Politiker-Versteher im Raumschiff Berlin

Warum kommen die Gedanken der Menschen draußen im Lande in den Medien so selten vor?

            Uwe Krüger hat in seinem neuen Sachbuch „Mainstream“ einige Antworten parat

Eine Buchbesprechung von Hermann Ploppa

MainstreamDereinst waren die Menschen draußen im Lande voll des Lobes über unsere deutsche Qualitätspresse. Was sagt Henri Nannen diese Woche wieder im Stern über den Politiker X? Und wie beurteilt Rudolf Augstein die neueste Enzyklika des Papstes? Kein Priesterwort von der Kanzel hatte so viel Gewicht wie Theo Sommers Ansichten zur Ostpolitik.

Und heute? Die Menschen schäumen. „Lügenpresse“, Gleichschaltung! Die Presse ist nur noch ein peinliches Ärgernis. Der Leipziger Medienwissenschaftler und Politologe Uwe Krüger hatte bereits in seiner Doktorarbeit <1> Beziehungsgeflechte zwischen proamerikanischen Netzwerken in Deutschland, die man auch weniger freundlich als Seilschaften bezeichnen kann, und den leitenden Redakteuren deutscher Premium-Zeitungen aufgedeckt, und die Auswirkungen dieser Bindungen auf Inhalte eben jener Premium-Zeitungen untersucht. Jetzt wendet sich Krüger an die Menschen draußen im Lande mit seinem Sachbuch „Mainstream“. Mit dem Untertitel dieses Buches verlässt er das Katheder und stellt sich mitten unter das Volk: „Warum wir den Medien nicht mehr trauen.“ Also auch Doktor Uwe Krüger traut den Medien nicht mehr? Wie ist denn heute unser Befinden bezüglich unserer Medien?

In der Sache gibt Krüger der schäumenden Masse Recht: in der Ukraine-„Krise“ war die Performance der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten sowie der Boulevard- und Premium-Presse erbärmlich. Fakten wurden regelrecht gefälscht, Vergleiche humpelten, Verurteilungen wurden vorschnell ausgesprochen. Zum Teil mussten die Medien allerdings zurückrudern. Einsicht oder gar Anzeichen von Besserung hin zu solider Recherche wurden jedoch weder in die Wege geleitet noch in Aussicht gestellt. Stattdessen pulverten die Medien zurück mit Verschwörungstheorien: die Medienkritiker seien Trolle, eine fünfte Kolonne Moskaus.

Das geht nun gar nicht, findet Krüger. Aber hilft es uns weiter, unserer Wut nachzugeben, indem wir diese Meinungsmaschine als Lügenpresse und gleichgeschaltet beschimpfen? Krüger ist Wissenschaftler, und so wundert es nicht, dass er diese Schaumwörter als analytische Werkzeuge verwirft. Recht hat er. Denn es ist natürlich nicht so, dass ein Bundespropagandaminister morgens die Chefredakteure antreten lässt, damit diese dann Befehle entgegennehmen, was sie heute gefälligst zu schreiben haben. Die Maschinerie der Wirklichkeitserzeugung im Sinne der Mächtigen und Reichen ist ein fein gesponnenes Gewebe. Nur Ausgeruhtheit und ein Stück Einfühlungsvermögen in das Innenleben der Medien hilft weiter.

Und so benutzt Krüger den Anglizismus „Mainstream“. Zu Deutsch: Hauptströmung. Dass neben der medialen Hauptströmung aus konkurrierenden Rinnsalen mittlerweile respektable Flüsse alternativer Medien angeschwollen sind, hat sich die Hauptströmung selber zuzuschreiben. Krüger erklärt, warum das so ist. Zunächst mal: It takes two to Tango. Im Beziehungsdrama zwischen Medien und ihren Nutzern müssen sich bisweilen beide an die Nase fassen. Indem Krüger die Rezipienten der Medienerzeugnisse als Nutzer bezeichnet, wertet er diese schon einmal auf. Der Begriff Nutzer betont das interaktive Element, und nimmt dem Rezipienten seine passive Rollenzuweisung. Also, der Nutzer urteilt bisweilen zu pauschal, und wenn er in Foren die Redakteure grob beschimpft, besteht wenig Aussicht auf Besserung. Zum anderen sind Nutzer oft eingeschnappt. Es gibt da einen so genannten „Hostile-Media-Effect“: Leser interpretieren einen Text allzu oft so, als würde der Text die gegnerische Position bevorzugen, was oft genug aber gar nicht der Fall sei.

Nun zu den Mainstream-Medien. Die Grundhaltung der herrschenden Medien kann man als paternalistisch bezeichnen. Ganz im Sinne des Chefideologen des New Yorker Council on Foreign Relations, Walter Lippmann, denken die Elite-Journalisten: das Volk ist dumm und kann so komplexe Dinge wie Außen- oder Sicherheitspolitik gar nicht begreifen. In diesem Sinne lobte die Politikerin der Grünen Marieluise Beck die Presse: „Die Printmedien halten sich wacker.“ Sie würden der in der deutschen Bevölkerung vorherrschenden Russophilie tapfer die Position der NATO entgegenhalten. Diese Art von „Volkspädagogik“ (Krüger) kann man jedoch Menschen nicht mehr zumuten, die sich durch den aufgeklärten Gebrauch des Internets unterschiedliche Quellen für ihr Urteil nutzbar machen. Mit anderen Worten: das Informations- und Deutungsmonopol der Mainstream-Medien ist durch die Einführung des Internets gebrochen. Die Volkspädagogen können nicht so selbstherrlich dozieren wie früher.

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Aus den Glanzzeiten der Presse: Rotationsdruck 1860

Weiter: die Mainstream-Medien leiden an Ausblutung. Die Einnahmequellen der Printmedien sind dramatisch weggebrochen. Stellen werden gestrichen. Recherche ist Luxus. Faktenüberprüfung auch. Als ein Spaßvogel dem sagenhaften Baron von und zu Guttenberg bei Wikipedia den Vornamen Wilhelm andichtete, übernahmen alle Mainstream-Erzeugnisse diese Falschinformation. Auf dem schmaler werdenden Printmarkt kann eine Zeitung nur wachsen, wenn eine andere Zeitung dafür schrumpft. Im erbarmungslosen Wettkampf um Aufmerksamkeit müssen die Nachrichten immer schriller, immer holzschnittartiger werden, um die fluktuierenden Käufer zu binden. So erklärt Krüger die perfide Demontage des Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff mit einem Mangel an packenden Themen, weshalb man den Wulff dem blutrünstigen Publikum durch ein sensationshaschendes Aufregungsmanagement geopfert habe. Krüger blendet aus, dass sich Wulff durch deutliche Worte vom Euro-Rettungsschirm distanziert hatte. Zu mühsam ist der Aufbau eines transatlantischen Retorten-Politikers, um ihn dann mal eben bloß wegen sinkender Auflagen durch Diffamierungen öffentlich zu schächten.

Mit der Aushungerung der Redaktionen korrespondiert eine Aufblähung der Public-Relations-Branche. Also einer Art redaktionell daherkommender Werbeindustrie. Mehr Leute arbeiten mittlerweile in Public-Relations als in den Redaktionen. Redaktionen übernehmen die pressetauglichen PR-Artikel, und auch von der Struktur her gleichen sich redaktionelle Beiträge immer mehr den PR-Texten an. Kurz und schrecklich: Presse wird Werbung.

Krüger referiert immer wieder Erkenntnisse aus der Medienforschung. Zum Beispiel das Phänomen: Indexing. Journalisten orientieren sich in der Auswahl ihrer Themen und ihrer Positionen an Vorgaben aus Parlament und Regierung. Oder gar nur an Vorgaben der Exekutive: Power-Indexing. Ja, und wenn wir nun faktisch in Berlin auf einen großen Konsens aller im Bundestag vertretenen Parteien zusteuern, dann verengt sich entsprechend auch die Themenpalette der Presse. Eine inzestuöse Tendenz, die für die Mainstream-Medien letal ausgehen wird. Verstärkt wird diese Inzucht noch durch die von Krüger so genannte „Verantwortungsverschwörung“: Wer in Berlin dabei sein will, wenn die mächtigen Politiker in informeller Runde ihre nächsten Schachzüge preisgeben, der muss immer schön nett sein und nichts vorzeitig verpetzen. Sonst ist er schnell draußen und hat keine Top-Stories mehr zu verkaufen. Der vereinnahmte Journalist wird Teil der Regierungsmaschine und fühlt sich für deren reibungsloses Funktionieren persönlich verantwortlich. Er gehört jetzt zur ständigen Besatzung im „Raumschiff Berlin“ als „Politiker-Versteher“. Es ist auch unwahrscheinlich, dass in diese elitären Runden ein Mensch gelangt, der „nicht dazu passt“. Nachweislich stammen die Alpha-Journalisten aus gesettelten gutbürgerlichen Familien, bringen von dort ihren elitären Habitus mit, und sind zudem von transatlantischen, also proamerikanischen Netzwerken angelernt und in ihre Stellungen gehievt worden.

Ist ein solcher dekadenter Mainstream überhaupt noch zu retten? Wollen wir mit diesem Milieu überhaupt noch etwas zu tun haben? Oder wollen wir uns lieber gleich scheiden lassen? Nun, anscheinend hat der Lektor Herrn Krüger gebeten, doch  noch ein versöhnliches happy end seine Analyse abschließen zu lassen. Und so kommt als Deus ex machina von Krüger der wenig aufregende Rat, doch die verstreut noch vorhandenen Beiträge in den Mainstream-Organen zu würdigen und auf Facebook oder anderswo zu teilen. Da stellt sich die Frage: wenn sich schon so eine spannende alternative Medienkultur herausgeschält hat, die auf so viele Fragen, die uns bewegen, neue unorthodoxe Antworten bereithält, warum sollen wir dann zum Muff des inzestuösen Mainstreams reumütig zurückkehren? Die Frage erübrigt sich von selber, weil die ökonomischen und geopolitischen „Sachzwänge“ es ausschließen, dass die Mainstream-Medien eine echte Läuterung noch vollziehen könnten. Zu spannend, zu sexy ist die Aussicht auf eine neue Medienwelt, in der Anbieter und Nutzer miteinander gleichberechtigt interagieren.

Das mal beiseite: Krügers Buch sollte man lesen.

 

<1> Uwe Krüger: Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse. Köln 2013

Uwe Krüger: Mainstream – Warum wir den Medien nicht mehr trauen. München 2016.

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