Aus dem Archiv: Skull and Bones

von Hermann Ploppa,

Artikel zuerst erschienen am 18.5.2004 in der jungen Welt

neu aufgelegt, weil er im Internet sonst nicht mehr verfügbar wäre:

George Bush oder John Kerry: ein Sieger steht schon fest: Die geheime studentische Verbindung „Skull and Bones“ von der Universität Yale.

Ein Sieger der Präsidentenwahl in den USA im November steht bereits fest. Die elitäre studentische Verbindung „Skull and Bones“ („Schädel und Knochen“) wird auch den neuen Präsidenten aus ihren Reihen rekrutieren. „Skull and Bones“ ist einer von sieben studentischen Geheimbünden auf dem Campus der privaten Yale-Universität in der altehrwürdigen Ostküstenstadt New Haven im beschaulichen Bundesstaat Connecticut.

Können Sie sich vorstellen, wie George W. Bush oder der drahtige John Kerry sich nackt im Schlamm suhlen? Wie hochrangige Persönlichkeiten der einzig verbliebenen Weltmacht in einem Sarg liegen und den Corpsbrüdern ihre sexuellen Eskapaden beichten? Wie sie anschließend auf allen Vieren zu einer als Don Quichotte verkleideten Gestalt kriechen und  deren rote Puschen küssen? Das kann man sich tatsächlich schwer vorstellen, gehört aber zu der Zeremonie, die durchmachen muss, wer unkündbares Mitglied der „Skulls“ werden will. John Kerry wurde 1966 initiiert, George Bush junior im bewegten Jahre 1968. Aufgeklärte Bürger der USA sind beunruhigt über die Zusammenballung von exekutiver Machtbefugnis in den Händen einer kleinen exklusiven Gruppe. Die „Skulls“ rekrutieren jedes Jahr nur 15 neue Mitglieder. Deren Karrieregang wird von früheren „Skulls“-Jahrgängen betreut. Die Alten Herren heißen „Patriarchen“, und es gibt bei etwa 280 Millionen US-Bürgern gerade mal 600 lebende „Skull and Bones“-Mitglieder. Die Frischbekehrten der exklusiven Yale-Bruderschaft müssen einen unverbrüchlichen Treueid auf den Orden schwören. Vor der Loyalität zu Vaterland, Religion und Familie rangiert die Verpflichtung gegenüber den geheimen Logenbrüdern. Da fragt man sich schon: Wie will so einer noch den Eid auf das Gemeinwohl der Vereinigten Staaten schwören können?

 

Aus einem Stall

 

Ein anderes Paradoxon: Der Herausforderer des US-Präsidenten hätte eigentlich keinen Mangel an guten Argumenten, warum Bush abgewählt werden müsste. Die Bilanz der Bush-Administration ist katastrophal. Der Irak-Krieg ist – trotz des schnell verkündeten Sieges – kein Ruhmesblatt für Bush und seine Mannschaft geworden. Der Staatshaushalt ist ruiniert. Konjunkturelle Aufschwünge ändern daran wenig. Versprochene Reformen, wie die der Krankenversorgung der Alten, können nicht finanziert werden.

Doch Herausforderer Kerry äußert sich zu den Schwachpunkten des Titelverteidigers nur sehr dezent. Sicher, Kerry findet ein Meinungsklima vor, das sich grundsätzlich im Einklang mit der Regierung befindet. Nach wie vor machen die meisten US-Bürger keinen Unterschied zwischen Saddam Hussein und Al Qaida. Die Presse in den USA – löbliche Ausnahmen wie New Yorker und New York Times bestätigen die Regel – löst diese von der Regierung gewollten Irrtümer nicht auf. Als Bush von Marsausflügen tagträumte, haben die Medien die Schimären ernsthaft diskutiert. Kerry muss einer Hofpresse Rechnung tragen, die „jede noch so haltlose Meinung, jede abstruse These und noch die abseitigste Position ernst nimmt“. So der Princeton-Ökonom Paul Krugman.

Dennoch ist es erstaunlich, wenn der Herausforderer in allen Grundpositionen mit der Bush-Administration übereinstimmt. Auch Kerry will Ariel Scharon ohne Wenn und Aber unterstützen. Den Bellizismus der Bush-Dynastie und des mit ihr verbündeten  Project for a New American Century (PNAC) versucht Kerry rhetorisch zu übertrumpfen: Bush, der Kriegsdrückeberger; Kerry, der Vietnamkriegsheld. Dass von Kerry keine Renaissance eines New Deal oder auch nur eine Neuauflage der Clintonomics zu erwarten ist, könnte seinen Grund im wahlarithmetischen Kalkül haben. Gewiss spielt aber auch die Bush und Kerry gemeinsame Sozialisation durch exklusive Seilschaften an Elite-Unis eine Rolle.

 

Pfründeverteilungsorden

 

Vielleicht kann in den USA immer noch ein Tellerwäscher Millionär werden. Besser ist es allerdings, die richtigen Eltern zu haben. Der Weg in die Spitzenämter von Wirtschaft, Politik und Kultur führt über die Elite-Universitäten der Efeu-Liga, der Ivy League. Während die staatlichen Unis ums nackte Überleben kämpfen, schwimmen die berühmten acht Privatuniversitäten nur so im Geld. Harvard, der Tabellenführer, verfügt über ein Vermögen von 19 Milliarden Dollar. Die New Yorker Columbia-Universität ist der zweitgrößte Grundstückseigentümer im Bundesstaat New York.

Damit nicht gewöhnliche Sterbliche die komfortable Ruhe der studierenden Sprösslinge aus den edlen neuenglischen Ostküstenfamilien der Cabot Lodge, Coolidge, Forbes oder   Harriman stören, sind die Studiengebühren so preiswert wie ein guter Mittelklassewagen. In Yale kostet das Studienjahr 28 000 Dollar. Das verschulte Curriculum währt drei Jahre bis zum Unterexamen. Es folgt ein Vorbereitungsjahr zum Vollexamen.

An allen acht Efeu-Universitäten sind Studentenbünde zu Hause. Sie suchen gezielt die Seilschaften für das spätere gemeinsame Vorpreschen in die Chefetagen zusammen. Da geistern durch Yale neben den „Skull and Bones“ die „Scroll and Key“, „Book and              Snake“, „Wolf’s Head“, „Eliahu“ oder „Berzelius“. Verglichen mit diesen Pfründeverteilungsorden muten deutsche Burschenschaften geradezu egalitär und demokratiesüchtig an. Deutsche Corporationen „keilen“ fast jeden Studienanfänger, der in der Lage ist, einen Bierhumpen zu stemmen.Nicht so die „Skull and Bones“. Die ordenseigenen Talentesucher beobachten auf dem Campus genau, wer in den drei Jahren bis zum Undergraduate besondere Aktivitäten gezeigt hat. So ist ihnen auch der eloquente, unerträglich ehrgeizige John Forbes Kerry aufgefallen.

Der „Skull and Bones“-Orden gehört einer eingetragenen Firma, der Russell Trust Association. Diese ist dem Bundesstaat Connecticut so wichtig, dass er 1943 per Gesetz die Russell-Gesellschaft von der Berichtspflicht gegenüber dem Staat entband. Die Sippe des Ordensstifters William Huntington Russell machte ihr Vermögen im Opiumhandel mit China. Der „Skull and Bones“-Orden wurde 1833 gegründet und erhielt als Emblem die Piratenflagge mit dem Totenschädel und den gekreuzten Knochen.

„Skull and Bones“ ist eine von vielen hermetischen Elitegruppen der Ivy League, die entscheidenden Einfluss auf die Politik der USA nehmen. Theodore Roosevelt war Mitglied in der studentischen Geheimverbindung Pig Club in Harvard. Die Brüder Allan und John Foster Dulles, die faktisch die Politik der USA in den 1950er Jahren bestimmten, gehörten dem Ivy Club in Princeton an. Franklin Delano Roosevelt musste sich mit dem gemäßigten Fly-Club begnügen.

Die Mitglieder dieses außerordentlich wohlhabenden Netzwerkes eint das Bewusstsein, als Elite auserwählt zu sein. Mit Ekel schauen diese Vorzugsmenschen auf die Massen herab. Rechtspopulistische Bewegungen wie die Rednecks oder die  McCarthy-Inquisition waren ihnen taktisch willkommen und dennoch zutiefst zuwider. Die Ivy-League-Menschen schätzten klassische Bildung: antike Literatur, englische Hochliteratur, besonders Lyrik. Sie förderten T.S. Eliott und Ezra Pound. Theodore Roosevelt las in arbeitsfreien Minuten griechische Klassiker im Original. Man verstand sich zudem als Pressuregroup moderner Forschung.

 

Nährboden der CIA

 

So überrascht es nicht, dass Irving Fischer („Skull and Bones“ 1888) Gründungspräsident der American Eugenics Society wurde. Die Vorstellung, die Qualität der Massenmenschen durch gezielte Zuchtwahl und Aussiebung der Kranken und Schwachen anzuheben, hatte unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Elitemenschen an der Ostküste. Eine herausragende Stellung als Förderer der Eugenik erlangte Averell Harriman, dessen Dynastie ihren Reichtum durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes in den USA erwarb. Zusammen mit George Herbert Walker („Skull and Bones“ 1927) fasste Averell Harriman die eugenischen Forscher u.a. aus Deutschland, England und Skandinavien zu einem schlagkräftigen Weltverband zusammen. Auf dem Eugenik-Weltkongress 1932 sorgte Harriman dafür, dass der deutsche Eugeniker Ernst Rüdin zum Vorsitzenden des Weltverbandes gewählt wurde.

Während sich Averell Harriman um die Verbesserung der menschlichen „Rasse“ kümmerte, arbeitete ein anderer „Skull and Bones“-Patriarch an der Beeinflussung des Bewusstseins der Massen. Henry Robinson Luce baute nacheinander Time-Magazine,  Fortune, Life and Sports Illustrated auf. 1923 gibt ihm ein Netzwerk von 72 Wall-Street-Investoren das nötige Geld, damit Luce mit 18 Redakteuren – elf davon Absolventen aus Yale – die erste Nummer von Time starten kann. Harriman war einflussreicher Demokrat, Luce setzte die Macht seiner Presse für die Republikaner ein.

Den Erfolg jener Eliteherrschaft sichern diskrete Operationen, die – an Legislative, Exekutive und Judikative vorbei – entscheidende Weichen stellen. Es verwundert in diesem Zusammenhang nicht, dass der elitäre Campus der Yale-Universität einen idealen Nährboden für die CIA hergab. Durchgeistigte Lyriker wie James Jesus Angleton oder Cord Meyer verließen die Redaktionsklause ihrer poetischen Campuszeitung Yale Lit, um in Europa mit „dirty tricks“ linke Milieus aufzumischen. Yale-Geschichtsprofessor Gaddis Smith beschreibt die innere Beziehung zwischen Yale und CIA:

„Yale hat die CIA stärker beeinflusst als irgendeine andere Universität. Das gibt der CIA bisweilen den Charakter eines Klassentreffens.“

 

Parallelregierung

 

Einen Gipfelpunkt in der Umgehung demokratischer Kontrollinstanzen erklomm George Bush senior („Skull and Bones“ 1948, zeitweilig CIA-Chef). In seiner Eigenschaft als Vizepräsident unter Ronald Reagan ließ er in der eigens für ihn gegründeten Special Situation Group alle Informationsfäden zusammenlaufen. Sogar der Nationale Sicherheitsrat wurde zur Akklamationsinstanz degradiert. Über die Special Situation Group führte Bush ein Regiment, dessen Konturen bruchstückhaft in der Iran-Contra-Affäre sichtbar wurden. Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses für Geheimdienste, der Demokrat David Lyle Boren („Skull and Bones“ 1963) nannte die Machtmaschine von George Bush sen. eine „Parallelregierung“.

Das provokante Vorgehen von George Bush ist schuld daran, dass die Öffentlichkeit auf „Skull and Bones“ aufmerksam wurde. Als Bush Präsident werden wollte, fragte 1988 die Washington Post: „Hat der Vater von George Bush ein Grab geschändet?“ Papa Prescott Bush brach nämlich 1919 mit einigen seiner Corpsbrüder als „Skull and Bones“-Stoßtruppe mitternächtlich auf einen Friedhof ein und entnahm dem Grab des Apachenhäuptlings Geronimo dessen Schädel. Der Schädel wurde sodann als Trophäe in einer Glasvitrine im „Skull and Bones“-Clubheim ausgestellt.

Jene Pietätlosigkeit von Prescott Bush brachte die „Skulls“ den Ruch des Rassismus ein. In der Tat war der Orden lange Zeit der extreme Ausdruck des WASP-Dünkels. WASP steht für „White Anglo Saxon Protestants“. Gemeint sind die weißen anglophilen protestantischen Geldaristokraten von der Ostküste, deren Vorfahren tunlichst schon auf der „Mayflower“ mitgefahren zu sein hatten.

Die Kolportage der Washington Post traf nicht ganz ins Schwarze. Denn George Bush senior erkannte als einer der Ersten im WASP-Lager, dass demographische Umschichtungen zuungunsten der weißen Protestanten die Mehrheitsfähigkeit seiner Machtbasis über kurz oder lang obsolet machen könnten. So kam es zu einer ethnischen Öffnung bei den „Skull and Bones“. Seit geraumer Zeit soll es bei dem Schädelorden Afroamerikaner, Homosexuelle und Frauen als willkommene Mitglieder geben.

 

Kerrys Zickzackkurs

Sind die „Skull and Bones“ möglicherweise politisch gar nicht  rechts orientiert? Sie sind sowohl bei den Demokraten als auch bei den Republikanern vertreten. Der mächtige Henry Stimson diente demokratischen wie republikanischen Präsidenten als                Minister. Der Nationale Sicherheitsberater von John F. Kennedy hieß McGeorge Bundy. Auch er ein „Skull“.

Der typische „Skull and Bones“-Aktivist kann in seinem Leben wechselweise Diplomat, Geheimagent, Minister, Wirtschaftsboss  oder Universitätsdekan sein. William Sloane Coffin („Skull and Bones“ 1948) wechselte gar von der Kanzel zum Agentenauto und zurück: „Nach einem Jahr auf dem Union Theological Seminary schien sich ein Krieg mit der Sowjetunion anzukündigen, und nun wechselte ich doch zur CIA, weil ich in diesem Krieg von Nutzen sein wollte.“ Der Krieg fiel gottlob aus, und in den 1960er Jahren profilierte sich Coffin als engagierter Vietnamkriegsgegner.

Und traf da gewiss auch John Kerry. Damals warf Kerry als dekorierter Vietnamkriegsveteran seine Orden ins Wasser. Frustrierte Veteranen folgten seinem Beispiel. Erstaunlicherweise fotografierte ein Reporter in Kerrys Haus genau diese Kriegsorden: Sie hingen algenfrei an der Wand. Warum Kerry als Senator gegen den ersten Golfkrieg, aber für Golfkrieg zwei optiert hat, weiß nur er allein. Kerrys Zickzackkurs in allen wichtigen Fragen der Politik ist hinlänglich bekannt. Verheiratet war er übrigens zunächst mit der geschiedenen Frau eines „Skull and Bones“-Mannes, bevor er Teresa Heinz, die milliardenschwere Witwe des Ketchupkönigs John Heinz („Skull and Bones“ 1931) ehelichte.

John Kerry wird gewiss niemals in seinem Leben einen Corpsbruder in Schwierigkeiten bringen. Weder Vater noch Sohn Bush. Als Senator saß er zusammen mit seinem republikanischen Kollegen Hank Brown einem Untersuchungsausschuss vor. Der Ausschuss sollte ermitteln, ob Regierungsstellen oder Geheimdienste unerlaubte Aktivitäten der pakistanischen Bank und Geldwaschanlage BCCI gefördert oder gedeckt hatten. Der Bericht ist lesenswert. Er beschreibt, wie CIA, der englische SIS, Zentralbanken, Waffen- und Drogenhändler, Warlords und BCCI zu einer einzigen globalen Firnisschicht verwachsen waren, und wie die US-Regierung mit billigen Tricks den Ausschuss daran hinderte, relevante Dokumente einzusehen. Kerry und Brown pickten sich Donald Regan und Oliver North als Hauptbösewichte der US-Regierung heraus. Der Mann, auf dessen Special Situation Group alle Fäden zulaufen, bleibt ausgespart: George Herbert Walker Bush.

Da der Kerry-Brown-Bericht erst im Dezember 1992, also einen Monat nach der Präsidentenwahl, herauskam, nützte er George Bush leider nicht mehr. Aber keine Sorge. Denn Bush-Bezwinger William Clinton wurde von Winston Lord („Skull and Bones“       1959), seinem stellvertretenden Außenminister, gut beraten.

Und nach der achtjährigen Bush-Pause sind aktuell zwei weitere „Skulls“ im Kabinett vertreten: Edward McNally als Chefberater im neugeschaffenen Heimatschutzministerium sowie Robert McCallum als stellvertretender Justizminister. McCallum ist sogar ein „Skull“-Jahrgangskamerad von George Bush junior.

Offenkundig hat die neue Offenheit der WASPs gegenüber andersethnischen Privilegsanwärtern die Position der weißen Efeu-Liga noch gestärkt. Denn bei den Vorwahlen der Demokraten im letzten Winter kamen mit John Edwards, Howard Dean, Joe Liebermann und John Kerry gleich vier Aspiranten auf das Präsidentenamt aus –

Sie haben es erraten: aus Yale.

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