monate des Krieges zu gewinnen, die sie immer noch zu erdulden hatten.“ <9>

Fußnoten
<1> Die Texte der Geheimverträge in englischer Sprache sind nachlesbar unter:http://www.gwpda.org/comment/secrettreaties.html

<2> Die britische Marine hatte den gesamten Transport der deutschen Handelsmarine blockiert. Auch dafür mußte es einen Minister geben. Die britische Seeblockade kostete auf deutscher Seite 750.000 Menschen das Leben, durch Hunger oder Mangelernährung. Noch durch Generationen sprach man mit Schaudern vom schrecklichen „Steckrübenwinter“ 1917/18.
<3> zitiert nach Harold D. Lasswell: „Propaganda Technique in the World War“. Chicago 1927, S. 78.
<4> ebda., S.79
<5> Edward Bernays: “Crystallizing Public Opinion”. New York 1923, S.173.
<6> Walter Lippmann: “Public Opinion”. New York 1921.
<7> ebd.
<8> ebd.
<9> ebd.

Nachtrag: In diesem Artikel wird erwähnt, dass geplant war, Papst Benedikt XV. zu verhaften, falls dieser versuchen würde, den Krieg zu beenden. Dazu gab es konkrete Anhaltspunkte. Bereits im Jahre 1915 hatte Benedikt in einer so genannten Exhortatio die Kriegsparteien aufgefordert, den Krieg sofort zu beenden. Der Text dieser Ermahnung  wird an dieser Stelle noch einmal veröffentlicht:

Der Krieg ist eine grauenhafte Schlächterei! von Papst Benedikt XV.

An die kriegführenden Völker und deren Oberhäupter!

Als wir ohne unser Verdienst auf den Apostolischen Stuhl berufen wurden zur Nachfolge des friedliebenden Papstes Pius X., dessen heiliges und segensreiches Leben durch den Schmerz über den in Europa entbrannten Bruderzwist verkürzt wurde, da fühlten auch wir mit einem schaudernden Blick auf die blutbefleckten Kriegsschauplätze den herzzerreißenden Schmerz eines Vaters, dem ein rasender Orkan das Haus verheerte und verwüstete. Und wir dachten mit unausdrückbarer Betrübnis an unsre jungen Söhne, die der Tod zu Tausenden dahinmähte, und unser Herz, erfüllt von der Liebe Jesu Christi, öffnete sich den Martern der Mütter und der vor der Zeit verwitweten Frauen und dem untröstlichen Wimmern der Kinder, die zu früh des väterlichen Beistands beraubt waren. Unsre Seele nahm teil an der Herzensangst unzähliger Familien und war durchdrungen von den gebieterischen Pflichten jener erhabenen Friedens- und Liebesmission, die ihr in diesen unglückseligen Tagen anvertraut war. So faßten wir alsbald den unerschütterlichen Entschluß, all unsre Wirksamkeit und Autorität der Versöhnung der kriegführenden Völker zu weihen, und dies gelobten wir feierlich dem göttlichen Erlöser, der sein Blut vergoß, auf daß alle Menschen Brüder würden.

Die ersten Worte, die wir an die Völker und ihre Lenker richteten, waren Worte des Friedens und der Liebe. Aber unser Mahnen, liebevoll und eindringlich wie das eines Vaters und Freundes, verhallte ungehört! Darob wuchs unser Schmerz, aber unser Vorsatz wurde nicht erschüttert. Wir ließen nicht ab, voll Zuversicht den Allmächtigen anzurufen, in dessen Händen Geist und Herzen der Untertanen und Könige liegen, und flehten ihn an, die fürchterliche Geißel des Krieges von der Erde zu nehmen. In unser demütiges und inbrünstiges Gebet wollten wir alle Gläubigen einschließen, und, um es wirksamer werden zu lassen, sorgten wir dafür, daß es verbunden wurde mit Übungen christlicher Buße. Aber heute, da sich der Tag jährt, an dem dieser furchtbare Streit ausbrach, ist unser Herzenswunsch noch glühender, diesen Krieg beendigt [172] zu sehn; lauter erhebt sich unser väterlicher Schrei nach Frieden. Möge dieser Schrei das schreckliche Getöse der Waffen übertönen und bis zu den kriegführenden Völkern und ihren Lenkern dringen, um die einen wie die andern mildern und ruhigern Entschlüssen geneigt zu machen.

Im Namen des allmächtigen Gottes, im Namen unsres himmlischen Vaters und Herrn, bei Jesu Christi benedeitem Blute, dem Preis der Menschheitserlösung, beschwören wir euch, euch von der göttlichen Vorsehung an die Spitze der kriegführenden Völker Gestellte, endlich dieser grauenhaften Schlächterei ein Ende zu setzen, die nun schon ein Jahr Europa entehrt. Bruderblut tränkt das Land und färbt das Meer. Die schönsten Landstriche Europas, des Gartens der Welt, sind besät mit Leichen und Trümmern; da, wo kurz zuvor noch rege Tätigkeit der Fabriken und fruchtbare Feldarbeit herrschten, hört man jetzt den schrecklichen Donner der Geschütze, die in ihrer Zerstörungswut weder Dörfer noch Städte verschonen, sondern überall Gemetzel und Tod säen. Ihr, die ihr vor Gott und den Menschen die furchtbare Verantwortung für Krieg und Frieden tragt, erhört unser Gebet, hört auf die väterliche Stimme des Stellvertreters des ewigen und höchsten Richters, dem auch ihr über euer öffentliches und privates Tun Rechenschaft ablegen müßt.

Die großen Reichtümer, mit denen der Schöpfer eure Länder gesegnet hat, erlauben euch, den Kampf fortzusetzen; aber um welchen Preis! Das sollen die Tausende der jungen Menschen beantworten, die täglich auf den Schlachtfeldern dahinsinken. Das sollen die Trümmer so vieler Flecken und Städte beantworten, die Trümmer so vieler der Frömmigkeit und dem Geist der Vorfahren geweihter Monumente. Und wiederholen nicht die bittern, in häuslicher Verschwiegenheit oder an den Stufen der Altäre vergossenen Tränen, daß dieser Krieg, der schon so lange dauert, viel kostet, zu viel?

Niemand sage, daß dieser grausige Streit sich nicht ohne Waffengewalt schlichten ließe. Möge doch jeder von sich aus dem Verlangen nach gegenseitiger Vernichtung entsagen, denn man überlege, daß Völker nicht sterben können. Erniedrigt und unterdrückt tragen sie schaudernd das Joch, das man ihnen auferlegte, und bereiten den Aufstand vor. Und so überträgt sich von Generation zu Generation das traurige Erbe des Hasses und der Rachsucht.

Warum wollen wir nicht von nun ab mit reinem Gewissen die Rechte und die gerechten Wünsche der Völker abwägen? Warum wollen wir nicht aufrichtigen Willens einen direkten oder indirekten Meinungstausch beginnen, mit dem Ziel, in den Grenzen des Möglichen diesen Rechten und Wünschen Rechnung zu tragen, und so endlich dieses schreckliche Ringen zu beendigen, wie das in andern Fällen unter ähnlichen Umständen geschah? Gesegnet sei, wer als erster den Ölzweig erhebt und dem Feind die Rechte entgegenstreckt, ihm den Frieden unter vernünftigen Bedingungen anbietet! Das Gleichgewicht der Welt, die gedeihliche und gesicherte Ruhe der Völker beruht auf dem gegenseitigen Wohlwollen und auf dem Respekt vor Recht und Würde des andern, viel mehr als auf der Menge der Soldaten und auf dem furchtbaren Festungsgürtel.

Dies ist der Schrei nach Frieden, der an diesem traurigen Tage besonders laut aus uns herausbricht; und alle Freunde des Friedens in der Welt laden wir ein, sich mit uns zu vereinen, um das Ende des Krieges zu beschleunigen, der, ach, schon ein Jahr lang Europa in ein riesiges Schlachtfeld verwandelt hat. Möge Jesus in seiner Barmherzigkeit durch die Vermittlung seiner schmerzensreichen Mutter bewirken, daß still und strahlend nach so entsetzlichem Unwetter endlich die Morgenröte des Friedens anbreche, das Abbild seines erhabenen Antlitzes. Mögen bald Dankgebete für die Versöhnung der kriegführenden Staaten emporsteigen zum Höchsten, dem Schöpfer alles Guten; mögen die Völker, vereint in brüderlicher Liebe, den [173] friedlichen Wettstreit der Wissenschaft, der Künste und der Wirtschaft wiederaufnehmen, und mögen sie sich, nachdem die Herrschaft des Rechts wiederhergestellt ist, entschließen, die Lösung ihrer Meinungsverschiedenheiten künftig nicht mehr der Schärfe des Schwertes anzuvertrauen, sondern den Argumenten der Billigkeit und Gerechtigkeit, in ruhiger Erörterung und Abwägung. Das würde ihre schönste und glorreichste Eroberung sein!

In dem sichern Vertrauen, daß sich diese ersehnten Früchte zur Freude der Welt bald am Baum des Friedens zeigen werden, erteilen wir unsern Apostolischen Segen allen Gliedern der uns anvertrauten Herde; und auch für die, die noch nicht der römischen Kirche angehören, beten wir zum Herrn, daß er sie mit uns vereinen möge durch das Band seiner unendlichen Liebe.

Rom, Vatikan, 28. Juli 1915.

Auf deutsch übersetzt und veröffentlicht in der Weltbühne Nr. 31 aus dem Jahre 1931, Seiten 171-173

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