Aus dem Archiv: Skull and Bones

von Hermann Ploppa,

Artikel zuerst erschienen am 18.5.2004 in der jungen Welt

neu aufgelegt, weil er im Internet sonst nicht mehr verfügbar wäre:

George Bush oder John Kerry: ein Sieger steht schon fest: Die geheime studentische Verbindung „Skull and Bones“ von der Universität Yale.

Ein Sieger der Präsidentenwahl in den USA im November steht bereits fest. Die elitäre studentische Verbindung „Skull and Bones“ („Schädel und Knochen“) wird auch den neuen Präsidenten aus ihren Reihen rekrutieren. „Skull and Bones“ ist einer von sieben studentischen Geheimbünden auf dem Campus der privaten Yale-Universität in der altehrwürdigen Ostküstenstadt New Haven im beschaulichen Bundesstaat Connecticut.

Können Sie sich vorstellen, wie George W. Bush oder der drahtige John Kerry sich nackt im Schlamm suhlen? Wie hochrangige Persönlichkeiten der einzig verbliebenen Weltmacht in einem Sarg liegen und den Corpsbrüdern ihre sexuellen Eskapaden beichten? Wie sie anschließend auf allen Vieren zu einer als Don Quichotte verkleideten Gestalt kriechen und  deren rote Puschen küssen? Das kann man sich tatsächlich schwer vorstellen, gehört aber zu der Zeremonie, die durchmachen muss, wer unkündbares Mitglied der „Skulls“ werden will. John Kerry wurde 1966 initiiert, George Bush junior im bewegten Jahre 1968. Aufgeklärte Bürger der USA sind beunruhigt über die Zusammenballung von exekutiver Machtbefugnis in den Händen einer kleinen exklusiven Gruppe. Die „Skulls“ rekrutieren jedes Jahr nur 15 neue Mitglieder. Deren Karrieregang wird von früheren „Skulls“-Jahrgängen betreut. Die Alten Herren heißen „Patriarchen“, und es gibt bei etwa 280 Millionen US-Bürgern gerade mal 600 lebende „Skull and Bones“-Mitglieder. Die Frischbekehrten der exklusiven Yale-Bruderschaft müssen einen unverbrüchlichen Treueid auf den Orden schwören. Vor der Loyalität zu Vaterland, Religion und Familie rangiert die Verpflichtung gegenüber den geheimen Logenbrüdern. Da fragt man sich schon: Wie will so einer noch den Eid auf das Gemeinwohl der Vereinigten Staaten schwören können?

 

Aus einem Stall

 

Ein anderes Paradoxon: Der Herausforderer des US-Präsidenten hätte eigentlich keinen Mangel an guten Argumenten, warum Bush abgewählt werden müsste. Die Bilanz der Bush-Administration ist katastrophal. Der Irak-Krieg ist – trotz des schnell verkündeten Sieges – kein Ruhmesblatt für Bush und seine Mannschaft geworden. Der Staatshaushalt ist ruiniert. Konjunkturelle Aufschwünge ändern daran wenig. Versprochene Reformen, wie die der Krankenversorgung der Alten, können nicht finanziert werden.

Doch Herausforderer Kerry äußert sich zu den Schwachpunkten des Titelverteidigers nur sehr dezent. Sicher, Kerry findet ein Meinungsklima vor, das sich grundsätzlich im Einklang mit der Regierung befindet. Nach wie vor machen die meisten US-Bürger keinen Unterschied zwischen Saddam Hussein und Al Qaida. Die Presse in den USA – löbliche Ausnahmen wie New Yorker und New York Times bestätigen die Regel – löst diese von der Regierung gewollten Irrtümer nicht auf. Als Bush von Marsausflügen tagträumte, haben die Medien die Schimären ernsthaft diskutiert. Kerry muss einer Hofpresse Rechnung tragen, die „jede noch so haltlose Meinung, jede abstruse These und noch die abseitigste Position ernst nimmt“. So der Princeton-Ökonom Paul Krugman.

Dennoch ist es erstaunlich, wenn der Herausforderer in allen Grundpositionen mit der Bush-Administration übereinstimmt. Auch Kerry will Ariel Scharon ohne Wenn und Aber unterstützen. Den Bellizismus der Bush-Dynastie und des mit ihr verbündeten  Project for a New American Century (PNAC) versucht Kerry rhetorisch zu übertrumpfen: Bush, der Kriegsdrückeberger; Kerry, der Vietnamkriegsheld. Dass von Kerry keine Renaissance eines New Deal oder auch nur eine Neuauflage der Clintonomics zu erwarten ist, könnte seinen Grund im wahlarithmetischen Kalkül haben. Gewiss spielt aber auch die Bush und Kerry gemeinsame Sozialisation durch exklusive Seilschaften an Elite-Unis eine Rolle.

 

Pfründeverteilungsorden

 

Vielleicht kann in den USA immer noch ein Tellerwäscher Millionär werden. Besser ist es allerdings, die richtigen Eltern zu haben. Der Weg in die Spitzenämter von Wirtschaft, Politik und Kultur führt über die Elite-Universitäten der Efeu-Liga, der Ivy League. Während die staatlichen Unis ums nackte Überleben kämpfen, schwimmen die berühmten acht Privatuniversitäten nur so im Geld. Harvard, der Tabellenführer, verfügt über ein Vermögen von 19 Milliarden Dollar. Die New Yorker Columbia-Universität ist der zweitgrößte Grundstückseigentümer im Bundesstaat New York.

Damit nicht gewöhnliche Sterbliche die komfortable Ruhe der studierenden Sprösslinge aus den edlen neuenglischen Ostküstenfamilien der Cabot Lodge, Coolidge, Forbes oder   Harriman stören, sind die Studiengebühren so preiswert wie ein guter Mittelklassewagen. In Yale kostet das Studienjahr 28 000 Dollar. Das verschulte Curriculum währt drei Jahre bis zum Unterexamen. Es folgt ein Vorbereitungsjahr zum Vollexamen.

An allen acht Efeu-Universitäten sind Studentenbünde zu Hause. Sie suchen gezielt die Seilschaften für das spätere gemeinsame Vorpreschen in die Chefetagen zusammen. Da geistern durch Yale neben den „Skull and Bones“ die „Scroll and Key“, „Book and              Snake“, „Wolf’s Head“, „Eliahu“ oder „Berzelius“. Verglichen mit diesen Pfründeverteilungsorden muten deutsche Burschenschaften geradezu egalitär und demokratiesüchtig an. Deutsche Corporationen „keilen“ fast jeden Studienanfänger, der in der Lage ist, einen Bierhumpen zu stemmen.Nicht so die „Skull and Bones“. Die ordenseigenen Talentesucher beobachten auf dem Campus genau, wer in den drei Jahren bis zum Undergraduate besondere Aktivitäten gezeigt hat. So ist ihnen auch der eloquente, unerträglich ehrgeizige John Forbes Kerry aufgefallen.

Der „Skull and Bones“-Orden gehört einer eingetragenen Firma, der Russell Trust Association. Diese ist dem Bundesstaat Connecticut so wichtig, dass er 1943 per Gesetz die Russell-Gesellschaft von der Berichtspflicht gegenüber dem Staat entband. Die Sippe des Ordensstifters William Huntington Russell machte ihr Vermögen im Opiumhandel mit China. Der „Skull and Bones“-Orden wurde 1833 gegründet und erhielt als Emblem die Piratenflagge mit dem Totenschädel und den gekreuzten Knochen.

„Skull and Bones“ ist eine von vielen hermetischen Elitegruppen der Ivy League, die entscheidenden Einfluss auf die Politik der USA nehmen. Theodore Roosevelt war Mitglied in der studentischen Geheimverbindung Pig Club in Harvard. Die Brüder Allan und John Foster Dulles, die faktisch die Politik der USA in den 1950er Jahren bestimmten, gehörten dem Ivy Club in Princeton an. Franklin Delano Roosevelt musste sich mit dem gemäßigten Fly-Club begnügen.

Die Mitglieder dieses außerordentlich wohlhabenden Netzwerkes eint das Bewusstsein, als Elite auserwählt zu sein. Mit Ekel schauen diese Vorzugsmenschen auf die Massen herab. Rechtspopulistische Bewegungen wie die Rednecks oder die  McCarthy-Inquisition waren ihnen taktisch willkommen und dennoch zutiefst zuwider. Die Ivy-League-Menschen schätzten klassische Bildung: antike Literatur, englische Hochliteratur, besonders Lyrik. Sie förderten T.S. Eliott und Ezra Pound. Theodore Roosevelt las in arbeitsfreien Minuten griechische Klassiker im Original. Man verstand sich zudem als Pressuregroup moderner Forschung.

 

Nährboden der CIA

 

So überrascht es nicht, dass Irving Fischer („Skull and Bones“ 1888) Gründungspräsident der American Eugenics Society wurde. Die Vorstellung, die Qualität der Massenmenschen durch gezielte Zuchtwahl und Aussiebung der Kranken und Schwachen anzuheben, hatte unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Elitemenschen an der Ostküste. Eine herausragende Stellung als Förderer der Eugenik erlangte Averell Harriman, dessen Dynastie ihren Reichtum durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes in den USA erwarb. Zusammen mit George Herbert Walker („Skull and Bones“ 1927) fasste Averell Harriman die eugenischen Forscher u.a. aus Deutschland, England und Skandinavien zu einem schlagkräftigen Weltverband zusammen. Auf dem Eugenik-Weltkongress 1932 sorgte Harriman dafür, dass der deutsche Eugeniker Ernst Rüdin zum Vorsitzenden des Weltverbandes gewählt wurde.

Während sich Averell Harriman um die Verbesserung der menschlichen „Rasse“ kümmerte, arbeitete ein anderer „Skull and Bones“-Patriarch an der Beeinflussung des Bewusstseins der Massen. Henry Robinson Luce baute nacheinander Time-Magazine,  Fortune, Life and Sports Illustrated auf. 1923 gibt ihm ein Netzwerk von 72 Wall-Street-Investoren das nötige Geld, damit Luce mit 18 Redakteuren – elf davon Absolventen aus Yale – die erste Nummer von Time starten kann. Harriman war einflussreicher Demokrat, Luce setzte die Macht seiner Presse für die Republikaner ein.

Den Erfolg jener Eliteherrschaft sichern diskrete Operationen, die – an Legislative, Exekutive und Judikative vorbei – entscheidende Weichen stellen. Es verwundert in diesem Zusammenhang nicht, dass der elitäre Campus der Yale-Universität einen idealen Nährboden für die CIA hergab. Durchgeistigte Lyriker wie James Jesus Angleton oder Cord Meyer verließen die Redaktionsklause ihrer poetischen Campuszeitung Yale Lit, um in Europa mit „dirty tricks“ linke Milieus aufzumischen. Yale-Geschichtsprofessor Gaddis Smith beschreibt die innere Beziehung zwischen Yale und CIA:

„Yale hat die CIA stärker beeinflusst als irgendeine andere Universität. Das gibt der CIA bisweilen den Charakter eines Klassentreffens.“

 

Parallelregierung

 

Einen Gipfelpunkt in der Umgehung demokratischer Kontrollinstanzen erklomm George Bush senior („Skull and Bones“ 1948, zeitweilig CIA-Chef). In seiner Eigenschaft als Vizepräsident unter Ronald Reagan ließ er in der eigens für ihn gegründeten Special Situation Group alle Informationsfäden zusammenlaufen. Sogar der Nationale Sicherheitsrat wurde zur Akklamationsinstanz degradiert. Über die Special Situation Group führte Bush ein Regiment, dessen Konturen bruchstückhaft in der Iran-Contra-Affäre sichtbar wurden. Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses für Geheimdienste, der Demokrat David Lyle Boren („Skull and Bones“ 1963) nannte die Machtmaschine von George Bush sen. eine „Parallelregierung“.

Das provokante Vorgehen von George Bush ist schuld daran, dass die Öffentlichkeit auf „Skull and Bones“ aufmerksam wurde. Als Bush Präsident werden wollte, fragte 1988 die Washington Post: „Hat der Vater von George Bush ein Grab geschändet?“ Papa Prescott Bush brach nämlich 1919 mit einigen seiner Corpsbrüder als „Skull and Bones“-Stoßtruppe mitternächtlich auf einen Friedhof ein und entnahm dem Grab des Apachenhäuptlings Geronimo dessen Schädel. Der Schädel wurde sodann als Trophäe in einer Glasvitrine im „Skull and Bones“-Clubheim ausgestellt.

Jene Pietätlosigkeit von Prescott Bush brachte die „Skulls“ den Ruch des Rassismus ein. In der Tat war der Orden lange Zeit der extreme Ausdruck des WASP-Dünkels. WASP steht für „White Anglo Saxon Protestants“. Gemeint sind die weißen anglophilen protestantischen Geldaristokraten von der Ostküste, deren Vorfahren tunlichst schon auf der „Mayflower“ mitgefahren zu sein hatten.

Die Kolportage der Washington Post traf nicht ganz ins Schwarze. Denn George Bush senior erkannte als einer der Ersten im WASP-Lager, dass demographische Umschichtungen zuungunsten der weißen Protestanten die Mehrheitsfähigkeit seiner Machtbasis über kurz oder lang obsolet machen könnten. So kam es zu einer ethnischen Öffnung bei den „Skull and Bones“. Seit geraumer Zeit soll es bei dem Schädelorden Afroamerikaner, Homosexuelle und Frauen als willkommene Mitglieder geben.

 

Kerrys Zickzackkurs

Sind die „Skull and Bones“ möglicherweise politisch gar nicht  rechts orientiert? Sie sind sowohl bei den Demokraten als auch bei den Republikanern vertreten. Der mächtige Henry Stimson diente demokratischen wie republikanischen Präsidenten als                Minister. Der Nationale Sicherheitsberater von John F. Kennedy hieß McGeorge Bundy. Auch er ein „Skull“.

Der typische „Skull and Bones“-Aktivist kann in seinem Leben wechselweise Diplomat, Geheimagent, Minister, Wirtschaftsboss  oder Universitätsdekan sein. William Sloane Coffin („Skull and Bones“ 1948) wechselte gar von der Kanzel zum Agentenauto und zurück: „Nach einem Jahr auf dem Union Theological Seminary schien sich ein Krieg mit der Sowjetunion anzukündigen, und nun wechselte ich doch zur CIA, weil ich in diesem Krieg von Nutzen sein wollte.“ Der Krieg fiel gottlob aus, und in den 1960er Jahren profilierte sich Coffin als engagierter Vietnamkriegsgegner.

Und traf da gewiss auch John Kerry. Damals warf Kerry als dekorierter Vietnamkriegsveteran seine Orden ins Wasser. Frustrierte Veteranen folgten seinem Beispiel. Erstaunlicherweise fotografierte ein Reporter in Kerrys Haus genau diese Kriegsorden: Sie hingen algenfrei an der Wand. Warum Kerry als Senator gegen den ersten Golfkrieg, aber für Golfkrieg zwei optiert hat, weiß nur er allein. Kerrys Zickzackkurs in allen wichtigen Fragen der Politik ist hinlänglich bekannt. Verheiratet war er übrigens zunächst mit der geschiedenen Frau eines „Skull and Bones“-Mannes, bevor er Teresa Heinz, die milliardenschwere Witwe des Ketchupkönigs John Heinz („Skull and Bones“ 1931) ehelichte.

John Kerry wird gewiss niemals in seinem Leben einen Corpsbruder in Schwierigkeiten bringen. Weder Vater noch Sohn Bush. Als Senator saß er zusammen mit seinem republikanischen Kollegen Hank Brown einem Untersuchungsausschuss vor. Der Ausschuss sollte ermitteln, ob Regierungsstellen oder Geheimdienste unerlaubte Aktivitäten der pakistanischen Bank und Geldwaschanlage BCCI gefördert oder gedeckt hatten. Der Bericht ist lesenswert. Er beschreibt, wie CIA, der englische SIS, Zentralbanken, Waffen- und Drogenhändler, Warlords und BCCI zu einer einzigen globalen Firnisschicht verwachsen waren, und wie die US-Regierung mit billigen Tricks den Ausschuss daran hinderte, relevante Dokumente einzusehen. Kerry und Brown pickten sich Donald Regan und Oliver North als Hauptbösewichte der US-Regierung heraus. Der Mann, auf dessen Special Situation Group alle Fäden zulaufen, bleibt ausgespart: George Herbert Walker Bush.

Da der Kerry-Brown-Bericht erst im Dezember 1992, also einen Monat nach der Präsidentenwahl, herauskam, nützte er George Bush leider nicht mehr. Aber keine Sorge. Denn Bush-Bezwinger William Clinton wurde von Winston Lord („Skull and Bones“       1959), seinem stellvertretenden Außenminister, gut beraten.

Und nach der achtjährigen Bush-Pause sind aktuell zwei weitere „Skulls“ im Kabinett vertreten: Edward McNally als Chefberater im neugeschaffenen Heimatschutzministerium sowie Robert McCallum als stellvertretender Justizminister. McCallum ist sogar ein „Skull“-Jahrgangskamerad von George Bush junior.

Offenkundig hat die neue Offenheit der WASPs gegenüber andersethnischen Privilegsanwärtern die Position der weißen Efeu-Liga noch gestärkt. Denn bei den Vorwahlen der Demokraten im letzten Winter kamen mit John Edwards, Howard Dean, Joe Liebermann und John Kerry gleich vier Aspiranten auf das Präsidentenamt aus –

Sie haben es erraten: aus Yale.

Ex-Bundespräsident Herzog als Propagandist der Bertelsmann-Stiftung – Die Hintergründe der berühmten „Ruck-Rede“

De „Mortuis nihil nisi bene“ – so sagten die antiken Römer: Über Verstorbene soll man nichts außer Gutes sagen. Zweifellos verdienen Verstorbene einen besonderen Respekt schon deswegen, weil sie nicht mehr widersprechen und sich auch nicht gegen Verleumdungen wehren können.

Es ist aber nichts Ehrenrühriges darin zu sehen, den verstorbenen ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog realistisch darzustellen. Es besteht die Gefahr, dass über den Nimbus des Ahnenschutzes die überaus ambivalente Rolle der berühmten „Ruck-Rede“ von Roman Herzog erneut marktradikale Propaganda unhinterfragt in das kollektive Bewusstsein der deutschen Bevölkerung gerieselt wird.

Deswegen sei als Gegengewicht gegen die einseitige Wertung der „Ruck-Rede“ durch die Mainstream-Medien ein kurzes Zitat aus dem Buch „Die Macher hinter den Kulissen“ an dieser Stelle eingeflochten:

„Wir können gar nicht erschöpfend alle Bereiche aufzählen, in denen die „Krake Bertelsmann“ ihre Fangarme ausgebreitet hat. Im Gesundheitswesen ist das Centrum für Krankenhaus Management zu nennen, das die Privatisierung von Krankenhäusern begleitet, so z.B. die Zusammenfassung der Universitätskliniken von Marburg und Gießen, um sie auf den Verkauf an den Konzern Rhön-Klinikum vorzubereiten. Das Forum demographischer Wandel macht sich Sorgen, wer morgen noch unsere Sozial- und Gesundheitsleistungen bezahlen soll, um als Ausweg aus der wahrgenommenen Krise die privaten Versicherer ins Gespräch zu bringen. Das lohnt sich, wie wir schon an anderer Stelle erörtert haben: es gilt, 90% des deutschen Marktes den öffentlichen Trägern zu entreißen und den privaten Anbietern zuzuführen.

            Bereits 1992 hatte sich Reinhard Mohn bemüht, seine Bertelsmann-Stiftung in die transatlantischen Netzwerke einzubringen. Mohn lud Größen des transatlantischen Wanderzirkus wie Henry Kissinger, Carl Bildt, Vaclav Klaus oder Jaques Delors standesgemäß ins Gästehaus der Bundesregierung auf dem Petersberg bei Bonn ein. Als Türöffner hatte Mohn die früheren Kohl-Berater Horst Teltschik sowie den Politologen Werner Weidenfeld unter Vertrag nehmen können.

Anlässlich des fünfundsiebzigsten Geburtstags des großen Bertelsmann-Vorsitzenden Reinhard Mohn fand 1996 ein Gipfeltreffen gleichgesinnter Stiftungen statt. In diesem Treffen dokumentierte sich bereits die enorm angewachsene Bedeutung privater Stiftungen. Die Stifter strotzten vor Selbstbewusstsein:

 

In einer Zeit, in der die staatliche Tätigkeit zum Lösen sich zuspitzender gesellschaftlicher Probleme wegen sozialer Blockierungen nachlässt, können und müssen operative Stiftungen als konzentrierte Form bürgergesellschaftlichen Engagements unparteiische und sachgerechte Lösungskonzepte erarbeiten und sie in ausgewählten gesellschaftlichen Problemfeldern verwirklichen.“

 

Das verräterische Wort „wegen sozialer Blockierungen“. Der Staat kommt nicht weiter, weil ihm soziale Kräfte wie die Gewerkschaften und Sozialverbände im Wege stehen. Die Ansage ist eindeutig: Stiftungen müssen den Sozialabbau in die Hand nehmen, weil auch die Regierung Kohl zögert, Segmente ihrer Wählerklientel durch soziale Kälte zu verprellen. Da müssen eben Institutionen her, die nicht dem Souverän der Demokratie, dem Volk, verpflichtet sind. Und da ist ein Instrument wie das Bertelsmann-Konglomerat aus Medienkonzern und Stiftung mittlerweile stark genug, um diese Schergenarbeit zu leisten.

Und wenn man den Kanzler noch nicht für sich einspannen kann – Bundespräsident Herzog lässt sich willig einspannen für die Bertelsmänner. In Herzogs Amtssitz in der Villa Hammerschmidt sitzt bereits der Angestellte der Bertelsmann Stiftung, Michael Jochum. Mit eigenem Schreibtisch im Präsidentenpalais. Angeblich soll er aus nächster Nähe für ein Buch über Roman Herzog recherchieren. Dafür braucht der Bertelsmann Jochum vier Jahre. Herauskommt aber nur eine schmale Broschüre über Bundespräsidenten im Allgemeinen. Hat Jochum in dieser langen Zeit den Bundespräsidenten mit den Ideen des großen Vorsitzenden Reinhard Mohn geimpft, wie Thomas Schuler <1> vermutet?

Jedenfalls gibt Bundespräsident Herzog den Startschuss für die von Bertelsmann und gleichgesinnten Stiftungen konzipierte Umwandlung der Bundesrepublik im April 1997 standesgemäß im Berliner Adlon-Hotel mit seiner berühmten „Ruck-Rede“. Und Herzog redet, als wär’s ein Stück von Bertelsmann. Da ist die Rede von Pessimismus und Zukunftsangst in Deutschland, während drum herum die Amerikaner und die Ostasiaten lachend die neue Welt aufbauen. Überall in Deutschland bürokratische Hemmnisse, überall in Deutschland „Interessengruppen“, die notwendige Neuerungen blockieren. Lange bleibt das Staatsoberhaupt unverbindlich allgemein, um dann schließlich doch noch zur Sache zu kommen: die Arbeit muss flexibilisiert werden; keine zu wilden Lohnabschlüsse; staatliche Aufstockung von niedrigen Löhnen.

Die geballte Kraft der zwei Herzen schlägt zu: in allen Bertelsmann-Medien wird groß über die Meditationen des Präsidenten lobend berichtet. Sogar Anzeigenseiten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung werden angekauft, in denen die Bertelsmann Stiftung als scheinbar unbeteiligter Zeitzeuge dem Staatsoberhaupt applaudiert.

 

Textauszug aus: Hermann Ploppa: Die Macher hinter den Kulissen – wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern. Frankfurt/Main 2014

Kontakt: liepsenverlag@gmail.com

 

<1> Thomas Schuler: Bertelsmann Republik Deutschland – Eine Stiftung macht Politik. Frankfurt/Main 2010.

Der Dritte Punische Krieg?

Rolf Hochhuth, der Altmeister der politischen Dramatik, legt eine gepfefferte Aufsatzsammlung vor

 

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Foto: A. Savin

Wie sich die Bilder gleichen: in der Antike erkannte das Römische Reich das aufstrebende Karthago als seinen gefährlichsten Konkurrenten um die Vorherrschaft am Mittelmeer. Im so genannten Ersten Punischen Krieg wurden Karthago die Flügel gestutzt. Nach dem Zweiten Punischen Krieg war Karthago geschwächt, funktionierte aber noch als Staat. Nach dem Dritten Punischen Krieg war Karthago nur noch ein Trümmerhaufen. In der Wende zum Zwanzigsten Jahrhundert erkannte der US-Stratege Archibald Coolidge, dass die „energetischen Deutschen“ der gefährlichste Rivale der Weltmachtambitionen der USA sei. Ähnlich sahen es die britischen Geopolitiker Mackinder und Wilkinson. Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland angeschlagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland fest in die Pax Americana eingebunden.

Und jetzt? Das neueste Buch von Rolf Hochhuth trägt den Titel „Ausstieg aus der NATO – oder Finis Germaniae“. Die Alternative ist aus dieser Sicht klar: entweder wir steigen aus dem transatlantischen Kriegsbündnis NATO aus, oder wir gehen in eben jenem Bündnis zugrunde, diesmal final, wie dereinst Karthago: „Allein Deutschlands Ausstieg aus der NATO verhindert Finis Germaniae!“ So schreibt Hochhuth in einem offenen Brief dem Bundespräsidenten und der amtierenden Bundeskanzlerin. In der Tat scheint ein Verbleiben Deutschlands in der NATO dessen Untergang zu bedeuten. Ob in den 1950er Jahren oder im NATO-Manöver „Wintex/Cimex“ im Jahre 1989: bei einer aggressiven Erstürmung Eurasiens durch die Westmächte ist Deutschland als Pufferstaat der kriegerischen Auseinandersetzungen der atomaren Zerstörung ganz selbstverständlich ausgeliefert.

Hochhuth hat allerdings sehr widersprüchliche Erklärungsmuster für das menschenverachtende Kalkül der Westmächte. Früher nämlich waren für den Nestor unter den deutschen Dramatikern die USA die Guten und die Kommunisten die Bösen. Er feiert die US-Truppen als ruhmreiche Befreier der Deutschen vom Joch des Faschismus und blendet dabei aus, dass die US-Konzerne Hitlers Wirtschaft und Aufrüstung maßgeblich gefördert haben und erst in den Krieg eingetreten sind, als die Sowjets Hitler definitiv besiegt hatten. Diese Zweischneidigkeit durchzieht alle Texte in Hochhuths NATO-Buch. Er bewundert Bismarck als Politiker des friedlichen Ausgleichs – und blendet aus, dass Bismarck vom jungen Kaiser Wilhelm II. entlassen wurde, weil er gerade Kreditpakete schnürte für einen neuen Krieg. Hochhuth ist fasziniert von Churchill. Er feiert den Altkanzler Helmut Schmidt und vergisst nur allzu gerne, dass der kantige Hanseat die innere und äußere Aufrüstung massiv vorangetrieben hat.

So ist Hochhuth ein markanter intellektueller Eigenbrötler – das vorliegende Buch zeigt das in allen Facetten. Moralist par Excellence, lebt er noch immer in den 1960er Jahren. Genau auf diese Weise reizt er auf und versetzt der immens eingehegten Denkweise unserer Jetztzeit  empfindliche Nadelstiche.

Hermann Ploppa

Rolf Hochhuth: Ausstieg aus der Nato – oder Finis Germaniae. Katastrophen und Oasen. Essays, Briefe, Gedichte.

Zeitgeist Verlag. 2016

Dazu noch ein Zitat eines anderen großen Dramatikers:

Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.

Bertold Brecht

 

 

Ehemalige Geheimdienstmitarbeiter nennen „Dissidenten-Memorandum“ über Syrien „waghalsig

26.Juni 2016 ‚Consortium News‘

P1020386editDas Außenministerium der USA in Washington DC Photo: By Paco8191 – Own work, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3888788

Eine Gruppe von ehemaligen Mitarbeitern der US-Geheimdienste appelliert an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Barack Obama, der „waghalsigen“ Forderung nach einem weiter ausgedehnten Krieg in Syrien, unterzeichnet von 51 Beamten des Außenministeriums in einer kürzlich veröffentlichten „abweichenden Denkschrift“, entgegen zu treten.

Der Text des Appells:

 

„MEMORANDUM AN:  Mitarbeiter des Präsidenten für Nationale Sicherheitsfragen

ABSENDER: Veteran Intelligence Professionals for Sanity (Ehemalige Mitarbeiter der Geheimdienste für Vernunft)

BETRIFFT: Bitte vom Dissidenten-Memorandum aus dem Außenministerium Abstand nehmen

 

Abweichende Meinungen und Widersprüche innerhalb der Bürokratie von Außenpolitik und Nationaler Sicherheit gelangen nur in die öffentliche Wahrnehmung, wenn tiefe und grundlegende Meinungsverschiedenheiten über Ausführung und Ziele einer möglichen Politik der USA auftreten. Beispiele solcher Meinungsunterschiede kamen ans Licht während des Vietnamkriegs und sind immer wieder aufgetaucht, zum Beispiel während des Krieges der Contras in Zentralamerika in den 1980er Jahren sowie im Kalten Krieg mit der Sowjetunion. Jetzt können wir durchaus auch Syrien in diese Liste mit aufnehmen.

Die neueste Medien-Aufregung kam mit der Enthüllung, dass 51 „Diplomaten des Außenministeriums“ einen Brief mit abweichender Meinung unterzeichneten, mit der Aufforderung, die direkte Bombardierung Syriens in die Überlegungen mit einzubeziehen als Mittel, dieses Land zur Unterwerfung unter die Diktate unserer Regierung zu zwingen. Die Mitarbeiter im Auswärtigen Dienst der Vereinigten Staaten stellen eine Auswahl bestens ausgebildeter Personen dar, die darauf stolz sind, ein Examen im Auswärtigen Dienst absolviert zu haben. Jetzt jedoch finden sich selbst unter diesen „hervorragenden Persönlichkeiten“ Individuen, die sich für ihre Karriere profilieren und dem Druck nachgeben, geheimdienstliche Informationen politisch zu instrumentalisieren.

Unseligerweise fordern die Unterzeichner der abweichenden Meinung, dass die USA eine Drohkulisse aufbauen, und wenn dieser Bluff auffliegt, auch tatsächlich Akte eines offenen, aggressiven Kriegs gegen die Streitkräfte einer souveränen Nation auf deren eigenem Territorium durchzuführen. Ein Unterstützer dieses Landes ist Russland, die andere atomare Großmacht.

Dieser Gedankenstrang – dass es nämlich Amerikas Recht und Pflicht ist, Tod und Verderben in großer Dimension zu bringen, um den Willen seiner Führer über andere Völker zu vollstrecken – ist ein Teil der verhängnisvollen Auffassung, dass die USA einzigartige Vorrechte genießt als das „ einzige unverzichtbare Land auf dieser Erde“. Wenn dies jemals eine vertretbare legitime Position gewesen sein sollte, dann ist diese Zeit schon lange vergangen – und heutzutage macht das die Vertreter dieser Positionen offenkundig unzugänglich für den gesunden Menschenverstand.

Diese Denkweise ist nicht neu. Theodore Roosevelt machte diese Gedanken populär, als wir in den Krieg zogen, um spanische Gebiete auf den Philippinen und in der Karibik zu annektieren – auf Kosten des Lebens von über einer halben Million Einwohner jener Gebiete – vor mehr als einem Jahrhundert. Wir erlebten es gehäuft mit den ‚Besten und Begabtesten‘  – jene, die verantwortlich waren für die Zerstörung Vietnams. Drei Millionen Menschen starben in jenem Krieg (nach Aussagen des damaligen Verteidigungsministers Robert McNamara), sowie weitere zwei Millionen Menschenleben auf den diversen Nebenschauplätzen in Indochina. Nach diesem Massaker und dem Tod einer ganzen Reihe seiner eigenen Soldaten erlitten die USA eine vollständige und demütigende Niederlage, die ihre Außenpolitik bis auf den heutigen Tag überschattet. Ihre schlauen Nachfolger unterstützten den Angriff auf den Irak im Jahre 2003, ein Auslöser für den Gewaltausbruch, der Millionen von Menschen den Tod brachte – wieder einmal – im Irak, Syrien, Libyen, Jemen, Somalia und anderen Orten in der Nachbarschaft, von denen wir möglicherweise noch lesen werden. Diese Aggression hat Millionen weiterer traumatisierter Flüchtlinge hervorgebracht.

Dieses Memorandum, von dem ein Auszug der New York Times (und dem Wall Street Journal) zugespielt wurde, vermutlich von einem Mitarbeiter des Außenministeriums, der es mit verfasst hat, behauptet, die amerikanische Politik sei durch die unerbittliche Gewalt in Syrien ‚überwältigt‘ worden und fordert einen ‚angemessenen Einsatz von Distanzwaffen und Luftwaffe, um eine gezieltere und härtere Gangart im diplomatischen Prozedere untermauern und vorantreiben zu können.‘ Weiterhin heißt es in der New York Times:

 

„Die Beamten des Außenministeriums schrieben in ihrem Memorandum, dass die fortwährenden Verletzungen des teilweisen Waffenstillstands durch die Regierung Assad, offiziell bekannt als Beendigung der feindseligen Handlungen, das Schicksal der Bemühungen zur Aushandlung einer politischen Vereinbarung besiegelt, weil Mister Assad keinen Druck verspürt, mit der gemäßigten Opposition oder anderen Fraktionen, die ihn bekämpfen, zu verhandeln. Es wird gesagt, dass der Abwurf von Fassbomben auf Zivilisten die grundlegende Ursache der Instabilität darstellen, die Syrien und die umliegende Region im Griff hält.“

„Das Memorandum gibt zu, dass militärische Aktionen auch ihre Risiken in sich bergen, nicht das geringste davon ist das Risiko verschärfter Spannungen mit Russland, das zugunsten Mister Assads in den Krieg eingriff im letzten Herbst. Nachfolgend half Russland, den Waffenstillstand auszuhandeln. Diese Spannungen nahmen zu am letzten Donnerstag, als  nach den Aussagen eines höheren Pentagon-Beamten, Russland Luftschläge im südlichen Syrien gegen von den USA unterstützten Streitkräften ausführte, die den Islamischen Staat bekämpfen.“

Die Vertreter des abweichenden Votums waren clever genug zu behaupten, dass sie nicht „eintreten für eine Kurzschlussreaktion, die zu einer militärischen Konfrontation mit Russland führt“, sondern eher für eine glaubwürdige Drohung mit militärischer Aktion „um Mister Assad auf Linie zu bringen“. Das ist leichter gesagt als getan! Die Gruppe der 51 Abweichler schweigen sich über diesen Punkt größter Bedeutung aus.

Die grundlegende Annahme ihrer abweichenden Position besteht darin, dass Assads ‚Fassbombardierungen‘ (gefolgt von Chemiewaffen-Attacken) auf Zivilisten den Bürgerkrieg in Syrien ausgelöst habe. Es trifft zu, dass die Anfangsphase des Syrischen Frühlings weitgehend spontan ausgelöst wurde. Fakten  zeigen jedoch, dass Eindringlinge von außen – in erster Linie die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Türkei, Israel und Saudi-Arabien – zusammenarbeiteten, um das Streichholz zu zünden, das dann die Hölle des Bürgerkrieges brachte. Verborgene Finanzierung und die Bereitstellung von Waffen und anderer materieller Unterstützung für die Oppositionsgruppen gegen die syrische Regierung provozierten eine militärische Reaktion durch Assad – was wiederum einen Vorwand lieferte für unsere verstärkte Unterstützung der Rebellengruppen.

Ein beträchtlicher Bestand an Beweisen legt nahe, dass es die von den USA unterstützten Rebellengruppen waren, die chemische Waffen gegen Zivilisten eingesetzt haben, um dann Assad zu beschuldigen, in einem Propagandafeldzug, um internationale öffentliche Unterstützung für eine offene amerikanische Intervention zu fördern.

In einer breiten Öffentlichkeit wurden die Aktionen gegen Syrien wahrgenommen als Teil eines weiter angelegten Stellvertreterkrieges gegen den Iran, in der Absicht, dessen gewachsenen Einfluss im Mittleren Osten zurückzudrängen. Aber der Aufstieg des Iran als regionale Macht war nicht das Ergebnis eines magischen Zaubers. Er ergab sich als direkte Folge der Invasion der USA im Irak und unserer nachfolgenden Entscheidung, jede Spur der Baath-Partei auszulöschen und irakische schiitische Führer mit engen Verbindungen zum Iran in die leitenden Positionen zu befördern.

Wir haben von daher einen Krieg auf den Weg gebracht und haben dann die Dreistigkeit so zu tun, als seien wir schockiert über die Folgen unserer eigenen Aktionen.

Die abweichenden Mitarbeiter im Außenministerium waren nicht die Ersten, die ins Horn dieser erneuten Public Relations-Schlacht über den Kurs unserer amerikanischen Politik in Syrien stoßen. Das Verteidigungsministerium und die CIA haben sich scheinbar bereits vor zwei Wochen in das Kampfgetümmel gestürzt. Nach einem Bericht  in der Daily Beast befinden sich Verteidigungsministerium und CIA in einer Art von ‚Schaukampf‘.

Zwei Beamte des Verteidigungsministeriums nämlich berichteten dieser Zeitung, dass sie nicht darauf versessen sind, Rebellen in ihrem Kampf in der Stadt Aleppo zu unterstützen, weil man annimmt, dass sie mit Al Kaida in Syrien oder mit Jabhat al-Nusra verbunden sind. Der CIA wiederum, der diese Rebellengruppen unterstützt, weist diese Behauptungen zurück: Zweckbündnisse im Angesicht einer von Russland angeleiteten Offensive hätte Allianzen gestiftet aus purer Notwendigkeit der Schlachtfelder, nicht aufgrund von Ideologie.

„Es ist schon befremdlich, dass das Verteidigungsministerium russische Propaganda nachbetet.“, bemerkte ironisch ein US-Beamter, der die Position der Geheimdienstgemeinde unterstützt, über die Behauptungen des Pentagon, dass die Opposition und al-Nusra ein und das selbe seien.

Die Geheimdienstszene, die Oppositionstruppen in Aleppo unterstützte, glaubt, dass ISIS nicht besiegt werden kann, solange wie Assad an der Macht ist. Die Terrorgruppe, so sagen sie, gedeiht in instabilen Gebieten. Und nur lokale Streitkräfte – nämlich diejenigen, die von der CIA gedeckt werden – könnten die Bedrohung abmildern.

„ Der Status der Opposition im Angesicht ist stabil im Angesicht der abscheulichen Angriffe durch die syrischen und russischen Streitkräfte“, erklärte ein Geheimdienstoffizier in Daily Beast, „Der Sieg über Assad ist eine notwendige Vorbedingung um ISIS endgültig zu besiegen. So lange wie ein gescheiterter Führer in Damaskus herrscht, und so lange Syrien ein gescheiterter Staat ist, verfügt ISIS über eine Ausgangsbasis. Man kann mit ISIS nicht umgehen, solange man einen gescheiterten Staat vor sich hat.“, stellte der US-Beamte fest.

Dieser ungenannte Beamte übersieht bequemerweise die Tatsache, dass die USA aggressiv daran arbeitet, das Scheitern Syriens zu erleichtern. Wir sind irritiert. Nach fünfzehn Jahren schriller Rhetorik, dass wir einen Krieg gegen Al Kaida führen, sind wir nun in der vollen Kehrtwendung zu erleben, dass der CIA und ein beachtlicher Block innerhalb des Außenministeriums sich dafür stark machen, eine der Al Kaida nahestehende Gruppe auszurüsten und auszubilden.

Es ist unmöglich zu entscheiden, ob oder ob nicht das Ausbrechen dieser Diskussion ein Schlag in das Gesicht von Präsident Obama darstellt, einfach deswegen, weil der Präsident den Sturz von Assad zu unterstützen schien, dann jedoch zurückschreckte vor dem Abgrund, ihn mit militärischen Mitteln aus dem Amt zu jagen.

Der Einfluss Saudi-Arabiens bei der Unterstützung, den ‚Regimewechsel‘ anzustoßen und voranzubringen in Syrien kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Saudis haben Berichten zufolge auch bedeutende Geldbeträge in Kernbereiche der US-amerikanischen Außenpolitikszene gepumpt und haben offensichtlich beträchtlichen Einfluss auf unsere nationale Sicherheitspolitik gewonnen. Weitere Beweise kommen ans Licht, dass die Saudis erhebliche Summen an die Clinton-Stiftung gegeben haben.

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Kronprinz Mohammed bin Salman

Ein aktueller Bericht  auf der Webseite der Petra News Agency (der später wieder entfernt wurde, was mit einem „Hackerangriff“ begründet wurde) wirft einige ernste Fragen auf. Am Sonntag erschien ein Bericht auf jener Webseite mit exklusiven Kommentaren des saudischen stellvertretenden Kronprinzen Mohammed bin Salman. Die Kommentare beinhalteten die Behauptung, dass Riad zwanzig Prozent des gesamten Etats der voraussichtlichen Präsidentschaftskandidatin beigesteuert hat. Obwohl dieser Bericht nicht lange auf der Webseite blieb, veröffentlichte das in Washington ansässige Institute for Gulf Affairs später eine Version in arabischer Sprache, die Prinz Mohammed zitiert mit den Worten, Saudi-Arabien habe ‚voller Begeisterung‘ einen nicht genauer genannten Geldbetrag an Clinton gezahlt.

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Hillary Clinton im Sold saudiarabuscher Extremisten? Foto: Gage Skidmore – Flickr

 

Unter dem Gesichtspunkt von Hillary Clintons energischem Eintreten für eine Flugverbotszone in Syrien, die uns auf das Gleis einer vorangetriebenen Intervention in Syrien sowie einer militärischen Konfrontation mit den Russen setzen würde, ist es da nicht naheliegend sich zu fragen, ob die saudischen Spenden einen Einfluss auf die Richtung der US-Politik in Syrien und die Unterstützung der Rebellengruppen hat?

Alles in allem stellt das neueste Memorandum der 51 Beamten des Außenministeriums ein weiteres alarmierendes Anzeichen für das Chaos und die Unfähigkeit des außenpolitischen Apparates der USA dar. Man bedenke, die meisten ihrer Kinder und Enkelkinder werden nicht in den militärischen Einheiten sein, die aufgerufen werden, diesen Krieg zu führen. Sie sind einfach zu clever und zu ‚wertvoll‘, um sich in solchen lächerlichen Anstrengungen zu engagieren. Deswegen wurde eine so genannte ‚Freiwilligenarmee‘ rekrutiert, bevölkert von ‚Freiwilligen‘ –hauptsächlich aus den Armenvierteln und den Provinzstädten unseres Landes, wo Jobs und Ausbildungsmöglichkeiten eher dünn gesät sind.

Dieser nahezu beispiellose Brief von 51 gut motivierten Falken aus dem Außenministerium stellt ein alarmierendes neues Beispiel für die waghalsige Richtung dar, in die uns die gut aufgestellten Elemente des außenpolitischen Apparates der USA zu ziehen versuchen. Von daher appellieren wir an Sie, als Berater des Präsidenten für Nationale Sicherheit, Obama dabei zu unterstützen, Rückgrat zu zeigen und eine solche institutionelle Destruktivität und die Unordnung und den Wettbewerb der Bürokraten innerhalb dieses ‚Teams von Rivalen‘ zu beenden. Wenn es die 51 ernst meinen mit ihrer Parteinahme für ein ‚lass uns mehr von dem Gleichen versuchen, aber ein bisschen härter‘, dann könnten wir erwarten, dass sie die persönlichen Risiken akzeptieren, die verbunden sind damit, Bashar al-Assad mit ‚Distanzwaffen‘ oder ‚Nahkampfwaffen‘ zu schlagen. Dies könnte sie anfangs mit einem Gefühl der Bestätigung versehen – und später dann könnte es ihnen eine Lehre sein.

Deutsche Übersetzung: Hermann Ploppa

Für die Lenkungsgruppe der Veteran Intelligence Professionals for Sanity (VIPS):

William Binney, former Technical Director, World Geopolitical & Military Analysis, NSA; co-founder, SIGINT Automation Research Center (ret.)

Philip Giraldi, CIA, Operations Officer (ret.)

Matthew Hoh, former Capt., USMC, Iraq & Foreign Service Officer, Afghanistan (associate VIPS)

Larry Johnson, CIA & State Department (ret.)

Michael S. Kearns, Intelligence Officer, USAF (ret.); former Master SERE Instructor.

John Kiriakou, Former CIA Counterterrorism Officer and former Senior Investigator, Senate Foreign Relations Committee

Karen Kwiatkowski, former Lt. Col., US Air Force (ret.), at Office of Secretary of Defense watching the manufacture of lies on Iraq, 2001-2003

Edward Loomis, NSA, Cryptologic Computer Scientist (ret.)

David MacMichael, National Intelligence Council (ret.)

Ray McGovern, former US Army infantry/intelligence officer & CIA analyst (ret.)

Elizabeth Murray, Deputy National Intelligence Officer for Near East, CIA and National Intelligence Council (ret.)

Todd E. Pierce, MAJ, US Army Judge Advocate (Ret.)

Coleen Rowley, FBI Special Agent and former Minneapolis Division Legal Counsel (ret.)

Peter Van Buren, U.S. Department of State, Foreign Service Officer (ret.) (associate VIPS)

  1. Kirk Wiebe, former Senior Analyst, SIGINT Automation Research Center, NSA

Ann Wright, Col., US Army (ret.); Foreign Service Officer (resigned in opposition to launching of Iraq War)

Weiterführende Literatur:

Karin Leukefeld: Flächenbrand. Syrien, Irak, die arabische Welt und der Islamische Staat. Köln 2015

Tim Anderson: Der Schmutzige Krieg gegen Syrien. Marburg 2016.

 

 

 

Viel Papperlapapp um Panama-Papiere?

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Quelle: Leon Petrosyan

Der Spieß wird umgedreht: die Finanzeliten und ihre transatlantischen Netzwerke enthüllen, um noch mehr zu verhüllen. Schuld sind immer die anderen …

Panama-Papers: große Aufregung, ein Wirbel von Vermutungen und Verdächtigungen – dabei wird es vermutlich Jahre dauern, bis das Konvolut wirklich seriös ausgewertet ist – gesetzt der Fall, es besteht ein ehrliches Interesse an einer solchen seriösen Auswertung. Schaut man auf die marktschreierische Seite „panama papers“ der Süddeutschen Zeitung
dann erkennt man eine seltsame proamerikanische Gewichtung in der optischen Ausgestaltung mit den Gesichtern der angeblichen Protagonisten. Ich meine jedenfalls in diesem Schauer-Bestiarium den russischen Präsidenten Wladimir Putin als Zentralfigur zu erblicken, um den sich, zumindest optisch, alles dreht. Er hat seine Arme verschränkt. In der Körpersprache eine eher dubiose, mafiose Geste, oder? Dann sehe ich links hinter ihm Herrn Assad. Und rechts, der mit dem Stoppelbart – wer soll das sein? Ahmadinedschad? Der kommt aber im Textteil gar nicht vor. Vorne schließlich, nachdenklich, der Laufbursche der USA, der ukrainische Präsident Poroschenko, Putin hat einen engen Freund, der hat bei der panamaischen Firma viel Geld gebunkert. Und Assad? Sein Vetter kommt auch in den Papers vor. Keine Frage: die marktradikale Weltrevolution und -verwüstung hat überall kriminelle Seilschaften gefördert und die integren Leute weggebombt und -geschossen. Jetzt sind alle Großnasen sieser Welt jederzeit käuflich und erpressbar. Auf dem Gemälde der SZ findet sich seltsamerweise nicht David Cameron, obwohl der durch seinen Vater und dessen Verstrickung genauso tief verwickelt ist. Und, peinlich, der neue argentinische Präsident und US-Laufbursche, ist das der da ganz links? Was ist mit der Bush Sippe, den Clintons?

Die Kriegspropaganda geht in eine neue aggressive Phase: ein Propagandaschinken aus US-Fertigung versucht das Leid der Menschen in der Dritten Welt indirekt Putin zuzuschieben. Anstatt sich mal an die eigene Nase zu fassen, werden hier in unübertrefflich einseitiger Manier alle Faktoren ausgeblendet, die auf die USA, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland zurückzuführen sind:
Es sieht so aus, als wenn man jetzt der demokratischen Öffentlichkeit eine ihrer letzten Mittel, nämlich das Veröffentlichen von Whistleblowing, pervertieren und umdrehen will. Schlau Schlau …

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Na, welche Milliardenbeträge werden hier denn gerade verschoben?

Politiker-Versteher im Raumschiff Berlin

Warum kommen die Gedanken der Menschen draußen im Lande in den Medien so selten vor?

            Uwe Krüger hat in seinem neuen Sachbuch „Mainstream“ einige Antworten parat

Eine Buchbesprechung von Hermann Ploppa

MainstreamDereinst waren die Menschen draußen im Lande voll des Lobes über unsere deutsche Qualitätspresse. Was sagt Henri Nannen diese Woche wieder im Stern über den Politiker X? Und wie beurteilt Rudolf Augstein die neueste Enzyklika des Papstes? Kein Priesterwort von der Kanzel hatte so viel Gewicht wie Theo Sommers Ansichten zur Ostpolitik.

Und heute? Die Menschen schäumen. „Lügenpresse“, Gleichschaltung! Die Presse ist nur noch ein peinliches Ärgernis. Der Leipziger Medienwissenschaftler und Politologe Uwe Krüger hatte bereits in seiner Doktorarbeit <1> Beziehungsgeflechte zwischen proamerikanischen Netzwerken in Deutschland, die man auch weniger freundlich als Seilschaften bezeichnen kann, und den leitenden Redakteuren deutscher Premium-Zeitungen aufgedeckt, und die Auswirkungen dieser Bindungen auf Inhalte eben jener Premium-Zeitungen untersucht. Jetzt wendet sich Krüger an die Menschen draußen im Lande mit seinem Sachbuch „Mainstream“. Mit dem Untertitel dieses Buches verlässt er das Katheder und stellt sich mitten unter das Volk: „Warum wir den Medien nicht mehr trauen.“ Also auch Doktor Uwe Krüger traut den Medien nicht mehr? Wie ist denn heute unser Befinden bezüglich unserer Medien?

In der Sache gibt Krüger der schäumenden Masse Recht: in der Ukraine-„Krise“ war die Performance der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten sowie der Boulevard- und Premium-Presse erbärmlich. Fakten wurden regelrecht gefälscht, Vergleiche humpelten, Verurteilungen wurden vorschnell ausgesprochen. Zum Teil mussten die Medien allerdings zurückrudern. Einsicht oder gar Anzeichen von Besserung hin zu solider Recherche wurden jedoch weder in die Wege geleitet noch in Aussicht gestellt. Stattdessen pulverten die Medien zurück mit Verschwörungstheorien: die Medienkritiker seien Trolle, eine fünfte Kolonne Moskaus.

Das geht nun gar nicht, findet Krüger. Aber hilft es uns weiter, unserer Wut nachzugeben, indem wir diese Meinungsmaschine als Lügenpresse und gleichgeschaltet beschimpfen? Krüger ist Wissenschaftler, und so wundert es nicht, dass er diese Schaumwörter als analytische Werkzeuge verwirft. Recht hat er. Denn es ist natürlich nicht so, dass ein Bundespropagandaminister morgens die Chefredakteure antreten lässt, damit diese dann Befehle entgegennehmen, was sie heute gefälligst zu schreiben haben. Die Maschinerie der Wirklichkeitserzeugung im Sinne der Mächtigen und Reichen ist ein fein gesponnenes Gewebe. Nur Ausgeruhtheit und ein Stück Einfühlungsvermögen in das Innenleben der Medien hilft weiter.

Und so benutzt Krüger den Anglizismus „Mainstream“. Zu Deutsch: Hauptströmung. Dass neben der medialen Hauptströmung aus konkurrierenden Rinnsalen mittlerweile respektable Flüsse alternativer Medien angeschwollen sind, hat sich die Hauptströmung selber zuzuschreiben. Krüger erklärt, warum das so ist. Zunächst mal: It takes two to Tango. Im Beziehungsdrama zwischen Medien und ihren Nutzern müssen sich bisweilen beide an die Nase fassen. Indem Krüger die Rezipienten der Medienerzeugnisse als Nutzer bezeichnet, wertet er diese schon einmal auf. Der Begriff Nutzer betont das interaktive Element, und nimmt dem Rezipienten seine passive Rollenzuweisung. Also, der Nutzer urteilt bisweilen zu pauschal, und wenn er in Foren die Redakteure grob beschimpft, besteht wenig Aussicht auf Besserung. Zum anderen sind Nutzer oft eingeschnappt. Es gibt da einen so genannten „Hostile-Media-Effect“: Leser interpretieren einen Text allzu oft so, als würde der Text die gegnerische Position bevorzugen, was oft genug aber gar nicht der Fall sei.

Nun zu den Mainstream-Medien. Die Grundhaltung der herrschenden Medien kann man als paternalistisch bezeichnen. Ganz im Sinne des Chefideologen des New Yorker Council on Foreign Relations, Walter Lippmann, denken die Elite-Journalisten: das Volk ist dumm und kann so komplexe Dinge wie Außen- oder Sicherheitspolitik gar nicht begreifen. In diesem Sinne lobte die Politikerin der Grünen Marieluise Beck die Presse: „Die Printmedien halten sich wacker.“ Sie würden der in der deutschen Bevölkerung vorherrschenden Russophilie tapfer die Position der NATO entgegenhalten. Diese Art von „Volkspädagogik“ (Krüger) kann man jedoch Menschen nicht mehr zumuten, die sich durch den aufgeklärten Gebrauch des Internets unterschiedliche Quellen für ihr Urteil nutzbar machen. Mit anderen Worten: das Informations- und Deutungsmonopol der Mainstream-Medien ist durch die Einführung des Internets gebrochen. Die Volkspädagogen können nicht so selbstherrlich dozieren wie früher.

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Aus den Glanzzeiten der Presse: Rotationsdruck 1860

Weiter: die Mainstream-Medien leiden an Ausblutung. Die Einnahmequellen der Printmedien sind dramatisch weggebrochen. Stellen werden gestrichen. Recherche ist Luxus. Faktenüberprüfung auch. Als ein Spaßvogel dem sagenhaften Baron von und zu Guttenberg bei Wikipedia den Vornamen Wilhelm andichtete, übernahmen alle Mainstream-Erzeugnisse diese Falschinformation. Auf dem schmaler werdenden Printmarkt kann eine Zeitung nur wachsen, wenn eine andere Zeitung dafür schrumpft. Im erbarmungslosen Wettkampf um Aufmerksamkeit müssen die Nachrichten immer schriller, immer holzschnittartiger werden, um die fluktuierenden Käufer zu binden. So erklärt Krüger die perfide Demontage des Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff mit einem Mangel an packenden Themen, weshalb man den Wulff dem blutrünstigen Publikum durch ein sensationshaschendes Aufregungsmanagement geopfert habe. Krüger blendet aus, dass sich Wulff durch deutliche Worte vom Euro-Rettungsschirm distanziert hatte. Zu mühsam ist der Aufbau eines transatlantischen Retorten-Politikers, um ihn dann mal eben bloß wegen sinkender Auflagen durch Diffamierungen öffentlich zu schächten.

Mit der Aushungerung der Redaktionen korrespondiert eine Aufblähung der Public-Relations-Branche. Also einer Art redaktionell daherkommender Werbeindustrie. Mehr Leute arbeiten mittlerweile in Public-Relations als in den Redaktionen. Redaktionen übernehmen die pressetauglichen PR-Artikel, und auch von der Struktur her gleichen sich redaktionelle Beiträge immer mehr den PR-Texten an. Kurz und schrecklich: Presse wird Werbung.

Krüger referiert immer wieder Erkenntnisse aus der Medienforschung. Zum Beispiel das Phänomen: Indexing. Journalisten orientieren sich in der Auswahl ihrer Themen und ihrer Positionen an Vorgaben aus Parlament und Regierung. Oder gar nur an Vorgaben der Exekutive: Power-Indexing. Ja, und wenn wir nun faktisch in Berlin auf einen großen Konsens aller im Bundestag vertretenen Parteien zusteuern, dann verengt sich entsprechend auch die Themenpalette der Presse. Eine inzestuöse Tendenz, die für die Mainstream-Medien letal ausgehen wird. Verstärkt wird diese Inzucht noch durch die von Krüger so genannte „Verantwortungsverschwörung“: Wer in Berlin dabei sein will, wenn die mächtigen Politiker in informeller Runde ihre nächsten Schachzüge preisgeben, der muss immer schön nett sein und nichts vorzeitig verpetzen. Sonst ist er schnell draußen und hat keine Top-Stories mehr zu verkaufen. Der vereinnahmte Journalist wird Teil der Regierungsmaschine und fühlt sich für deren reibungsloses Funktionieren persönlich verantwortlich. Er gehört jetzt zur ständigen Besatzung im „Raumschiff Berlin“ als „Politiker-Versteher“. Es ist auch unwahrscheinlich, dass in diese elitären Runden ein Mensch gelangt, der „nicht dazu passt“. Nachweislich stammen die Alpha-Journalisten aus gesettelten gutbürgerlichen Familien, bringen von dort ihren elitären Habitus mit, und sind zudem von transatlantischen, also proamerikanischen Netzwerken angelernt und in ihre Stellungen gehievt worden.

Ist ein solcher dekadenter Mainstream überhaupt noch zu retten? Wollen wir mit diesem Milieu überhaupt noch etwas zu tun haben? Oder wollen wir uns lieber gleich scheiden lassen? Nun, anscheinend hat der Lektor Herrn Krüger gebeten, doch  noch ein versöhnliches happy end seine Analyse abschließen zu lassen. Und so kommt als Deus ex machina von Krüger der wenig aufregende Rat, doch die verstreut noch vorhandenen Beiträge in den Mainstream-Organen zu würdigen und auf Facebook oder anderswo zu teilen. Da stellt sich die Frage: wenn sich schon so eine spannende alternative Medienkultur herausgeschält hat, die auf so viele Fragen, die uns bewegen, neue unorthodoxe Antworten bereithält, warum sollen wir dann zum Muff des inzestuösen Mainstreams reumütig zurückkehren? Die Frage erübrigt sich von selber, weil die ökonomischen und geopolitischen „Sachzwänge“ es ausschließen, dass die Mainstream-Medien eine echte Läuterung noch vollziehen könnten. Zu spannend, zu sexy ist die Aussicht auf eine neue Medienwelt, in der Anbieter und Nutzer miteinander gleichberechtigt interagieren.

Das mal beiseite: Krügers Buch sollte man lesen.

 

<1> Uwe Krüger: Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse. Köln 2013

Uwe Krüger: Mainstream – Warum wir den Medien nicht mehr trauen. München 2016.

Aus gegebenem Anlaß: Das Zimmerwalder Manifest von 1915

Es sieht so aus, daß wir in einer Vorkriegszeit leben. Wenn man in die Geschichte schaut, erkennt man, daß sich die Bilder in erschreckender Weise gleichen. Wenn sich die Friedensfreunde nicht international vernetzen, werden sich wieder einmal junge Männer untertschiedlicher Nationalitäten totschießen,  und die Zivilbevölkerung massakriert. Das Zimmerwalder Manifest von 1915 wurde von Pazifisten unterschiedlicher Länder, die gegeneinander Krieg führten, in der neutralen Schweiz unterzeichnet.

Passen wir diesmal rechtzeitig auf!

Manifest internatsional noi sotsialisticheskoi konferentsii v Tsimmervalde (15.9.1915).
In: Trotzki, Voina i Revolyutsiya (Krieg und Revolution), 1922, Bd.II, S.52-55.
Deutscher Text nach: Angelica Balabanoff, Die Zimmerwalder Bewegung 1914-1919, Leipzig (Hirschfeld) 1928, S.17-20.
Transkription: Oliver Fleig und Sozialistische Klassiker.
HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.

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Initiator des Zimmerwalder Treffens: Robert Grimm

Vom 5.-8. September 1915 trat in dem Schweizer Dorf Zimmerwald bei Bern die erste internationale sozialistische Konferenz gegen den Ersten Weltkrieg zusammen, an der achtunddreißig Delegierte aus elf Ländern teilnahmen. Das Manifest wurde von der Konferenz mit nur geringfügigen Veränderungen „einstimmig und begeistert” angenommen

 

Proletarier Europas!

Mehr als ein Jahr dauert der Krieg. Millionen von Leichen bedecken die Schlachtfelder, Millionen von Menschen wurden für ihr ganzes Leben zu Krüppeln gemacht. Europa gleicht einem gigantischen Menschenschlachthaus. Die ganze, durch die Arbeit vieler Generationen geschaffene Kultur ist der Verwüstung geweiht. Die wildeste Barbarei feiert heute ihren Triumph über alles, was bis jetzt den Stolz der Menschheit ausmachte.

Welches auch immer die Wahrheit über die unmittelbare Verantwortung für den Ausbruch dieses Krieges sei – das eine steht fest: Der Krieg, der dieses Chaos erzeugte, ist die Folge des Imperialismus, des Strebens der kapitalistischen Klassen jeder Nation, ihre Profitgier durch die Ausbeutung der menschlichen Arbeit und der Naturschätze des ganzen Erdballs zu nähren.

Wirtschaftlich rückständige oder politisch schwache Nationen fallen dabei der Unterjochung durch die Großmächte anheim, die in diesem Kriege versuchen, die Weltkarte ihrem Ausbeutungsinteresse entsprechend mit Blut und Eisen neu zu gestalten. So droht ganzen Völkern und Ländern, wie Belgien, Polen, den Balkanstaaten, Armenien, das Geschick, als Beutestücke im Spiel der Kompensationen, ganz oder in Teile zerrissen, annektiert zu werden.

Die treibenden Kräfte des Krieges treten in seinem Verlauf in ihrer ganzen Niedertracht hervor. Fetzen um Fetzen jenes Schleiers fällt, mit dem der Sinn dieser Weltkatastrophe vor dem Bewusstsein der Völker verhüllt wurde. Die Kapitalisten aller Länder, die aus dem vergossenen Blut des Volkes das rote Gold der Kriegsprofite münzen, behaupten, der Krieg diene der Verteidigung des Vaterlandes, der Demokratie, der Befreiung unterdrückter Völker. Sie lügen. In Tat und Wahrheit begraben sie auf den Stätten der Verwüstung die Freiheit des eigenen Volkes mitsamt der Unabhängigkeit anderer Nationen. Neue Fesseln, neue Ketten, neue Lasten entstehen, und das Proletariat aller Länder, der siegreichen wie der besiegten, wird sie zu tragen haben. Hebung des Wohlstandes ward beim Ausbruch des Krieges verkündet – Not und Entbehrung, Arbeitslosigkeit und Teuerung, Unterernährung und Volksseuchen sind das wirkliche Ergebnis. Auf Jahrzehnte hinaus werden die Kriegskosten die besten Kräfte der Völker verzehren, die Errungenschaften der sozialen Reformen gefährden und jeden Schritt nach vorwärts verhindern.

Kulturelle Verödung, wirtschaftlicher Niedergang, politische Reaktion – das sind die Segnungen dieses gräuelvollen Völkerringens.

So enthüllt der Krieg die nackte Gestalt des modernen Kapitalismus, der nicht nur mit den Interessen der Arbeitermassen, nicht nur mit den Bedürfnissen der geschichtlichen Entwicklung, sondern mit den elementaren Bedingungen der menschlichen Gemeinschaft unvereinbar geworden ist.

Die herrschenden Gewalten der kapitalistischen Gesellschaft, in deren Händen das Geschick der Völker ruhte, die monarchischen wie die republikanischen Regierungen, die Geheimdiplomatie, die mächtigen Unternehmerorganisationen, die bürgerlichen Parteien, die kapitalistische Presse, die Kirche – sie alle tragen das volle Gewicht der Verantwortung für diesen Krieg, welcher aus der sie nährenden und von ihnen geschützten Gesellschaftsordnung entstanden ist und für ihre Interessen geführt wird.

Arbeiter! Ausgebeutet, entrechtet, missachtet nannte man euch beim Ausbruch des Krieges, als es galt, euch auf die Schlachtbank, dem Tode entgegenzuführen, Brüder und Kameraden. Und jetzt, da euch der Militarismus verkrüppelt, zerfleischt, erniedrigt und vernichtet, fordern die Herrschenden von euch die Preisgabe eurer Interessen, eurer Ziele, eurer Ideale, mit einem Wort: die sklavische Unterordnung unter den Burgfrieden. Man beraubt euch der Möglichkeit, eure Ansichten, eure Gefühle, euren Schmerz zu äußern, man verwehrt es euch, eure Forderungen zu erheben und sie zu vertreten. Die Presse geknebelt, die politischen Rechte und Freiheiten mit Füßen getreten – so herrscht heute Militärdiktatur mit eiserner Faust.

Diesem Zustand, der die gesamte Zukunft Europas und der Menschheit bedroht, können und dürfen wir nicht weiter tatenlos gegenüberstehen. Jahrzehntelang hat das sozialistische Proletariat den Kampf gegen den Militarismus geführt. Mit wachsender Besorgnis beschäftigten sich seine Vertreter auf ihren nationalen und internationalen Tagungen mit der aus dem Imperialismus immer bedrohlicher hervorgehenden Kriegsgefahr. Zu Stuttgart [1907], zu Kopenhagen [1910], zu Basel [1912] haben die internationalen sozialistischen Kongresse den Weg gezeichnet, den das Proletariat zu betreten hat.

Sozialistische Parteien und Arbeiterorganisationen verschiedener Länder, die diesen Weg mitbestimmten, haben die daraus fließenden Verpflichtungen seit Beginn des Krieges missachtet. Ihre Vertreter haben die Arbeiterschaft zur Einstellung des Klassenkampfes, des einzig möglichen und wirksamen Mittels der proletarischen Emanzipation, aufgefordert. Sie haben den herrschenden Klassen die Kredite zur Kriegsführung bewilligt, sie haben sich den Regierungen zu den verschiedensten Diensten zur Verfügung gestellt, sie haben durch ihre Presse und ihre Sendboten die Neutralen für die Regierungspolitik ihrer Länder zu gewinnen versucht, sie haben den Regierungen sozialistische Minister als Geiseln zur Wahrung des Burgfriedens ausgeliefert, und damit haben sie vor der Arbeiterklasse, vor ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft die Verantwortung für diesen Krieg, für seine Ziele und Methoden übernommen. Und wie die einzelnen Parteien, so versagte die berufenste Vertretung der Sozialisten aller Länder: das internationale sozialistische Büro.

Diese Tatsachen haben es mitverschuldet, dass die internationale Arbeiterklasse, die der nationalen Panik der ersten Kriegsperiode nicht anheimfiel oder sich davon befreite, noch bis jetzt, im zweiten Jahre des Völkermordens, keine Mittel und Wege fand, um den tatkräftigen Kampf für den Frieden gleichzeitig in allen Ländern aufzunehmen.

In dieser unerträglichen Lage haben wir, die Vertreter der sozialistischen Parteien, Gewerkschaften und ihrer Minderheiten, wir Deutsche, Franzosen, Italiener, Russen, Polen, Letten, Rumänen, Bulgaren, Schweden, Norweger, Holländer und Schweizer, wir, die nicht auf dem Boden der nationalen Solidarität mit der Ausbeuterklasse, sondern auf dem Boden der internationalen Solidarität des Proletariats und des Klassenkampfes stehen, uns zusammengefunden, um die zerrissenen Fäden der internationalen Beziehungen neu zu knüpfen und die Arbeiterklasse zur Selbstbesinnung und zum Kampfe für den Frieden aufzurufen.

Dieser Kampf ist der Kampf für die Freiheit, für die Völkerverbrüderung, für den Sozialismus. Es gilt, dieses Ringen um den Frieden aufzunehmen, für einen Frieden ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen. Ein solcher Friede aber ist nur möglich unter Verurteilung jedes Gedankens an eine Vergewaltigung der Rechte und Freiheiten der Völker. Weder die Besetzung von ganzen Ländern noch von einzelnen Landesteilen darf zu ihrer gewaltsamen Einverleibung führen. Keine Annexion, weder eine offene, noch eine maskierte, auch keine zwangsweise wirtschaftliche Angliederung, die durch politische Entrechtung nur noch unerträglicher gemacht wird. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker muss unerschütterlicher Grundsatz in der Ordnung der nationalen Verhältnisse sein.

Proletarier! Seit Ausbruch des Krieges habt ihr eure Tatkraft, euren Mut, eure Ausdauer in den Dienst der herrschenden Klassen gestellt. Nun gilt es, für die eigene Sache, für die heiligen Ziele des Sozialismus, für die Erlösung der unterdrückten Völker wie der geknechteten Klassen einzutreten durch den unversöhnlichen proletarischen Klassenkampf.

Aufgabe und Pflicht der Sozialisten der kriegführenden Länder ist es, diesen Kampf mit voller Wucht aufzunehmen, Aufgabe und Pflicht der Sozialisten der neutralen Staaten, ihre Brüder in diesem Ringen gegen die blutige Barbarei mit allen wirksamen Mitteln zu unterstützen.

Niemals in der Weltgeschichte gab es eine dringendere, eine höhere, eine erhabenere Aufgabe, deren Erfüllung unser gemeinsames Werk sein soll. Kein Opfer zu groß, keine Last zu schwer, um dieses Ziel: den Frieden unter den Völkern zu erreichen.

Arbeiter und Arbeiterinnen! Mütter und Väter! Witwen und Waisen! Verwundete und Verkrüppelte! Euch allen, die ihr vom Kriege und durch den Krieg leidet, rufen wir zu: Über die Grenzen, über die dampfenden Schlachtfelder, über die zerstörten Städte und Dörfer hinweg,

Proletarier aller Länder vereinigt euch!

Zimmerwald (Schweiz), im September 1915.

Im Namen der internationalen sozialistischen Konferenz:
Für die deutsche Delegation: Georg Ledebour, Adolf Hoffmann;
für die französische Delegation: A. Bourderon, A. Merrheim;
für die italienische Delegation: G.E. Modigliani, Constantino Lazzari;
für die russische Delegation: N. Lenin, Paul Axelrod, M. Bobrow;
für die polnische Delegation: St. Lapinski, A. Warski, Cz. Hanecki;
für die interbalkanische sozialistische Föderation: im Namen der rumänischen Delegation: C. Rakowski, im Namen der bulgarischen Delegation: Wassil Kolarow;
für die schwedische und norwegische Delegation: Z. Höglund, Ture Nerman;
für die holländische Delegation: H. Roland-Holst;
für die schweizerische Delegation: Robert Grimm, Charles Name.

Die Unabhängige Arbeiterpartei Englands hatte sich mit dem Zweck der Konferenz einverstanden erklärt und offizielle Delegierte zu ihren Verhandlungen bestimmt. Die Regierung des „freien, demokratischen“ Englands verweigerte aber den Delegierten ihre Pässe, so dass die Reise nach dem Konferenzort nicht erfolgen konnte. Aus diesem Grunde konnte das Manifest, dessen Richtlinien die Unabhängige Arbeiterpartei beistimmte, von Vertretern der englischen Arbeiterschaft nicht sofort unterzeichnet werden.