Der Zuchtmeister Afrikas: die AFRICOM

Wir schauen US-amerikanischen Soldaten bei ihrer Arbeit zu. Die uniformierten Männer sind nicht draußen auf dem Schlachtfeld. Und trotzdem wird hier geschlachtet. Die Jungs sitzen an Computermonitoren. Auf dem Schirm: eine thermographische Schwarzweiß-Übertragung von einem weit entfernten Ort. Die Bilder kommen von einem unbemannten Flugkörper, einer sogenannten Drone der Marke: MQ-9 Reaper. Reaper heißt zu deutsch: Erntemaschine, Rasenmäher, oder auch: Sensenmann.
Wir sehen unten eine Industrieanlage, vor der einige Männer rumlaufen. Der Soldat am Computermonitor fokussiert mit seinem Fadenkreuz-Cursor auf die Gruppe Männer. Dann lässt der Computer-GI eine Salve auf die Männer los. Doch: Shit! – die Männer laufen weg. Der Cursor folgt ihnen. Und: die ganze Straße geht in Flammen auf. Die weglaufenden Männer sind in wenigen Sekunden in Heißluft aufgelöst.
Treffer!
Dronen sind der neueste Hit im Arsenal der US-Streitkräfte. Permanent lösen sich jetzt in Pakistan, Afghanistan, Irak, oder Jemen Menschen in Heißluft auf – dank der neuen Sensenmann-Dronen mit ihren Hellfire-Flugkörpern. Hellfire heißt: Höllenfeuer. Und so flog neulich wieder den Bewohnern eines Flüchtlignscamps in Mussa Haji im Süden Somalias das Höllenfeuer um die Ohren. Angeblich wollten die US-Streitkräfte böse Buben der islamistischen al-Shabaab-Miliz in Luft auflösen.
Dabei sind nun aber mindestens zwanzig vom Hunger geplagte Zivilisten verbrannt worden, die vor dem Bürgerkrieg geflüchtet waren. Nicht genug, dass drei Millionen Menschen in Somalia vom Hungertod bedroht sind. Im Südteil Somalias herrscht die wahabitische Miliz al-Shabaab. Und immer wieder fallen Truppenverbände aus Uganda, Kenia oder Äthiopien in Südsomalia ein, um al-Shabaab zu bekämpfen. Im Hintergrund unterstützen die Streitkräfte der USA die afrikanischen Landtruppen aus der Luft mit Dronen. Das Risiko tragen die afrikanischen Infanteristen. Die Gis sitzen in ihren Fernsehsesesseln in der Luftlandebasis Arba Minch in Äthiopien und erledigen böse Buben mit dem Mausklick.
Das ist die Art, wie die USA schleichend und mit geringem Personalaufwand den Kontinent Afrika durchdringt und beherrscht. Geschickt werden Rivalitäten zwischen afrikanischen Staaten und Clanverbänden genutzt, um sich mit Militärbasen in Afrika fest einzurichten. Der Staat Eritrea hat zum Beispiel Angst vor Äthiopien. Kenia wiederum hat Angst, die Instabilität Somalias könnte auch das eigene Land anstecken. Also machen kenianische Truppen immer wieder Ausflüge nach Somalia, um al-Shabaab zu bekämpfen. Der von Äthiopien und USA eingesetzte Präsident Somalias, der froh sein kann, wenn er die Kontrolle über die Hauptstadt Mogadischu halten kann, hat an den kenianischen Strafexpeditionen nichts auszusetzen.
Diese verworrene Lage macht es den Strategen in Washington leicht, die Kontrolle in Afrika zu übernehmen. Die USA kontrollieren Afrika mit etwa 1.800 Soldaten, die im kleinen Staat Djibouti am Roten Meer zu Hause sind. Sie unterstehen einem speziell für Afrika eingerichteten Militärkommando, nämlich der Africom. Africom steht für: African Command.
Die USA sind nämlich das einzige Land der Erde, die den gesamten Erdball in Kommandozonen für ihre Streitkräfte eingeteilt haben. Es geht, wohlgemerkt, nicht um Militärbündnisse souveräner Staaten. Es geht hier einzig und allein um Kommandozonen der US-Streitkräfte. Seit 1986 gibt es nun die Centcom, zuständig für den Nahen Osten, Ägypten und Zentralasien; zweitens die EUCOM, zuständig für Europa, Russland, Kaukasus und Türkei; das PACOM, zuständig für den Pazifischen Ozean; die NORTHCOM, zuständig für Nordamerika und den Heimatschutz der USA; die SOUTHCOM, zuständig für Lateinamerika. Seit 2007 gibt es zudem die AFRICOM, die für den gesamten afrikanischen Kontinent ohne Ägypten zuständig ist.
In den Neunziger Jahren war das Interesse der USA an Afrika gleich null. Das änderte sich im Jahre 2002. Damals forderte eine Denkschrift der rechtsextremen und ungeheuer einflussreichen Heritage Foundation die Einrichtung einer eigenen Kommandantur für Afrika. Das Papier der Heritage-Stiftung stellt ganz trocken fest, dass sich unter dem Boden Afrikas große Ölvorkommen befinden. Man könne bei günstigen Rahmenbedingungen bis zum Jahre 2015 bis zu 25% des Ölbedarfs der USA aus Afrika importieren. Das sind dann deutlich mehr, als bislang aus der arabischen Halbinsel bezogen wird. Es geht nicht nur um das Öl in Libyen. Vielmehr hatten Geologen im Golf von Guinea an der Westküste Afrikas beachtliche Öl- und Gasvorkommen entdeckt. Zwischen dem Golf von Guinea und der amerikanischen Ostküste lieg nur der Atlantische Ozean. Der Weg ist relativ kurz und barrierefrei.
Folglich trommelten die USA im Jahre 2005 die Anrainerstaaten der Sahel-Zone am Südrand der Wüste Sahara zum Großmanöver Flintlock zusammen. Einige Tage wurde in der Wüste geballert, dass es so seine Art hatte. Rein zufällig ereignete sich in jenen Manöver-Tagen ein terroristischer Anschlag, bei dem 15 mauretanische Soldaten getötet wurden. Schuld war angeblich die algerische Islam-Miliz mit Namen GSPC. Der englische Sender BBC zitierte den britischen Sahara-Experten Jeremy Keenan mit den Worten: „Keiner hier glaubt, dass die GSPC hinter den Anschlägen steckt. Die Koinzidenz mit dem Manöver Flintlock ist gar zu auffällig.“ Mauretanische Journalisten ergänzten, dass die GSPC gar kein Interesse daran haben könnte, Mauretanien zu verärgern, da Mauretanien ihnen Unterschlupf gewährt.
Die Symbiose von terroristischen Milizen und dem Vorkommen von Öl oder anderen Bodenschätzen blieb jedoch ein Dauerbrenner in der Arbeit der AFRICOM. Von den USA angeleitete Spezialverbände jagen seitdem böse Buben im Tschad, Algerien, an der gesamten Westküste Afrikas, in Äthiopien, Somalia, Kenia, Kongo, Tansania – und demnächst auch in Uganda. Plötzlich fielen alle Staaten am Golf von Guinea wie Kartenhäuser zusammen, und es schlossen sich extrem blutige Bürgerkriege an. Es ist kein Geheimnis, dass hinter den destabilisierenden Terror-Schwadronen ausländische Mächte stecken. Den westlichen Medien bieten die Bilder von den Schlachtfesten immer wieder den Vorwand für die Behauptung, diese Afrikaner seien sowieso nicht in der Lage, ihre Länder gut zu führen.
US-Präsident George Bush der jüngere gab im Jahre 2007 den US-amerikanischen Militärinterventionen mit dem neuen Regionalkommando AFRICOM einen eigenen organisatorischen Rahmen. Da kein Land in Afrika die neue Leitzentrale der AFRICOM beherbergen wollte, ist das Steuerungszentrum der US-Streitkräfte jetzt in einem angeblich souveränen Partnerland untergebracht: nämlich in Stuttgart-Möhringen, in den Kelley-Barracks in good old Germany.
Den Staatsmännern in Afrika ist das neokoloniale Instrument AFRICOM einigermaßen unheimlich. Doch auch in den USA haben so einige Politiker Bauchschmerzen bei dem Gedanken, dass ihr Land sich wieder einmal vornehmlich mit militärischen Leistungen hervortut. Im Washingtoner Bundesparlament, dem Kongress, fand zu AFRICOM im Jahre 2009 eine Anhörung statt. Der Saal des Repräsentantenhauses ist nur spärlich besetzt. Anscheinend haben die Abgeordneten anderes zu tun, als sch mit Afrika zu beschäftigen, und dann auch noch kritisch.
Auf dem Podium hockt der Abgeordnete für den Bundesstaat Massachusetts, der Demokrat John Tierney, und nimmt gerade einen Kommandanten der AFRICOM in den Schwitzkasten. Ein bisschen arrogant seinen Kopf auf seine linke Hand gestützt, fragt Tierney den wackeren Militärmann, ob noch mehr Militär wohl die Probleme Afrikas lösen könne:

„Nun sagen uns Experten und Betroffene aus der Region immer wieder, die Probleme Afrikas seien Hunger, Krankheit, schlechte Infrastruktur, inkompetente Verwaltung und korrupte Politiker. Was zum Henker sollen wir also dort mit noch mehr Militär anfangen?! Da bauschen wir das militärische Kommando Africom auf. Da machen wir doch den selben Fehler, den wir wo anders schon immer machen! Es geht hier um Öl. Da trampelt das Militär herum, und in ihrem Schlepptau geistert Al Quaida durch die Gegend!“

Was soll ihm das arme Würstchen von Militärmann denn darauf antworten? Die Entscheidungen werden doch ganz wo anders getroffen. In den großen Konzernleitungen nämlich, bei den Politikern und den Vordenkern aus den konservativen Thinktanks.
Natürlich ist auch dort angekommen, dass man in Afrika ein bisschen Goodwill zeigen muss. Und so bohren in Djibouti, wo die Afrikom 1.800 Gis stationiert hat, US-Soldaten in klobigen Kampfklamotten Wasserbrunnen für die Fellachen, und Tierärztinnen in Uniform impfen magere Rinder. Ob so etwas wohl den Menschen vor Ort hilft?
Kenneth Baker ist ein würdiger älterer Amerikaner im Anzug und mit gut sitzender Fliege. Früher war er für die Öffentlichkeitsarbeit des amerikanischen Verteidigungsministeriums zuständig. Jetzt arbeitet er für die Nichtregierungsorganisation „Refugees International“, also in der Flüchtlingshilfe in Afrika. Er sagt in einem Beitrag der BBC, dass zivile Hilfsorganisationen den Job viel besser machen können als das Militär:

„Bei besonderen Anlässen kann es geboten sein, auch das Militär in zivile Hilfsmaßnahmen einzubeziehen. Aber die alltägliche Arbeit machen zivile Hilfsorganisationen wie Save the Children viel effektiver und preisgünstiger.“

Das ist es. Anstatt dauernd massenhaft neue Waffen in den geplagten Kontinent Afrika reinzupumpen, und auch den letzten stillen Ort in der Wüste zum Kriegsschauplatz zu machen, müssten die blutbeschmierten Geldbeträge für die Aufrüstung in zivile Aufbauprojekte fließen.

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