Willy Brandt und sein mysteriöser Rücktritt

Der vorangegangene Blogbeitrag enthielt Zusatzinformationen über die Begleitumstände des Rücktritts von Willy Brandt im Jahre 1974. Die offizielle Erzählung, Brandt sei wegen der Aufdeckung seines persönlichen Referenten Günter Guillaume als Stasi-Agent von seimem Amt als Bundeskanzler zurückgetreten, ist nicht wirklich schlüssig: das Versagen war ja nicht Brandt anzulasten, sondern den westdeutschen Geheimdiensten und ihrem damaligen obersten Dienstherren, Innenminister Hans-Dietrich Genscher. Auch Brandt hatte die Guillaume-Panne in einer Fernseherklärung auf seine eigene Kappe genommen, was uns aber schon damals als politisch arglose Bürger in keiner Weise überzeugen konnte. Es wurden laufend windige Erklärungen nachgeschoben: Willy Brandts endogene Depressionen; sein exzessiver Alkoholkonsum (mangelnde Fitness); seine Frauengeschichten (Erpressbarkeit!); Wehners Mobbing gegen ihn; die überdimensionierten Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst (1973 erkämpfte die Gewerkschaft ÖTV eine zweistellige Prozentzahl als Lohnerhöhung), oder die zuvor erlittenen verheerenden Niederlagen bei Landtags- und Kommunalwahlen. Alles wenig überzeugend, sorry.

Willy_Brandt_Guillaume
Willy Brandt und Günter Guillaume. Foto: Pelz

Einen weiteren (wesentlich plausibleren) Hinweis bietet ausgerechnet der Hofchronist der exklusiven Atlantik-Brücke, der Historiker Ludger Kühnhardt in seiner extrem aufschlussreichen Chronik zum Fünfzigjährigen Jubiläum der Atlantik-Brücke an. Dazu hier ein Auszug aus meinem Buch „Die Macher hinter den Kulissen“:

„Die Umstände des Machtverlustes von Willy Brandt wiederum verdienen, mysteriös genannt zu werden. Brandt erklärte am 5. Mai 1974 seinen Rücktritt als Bundeskanzler. Angeblich war der Sozialdemokrat zurückgetreten, weil der DDR-Spion Günter Guillaume einer seiner wichtigsten Berater gewesen war. Dass Guillaume nicht rechtzeitig enttarnt wurde, dafür sind nach menschlichem Ermessen doch wohl eher die westlichen Geheimdienste verantwortlich zu machen. Dort hätten Köpfe rollen müssen, nicht im Kanzleramt.

Man kann an dieser Stelle an die Überlegungen Brzezinskis erinnern. Demzufolge knüpfen die USA viele Netzwerke weltweit, um sich ein Vasallensystem zu schaffen, das im Fall einer Schwächung der amerikanischen Macht die Pax Americana am Leben erhält. Seit dem Zweiten Weltkrieg war der amerikanische Anteil an der Weltwirtschaft von 50% auf 20% abgesunken. Und wie ein störrisches Kind, das, wenn es ein Spiel verliert, wütend mit den Füßen aufstampft und schreit: „Das gildet nicht!“, so wollten auch die Amerikaner nichts mehr von ihrem geliebten Freihandel wissen, sobald die Attraktivität ihrer eigenen Waren auf dem Weltmarkt dahinschwand. Weil Deutschland den amerikanischen Markt mit Waren Made in Germany überrannte, erzwangen die Amerikaner eine künstliche Aufwertung der D-Mark um 16%, damit deutsche Waren auf dem US-Markt um 16% teurer werden.

Und weil die USA im Vietnamkrieg Geld ohne Ende versenkt haben, sollen die Deutschen für die US-Besatzungstruppen in Deutschland bezahlen, und dann auch noch den Fuhrpark der Army in Deutschland auf eigene Kosten reparieren lassen. Und um den Großen Bruder aus Übersee friedlich zu stimmen, kauft die Bundesregierung noch für 1.2 Milliarden Dollar Rüstungsgüter aus den USA, die sie nicht unbedingt benötigt.

Als im Oktober 1973 in Palästina der Yom-Kippur-Krieg ausbricht, stellt sich die US-Regierung bedingungslos hinter Israel. Die westeuropäischen Regierungen bewahren dagegen Neutralität. Das finden US-Präsident Nixon und sein Außenminister, der CFR-Chefideologe Henry Kissinger gar nicht gut. Letzterer droht den Europäern mit dem Abzug der Besatzungstruppen. Kanzler Brandt wird im April und erneut im September 1973 zum Rapport bei Nixon einbestellt, und Brandt ist nicht mehr länger brav: „Das selbstbewusste Auftreten des Friedensnobelpreisträgers Brandt, der Begriffe wie ,emanzipierte Partnerschaft‘ und ,regionale Eigenverantwortung‘ verwendete, förderte nicht das Verständnis zwischen den beiden Staatsmännern.“ <4a>

Der Konflikt zwischen der US-Administration und einigen europäischen Regierungen, insbesondere Frankreichs, eskaliert im Jahre 1974 weiter. US-Außenminister Kissinger ist wütend, weil die Außenminister der Europäischen Gemeinschaft sich am 7. März 1974 mit ihren arabischen Kollegen treffen wollen, ohne ihn gefragt zu haben: ein „feindseliger Akt“ sei das, schäumt Kissinger. Er eilt zu Brandt und Scheel am 3. und 4. März. Die Araber wollen mit den Europäern gute Geschäfte machen, aber nicht mit den USA. Das gildet nicht! Die Europäer treffen sich also nicht mit den Arabern.

Und die europäischen Außenminister müssen in einer außerordentlichen Versammlung in Schloss Gymnich im Rheinland am 20. und 21. April 1974 ihre Extra-Hausaufgaben erledigen. Als Ergebnis kommt die so genannte „Gymnicher Formel“ heraus. Die EG-Außenminister: „… einigten sich … darauf, dass künftig bei Themen, die von den USA als wichtig angesehen wurden, Konsultationen mit den USA unabwendbar sein würden.“ <5> „Unabwendbar“ klingt nicht gerade nach Partnerschaft. Und der Hofchronist der Atlantik-Brücke Ludger Kühnhardt sieht in der Gymnicher Formel „… faktisch eine Anerkennung der amerikanischen Führungsrolle in der westlichen Bündnisstruktur.“ <6>

Die Gymnicher Formel beinhaltet zwar keine festgeschriebene Pflicht, die USA zu konsultieren. Mittlerweile zahlt sich aber die transatlantische Netzwerkarbeit aus. Frankreich lehnt nun ab, die USA wegen der arabisch-europäischen Gespräche um Erlaubnis zu fragen. Woraufhin Deutschland und Großbritannien diese Gespräche gar nicht mehr durchführen wollen. Frankreich als europäischer Rivale der USA ist geschwächt, denn Staatspräsident Pompidou ist am 2. April gestorben. Und so wird dann die Atlantische Deklaration, eine endgültige Festschreibung der Gymnicher Formel, am 26. Juni 1974 im Beisein von Präsident Nixon in Brüssel von allen EG-Staaten und den USA unterschrieben.

Nixon kann im Juni doppelt zufrieden sein. Denn der selbstbewusste Willy Brandt ist als Kanzler zurückgetreten. An seiner Stelle unterschreibt der kantige Helmut Schmidt die Atlantische Deklaration. Denn Schmidt „wurde in Washington als ,Atlantiker‘ geschätzt.“ <7> Als Nachfolger Pompidous wählen die Franzosen Valerie Giscard d’Estaing ins Präsidentenamt. Schmidt und d’Estaing verstehen sich außerordentlich gut, und beide sind der Regierung in Washington außerordentlich zugetan. Walter Scheel wechselt ins Amt des Bundespräsidenten. Neuer Außenminister wird Hans Dietrich Genscher, der mit Schmidt zusammen einen raueren Ton gegenüber Moskau anschlägt.“

Soweit aus meinem Buch. Es handelt sich hier um ein so genanntes Desiderat. Bislang ist noch kein Doktorand den Hinweisen von Ludger Kühnhardt nachgegangen. Es würde sich aber lohnen, auch und gerade wegen der spärlichen Präsenz dieses Themas im Internet.

Es sei noch einmal betont, dass es sich hier um eine Hypothese meinerseits handelt. Ich habe Koinzidenzen aufgezeigt, und keine definitive neue Theorie über Brandts Rücktritt vorgelegt. Dies als Hinweis für alle Diagonal-Leser!

Literatur:

Ludger Kühnhardt: Atlantik-Brücke – Fünfzig Jahre deutsch-amerikanische Partnerschaft 1952-2002. München 2002.

Hermann Ploppa: Die Macher hinter den Kulissen – Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern. Frankfurt/Main 2014.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s