Der Dritte Punische Krieg?

Rolf Hochhuth, der Altmeister der politischen Dramatik, legt eine gepfefferte Aufsatzsammlung vor

 

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Foto: A. Savin

Wie sich die Bilder gleichen: in der Antike erkannte das Römische Reich das aufstrebende Karthago als seinen gefährlichsten Konkurrenten um die Vorherrschaft am Mittelmeer. Im so genannten Ersten Punischen Krieg wurden Karthago die Flügel gestutzt. Nach dem Zweiten Punischen Krieg war Karthago geschwächt, funktionierte aber noch als Staat. Nach dem Dritten Punischen Krieg war Karthago nur noch ein Trümmerhaufen. In der Wende zum Zwanzigsten Jahrhundert erkannte der US-Stratege Archibald Coolidge, dass die „energetischen Deutschen“ der gefährlichste Rivale der Weltmachtambitionen der USA sei. Ähnlich sahen es die britischen Geopolitiker Mackinder und Wilkinson. Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland angeschlagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland fest in die Pax Americana eingebunden.

Und jetzt? Das neueste Buch von Rolf Hochhuth trägt den Titel „Ausstieg aus der NATO – oder Finis Germaniae“. Die Alternative ist aus dieser Sicht klar: entweder wir steigen aus dem transatlantischen Kriegsbündnis NATO aus, oder wir gehen in eben jenem Bündnis zugrunde, diesmal final, wie dereinst Karthago: „Allein Deutschlands Ausstieg aus der NATO verhindert Finis Germaniae!“ So schreibt Hochhuth in einem offenen Brief dem Bundespräsidenten und der amtierenden Bundeskanzlerin. In der Tat scheint ein Verbleiben Deutschlands in der NATO dessen Untergang zu bedeuten. Ob in den 1950er Jahren oder im NATO-Manöver „Wintex/Cimex“ im Jahre 1989: bei einer aggressiven Erstürmung Eurasiens durch die Westmächte ist Deutschland als Pufferstaat der kriegerischen Auseinandersetzungen der atomaren Zerstörung ganz selbstverständlich ausgeliefert.

Hochhuth hat allerdings sehr widersprüchliche Erklärungsmuster für das menschenverachtende Kalkül der Westmächte. Früher nämlich waren für den Nestor unter den deutschen Dramatikern die USA die Guten und die Kommunisten die Bösen. Er feiert die US-Truppen als ruhmreiche Befreier der Deutschen vom Joch des Faschismus und blendet dabei aus, dass die US-Konzerne Hitlers Wirtschaft und Aufrüstung maßgeblich gefördert haben und erst in den Krieg eingetreten sind, als die Sowjets Hitler definitiv besiegt hatten. Diese Zweischneidigkeit durchzieht alle Texte in Hochhuths NATO-Buch. Er bewundert Bismarck als Politiker des friedlichen Ausgleichs – und blendet aus, dass Bismarck vom jungen Kaiser Wilhelm II. entlassen wurde, weil er gerade Kreditpakete schnürte für einen neuen Krieg. Hochhuth ist fasziniert von Churchill. Er feiert den Altkanzler Helmut Schmidt und vergisst nur allzu gerne, dass der kantige Hanseat die innere und äußere Aufrüstung massiv vorangetrieben hat.

So ist Hochhuth ein markanter intellektueller Eigenbrötler – das vorliegende Buch zeigt das in allen Facetten. Moralist par Excellence, lebt er noch immer in den 1960er Jahren. Genau auf diese Weise reizt er auf und versetzt der immens eingehegten Denkweise unserer Jetztzeit  empfindliche Nadelstiche.

Hermann Ploppa

Rolf Hochhuth: Ausstieg aus der Nato – oder Finis Germaniae. Katastrophen und Oasen. Essays, Briefe, Gedichte.

Zeitgeist Verlag. 2016

Dazu noch ein Zitat eines anderen großen Dramatikers:

Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.

Bertold Brecht